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Vatikan

Freund Franz

Aus: Christ & Welt Ausgabe 26/2013

Seit 100 Tagen mischt Papst Franziskus den Vatikan auf. Noch hat er keinen entscheidenden Posten neu besetzt, doch die wichtigste Kurienreform hat längst begonnen: Ein Papst nimmt die Wirklichkeit wahr

Schon 100 Tage dauert Franziskus’ – ja was eigentlich? Das wichtigtuerische Wort „Pontifikat“ passt nicht zu ihm, die bürokratische „Amtszeit“ erst recht nicht. Seit gut drei Monaten jedenfalls erschüttert Franziskus Rom, außerhalb des Vatikans sind seine Sympathiewerte stabil. Rund zwei Drittel der Deutschen zum Beispiel finden das neue Kirchenoberhaupt nett. Sie könnten sich den patenten Papst und die patente Nonne aus der ARD-Serie „Um Himmels willen“ tangotanzend vorstellen. Benedikt XVI. beim Ausfallschritt mit Schwester Hanna – das hätte deutlich mehr Fantasie verlangt.

Der durchschnittliche Medienkonsument hat aber schon ein wenig das Interesse an dem Argentinier verloren, seit der nicht mehr ganz so neu ist. Nicht einmal die Gelage im Vatikan, seien sie nun erotisch oder kulinarisch gelagert, bringen Franziskus besonders viel säkulare Aufmerksamkeit. Um das Interesse der Kirchenfernen wieder zu wecken, müsste der Armutsprediger schon höchstselbst die Bescheidenheitsrituale mit einer Hummerorgie durchbrechen.

Für Katholiken aber ist auch nach 100 Tagen noch keine Routine eingekehrt. Es erscheint immer erstaunlicher, wie das alles am 13.März passieren konnte. Da wird einer Papst, obwohl er verständlich benennt, was er wahrnimmt. Bis dato galt in Rom ein anderes Credo: Wenn die Wirklichkeit von unserer Vorstellung abweicht, dann hat eben die Wirklichkeit ein Problem. Wer hat Wahrnehmung nötig, wenn er die Wahrheit gepachtet hat?

Der Mann vom anderen Ende der Welt konnte sich den Luxus der Wirklichkeitsignoranz nie leisten, und er leistet ihn sich auch im Vatikan nicht. Vor einer Woche wurde das Protokoll eines Treffens zwischen Franziskus und Vorstandsmitgliedern der Lateinamerikanischen und Karibischen Konferenz der Ordensleute bekannt. Der Papst stellte im Gespräch klar: Es ist eben doch, was nicht sein darf.

Es gibt schwule Prälaten, geldgierige Kardinäle und adipöse Monsignores. Sie leben in Buenos Aires, Rio, Köln, Nairobi und eben auch im Dunstkreis des Petersdoms. Wer wie Franziskus die Seilschaften benennt, ist weder schwulen- noch kapitalismus-, noch leibfeindlich. Er ist vor allem weniger erpressbar.

Die Rede von Kardinal Jorge Mario Bergoglio beim Konklave wurde in der Kirchenzeitung von Havanna veröffentlicht. Ein Freund sorgte dafür. Das Protokoll des Gesprächs mit den Ordensleuten verbreitete sich zunächst in Chile, dann erst in Europa. Dass der Bischof von Rom selbst hinter diesem Spiel über lateinamerikanisch-karibische Bande steckt, lässt sich zwar nicht beweisen, aber zuzutrauen wäre es ihm. Es bedarf keines Journalisten namens Gianluigi Nuzzi mehr, um die zweite Stufe von Vatileaks zu zünden; der erste Papst namens Franziskus reicht völlig. Öffentlichkeit ist für ihn nicht der Feind der Offenbarung. Sie ist der Verbündete.

Über die Großthemen in öffentlichen Debatten hat er bisher keine Worte verloren. Er redet lieber über Zärtlichkeit als über Sexualmoral, auf Mütter verwendet er hingebungsvoller seine Gedanken als auf die Frauenordination. Er predigt über den Sinn des Fluchens mindestens so gewinnend wie über den Sinn des Lebens. Franziskus gibt sich freundlich, aber er lässt sich von niemandem als Freund vereinnahmen: nicht von den Lebensschützern, die ihn am vergangenen Wochenende besuchten, nicht von den Reformpapierschreibern, die nun den Schulterschluss mit dem obersten Kleruskritiker suchen. Nicht vom EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider, der als Erster aus Deutschland den Papst besucht hat.

Die kirchlichen Netzwerker verlieren langsam die Geduld mit dem Neuen. Gemeinhin hängen sie gut sichtbar Fotos vom Typ „Ich, mein Rosenkranz und der Papst“ in ihr Büro. Da aber auch im Arbeitszimmer einer wiederverheirateten Protestantin der Schnappschuss eines fröhlichen Franziskus mit Angela Merkel stehen könnte, ist für diese Freundeskreise der Reiz der Exklusivität weg. Wo kämen sie hin, wenn der Heilige Vater allen gehörte, die ihm zuhören, und nicht nur den rechtgläubigen Söhnen?


Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, spricht den Besorgten aus dem Herzen. Vor wenigen Tagen gab er sich in einem Artikel für „Die Tagespost“ päpstlicher als der Papst. Er führte dogmatisch detailliert aus, warum wiederverheiratete Geschiedene keine Sakramente empfangen dürfen. Geoffenbarte Wahrheit sei das. Pech für die Wirklichkeit. „Endlich Klartext“, jubelten Facebook-Freunde des Präfekten. Doch selbst wenn Franziskus mutmaßlich nicht minder als Müller an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält: Wer eine Kirche der Genugtuung, der Häme und des Geifers erbaut, findet in Franz keinen Freund.

Vor einigen Wochen lobte diese Redaktion eine Belohnung aus: Wer es schafft, in einer Publikumsdiskussion zum Thema Kirche 90 Minuten lang auf Klerus-Bashing und Journalistenschelte zu verzichten, sollte ein Freiabo von Christ?&?Welt bekommen. Leser E. aus K. kam das Angebot fragwürdig vor: „Warum ein Fremdwort wie Klerus-Bashing?“, wollte er wissen. Wir fragten zurück: Welchen Teil des beanstandeten Wortes verstehen Sie nicht, den Klerus oder das Bashing? Klerus sei ihm im „schwarzen Bayern“ durchaus geläufig, Bashing nicht, antwortete Herr E. und bedankte sich für die „kritischen, aber wohltuenden Beiträge“. Wir schließen daraus, dass Hiebe für die Geistlichkeit beim Publikum gut ankommen, solange sie ohne Anglizismen auskommen.

Trotz dieser Vorgeschichte haben wir der neuen Kolumne auf Seite zwei den Titel „Franz&Friends“ gegeben. Der deutsche Stabreim kann kaum über den Anglizismus hinwegtäuschen. Der Zweck heiligt das Denglische: „Franz&Friends“ tut zumindest so, als sei es möglich, heiter und gelassen Christ zu sein. Mehr noch: „Franz&Friends“, das hört sich fast so an, als könne der Mensch katholisch sein und freundlich bleiben.

Häme und Geifer lassen sich nun lächelnd ertragen, denn sie gehen ins Leere und nicht mehr ins Zentrum der Macht. Der Katholizismus des „Du nicht!“ sieht nach 100 Franziskus-Tagen alt aus. „Komm, wie du bist“ – diese Botschaft ist die eigentliche Kurienreform. Wir sind so freundlich und schließen auch die Glaubenskongregation in unser Gebet ein.

Erschienen in:
Ausgabe 26/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Papst