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Katholische Kirche und Theologie

Freiheit in engen Grenzen

Aus: Christ & Welt Ausgabe 7/2011

Mehr als 300 katholische Theologen haben ein Memorandum für weitreichende Reformen in der Kirche unterschrieben. Der Konflikt reicht tief: Lehramt contra Lehrstuhl.

"Theolunken“, ätzte das eher konservative Internetportal „Kreuznet“ gegen die 311 Theologen, deren Memorandum den deutschen Teil des katholischen Kosmos in Unordnung brachte. Inzwischen soll es mehr als 200 Unterschriften tragen. Ein Symptom für eine schwierige Beziehung. „Es bleibt ein sensibles Thema, wie wir den Weg der Kirche kritisch begleiten“, sagt eine Unterzeichnerin, die nicht genannt werden will. Dass manche Kollegen nicht unterzeichnet haben, erklärt sie mit der Sorge um Konsequenzen für Studenten. Eine Keimzelle des Textes ist die Universität Münster, in Tübingen haben mehrere Theologen unterschrieben, dazwischen klaffen Löcher. Ein Hinweis, sagt die Theologin, wo die Angst kleiner und wo größer ist. In welchem Klima gedeiht katholische Theologie?

Lehrstuhl und Lehramt suchen ein Verhältnis zueinander. Lehramt, das sind der Bischof und der Papst. Kein katholischer Theologe bekommt eine Professur ohne ein „Nihil obstat“, eine Art kirchliches Führungszeugnis, ausgestellt vom Bischof und vom Vatikan. Es bescheinigt „vorbildliches Leben, Echtheit der Lehre und Pflichtbewusstsein sowie die volle Gemeinschaft mit dem authentischen Lehramt der Kirche, insbesondere mit dem Papst“. Wem das Nihil obstat verwehrt wurde, der fragt mitunter vergebens nach Gründen. Deshalb fordert das Memorandum kirchliche Verwaltungsgerichte, die feststellen, ob das Verfahren richtig abgelaufen ist.

„Wir fühlen uns von Rom gegängelt“, schleuderte der 2010 emeritierte katholische Ethiker Dietmar Mieth auf einer Tagung europäischer Theologen in den Raum. Gerade hatte Friedrich Bechina, der österreichische Pater von der geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“, die Rolle der Theologen in der katholischen Kirche gewürdigt. Bechinas Arbeitgeber ist die vatikanische Kongregation für das Bildungswesen. Sie ist auch für Universitäten zuständig. 2000 wurde Mieths hoch talentierter Schülerin Regina Ammicht Quinn das Nihil obstat in Augsburg verweigert, drei Jahre später in Saarbrücken, und der zuständige Bischof Reinhard Marx blieb, wie Mieth beanstandet, eine inhaltliche Begründung schuldig. Ammicht Quinn ist heute Staatsrätin für den interkulturellen Dialog in Baden-Württemberg.

Als die römische Glaubenskongregation unter Leitung von Joseph Kardinal Ratzinger 1990 eine Instruktion über die kirchliche Berufung von Theologen veröffentlichte, erklärte der Vatikan, der Text habe nichts mit der „Kölner Erklärung“ aus dem Vorjahr zu tun. Doch die 220 katholischen deutschsprachigen Theologieprofessoren, die sich darin kritisch mit der Praxis von Bischofsernennungen, der kirchlichen Lehrerlaubnis und dem lehramtlichen Anspruch in moraltheologischen Fragen auseinandergesetzt hatten, dürften sich in dem vatikanischen Dokument doch wiedergefunden haben.
Rom setzte darin der Eigenständigkeit der Theologie enge Grenzen: „Die der theologischen Forschung eigene Freiheit gilt innerhalb des Glaubens der Kirche, den das Lehramt festlegt.“ Wolle der Theologe seiner Aufgabe treu bleiben, „muss er die dem Lehramt eigene Sendung beachten und mit ihm zusammenarbeiten“. Die Regularien für den Fall des Dissenses zwischen Lehramt und Theologie lassen sich kaum anders denn als Unterordnung der Wissenschaft unter die Leitungsgewalt der Bischöfe lesen.
Die Instruktion markiert den Höhepunkt einer Entfremdung, die in Deutschland im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts maßgeblich durch den Entzug der Lehrerlaubnis der Theologen Hans Küng 1979 und Eugen Drewermann 1991 geprägt wurde.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren es dagegen noch Theologen, die an der neuen Ausrichtung der Kirche maßgeblich mitwirkten. Bischöfe, die zumeist traditionell ausgebildet worden waren, brachten junge Theologen mit nach Rom, die in den Konzilskommissionen entscheidend Einfluss nahmen: Henri de Lubac, Yves Congar, Karl Rahner oder auch Joseph Ratzinger sorgten dafür, dass zahlreiche erste Textvorlagen der Kurie, die fast alle in traditioneller Theologie verfasst waren, umgearbeitet wurden. „Diese Form der Zusammenarbeit zeigte, wie eine fast naturgegebene Spannung zwischen Forschung und Lehramt fruchtbar werden kann, und zwar auf der höchsten Ebene eines kirchlichen Lehrvorganges, wie es das Konzil ist“, erinnerte sich der frühere Weihbischof von Wien, Helmut Krätzl, kürzlich in einem Vortrag an der Uni Wien.

In deutschen theologischen Fakultäten wird heute viel geklagt – über das Misstrauen von Bischöfen. Intensive Kontakte bestehen selten. Standen früher Moraltheologen unter besonderer Beobachtung, sind es heute eher die Dogmatiker. In der Ekklesiologie, der Lehre über die Kirche, „wird peinlich genau darauf geachtet, wer was vertritt, insbesondere in der Ämterfrage“, sagt ein Ordinarius. Aus Angst vor Sanktionen will er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Von Schwierigkeiten berichtet eine Reihe junger Wissenschaftler, die kein Nihil obstat bekommen. Rom erkennt ihren Doktorgrad nicht an, der wiederum die Voraussetzung für die Habilitation ist, also die Befähigung, einen Lehrstuhl einzunehmen. Sie müssen, für akademische Verhältnisse ungewöhnlich, nachträglich ein Diplom machen. Dazu kommt eine Quotierung, sagt Mieth. Rom achtet darauf, dass der Anteil der Priester unter den Professoren eher wächst. Er sieht darin eine „Rücknahme der Teilautonomie der theologischen Fakultäten“. Unter dem Vorsitz des Aachener Bischofs Heinrich Mussinghoff hat eine Gruppe jetzt Verfahrensregeln aufgestellt. Vor einem Jahr bat der Wissenschaftsrat, das höchste Beratungsgremium der Bildungsminister, die katholische Kirche, ihr Einspruchsrecht bei der Habilitation aufzugeben, weil es sich um ein rein akademisches Verfahren handelt. Die Theologin, die ungenannt bleiben will, findet das nachvollziehbar. Vorher und nachher, bei der Promotion wie bei der Berufung, geht ohnehin nichts ohne die Kirche. Doch die Bischöfe lehnten ab.

Natürlich muss die Theologie eine Beschränkung akzeptieren. Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann macht zu Recht geltend, der Lehrstuhl solle sich bewusst bleiben, dass er „nicht für alle Fragen des kirchlichen Lebens allein kompetent ist“. Kirchliche Grundentscheidungen umfassten viele nichttheologische Faktoren: die praktische Realisierbarkeit etwa oder kirchenpolitische Gesichtspunkte. Lehmann folgert: „Es gibt einen falschen, weil totalitären Anspruch der Theologie auf das Ganze des Glaubens und des kirchlichen Lebens. Große Theologie hat immer um den Dienst- und Angebotscharakter ihrer Glaubensreflexion gewusst.“ Doch plädiert Lehmann auch dafür, Konflikte zwischen Lehrstuhl und Lehramt „nicht von vornherein und durchgehend misstrauisch zu betrachten“. Vor allem sei wichtig, „dass man Spielregeln zur Konfliktbewältigung einhält“. Ein Indiz dafür, dass das nicht selbstverständlich ist.

Erschienen in:
Ausgabe 7/2011
Redakteur:
Matthias Gierth und Wolfgang Thielmann (Freier Autor und Redakteur)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Papst