www.zeit.deProbe-Abo

Geisteswelt

Frei und Fromm

Aus: Christ & Welt Ausgabe 08/2013

Der Lektor der Papstbücher kennt Joseph Ratzingers Denken wie kaum ein anderer. Dieser Abschied passt zu Benedikt XVI., meint Burkhard Menke

Woran merkt ein Lektor, wenn die geistigen Kräfte eines Autors schwinden? Wenn es Autoren gibt, bei denen sich diese Frage beantworten ließe, so gehört Benedikt XVI. nicht dazu. Im Gegenteil. Seine Rücktrittsankündigung zeigt meines Erachtens, dass seine geistigen Kräfte ohne Abstriche präsent sind und dass er sich fulminant treu bleibt. Der Rücktritt ist offensichtlich gut durchdacht, innerlich und äußerlich lange vorbereitet, und er liegt auf der Linie seines Wahlspruchs „Mitarbeiter der Wahrheit“.

Ein Mitarbeiter weiß, dass er nicht die Hauptperson ist. Joseph Ratzinger ist ein Mann, dem es um die Sache geht und der sich selbst dahinter zurücknimmt. Da war er als Autor bei Fragen rund um seine Bücher nicht anders als auf der großen kirchenpolitischen Bühne. Um der Sache willen hat er als Kardinal die ungeliebte Rolle des obersten Glaubenshüters ausgefüllt, dafür persönliche Angriffe ertragen und den Dienst von Mal zu Mal verlängert, als Johannes Paul II. ihn nicht in den ersehnten Ruhestand gehen ließ. Aus Pflichtbewusstsein hat er im April 2005 alle Pläne zurückgestellt und die Wahl zum Papst angenommen. Und aus Pflichtbewusstsein tritt er jetzt zurück – „zum Wohl der Kirche“, wie er sagt, weil die Kräfte nicht mehr reichen, dem Dienst gerecht zu werden.

Zur Wahrheit gehören Authentizität und Transparenz. Ich finde es hilfreich, dazu eine biografische Linie zu ziehen: Die demütigende Erfahrung, im Verfahren um seine Habilitationsschrift einem quasi allmächtigen Gegenüber hilflos ausgeliefert gewesen zu sein, brachte Ratzinger dazu, schon auf dem Zweiten Vatikanum eine Reform der obersten Glaubensbehörde zu fordern. Sie müsse, sagte er, den kritisierten Theologen ein transparentes Verfahren ermöglichen und ihre Entscheidungen nachvollziehbar begründen. Paul VI. setzte diese Forderung schon 1965 um.

Als Ratzinger später selbst Leiter der Glaubenskongregation wurde, arbeitete er in diesem Sinn weiter, zum Beispiel durch Erklärungen, die Gründe für Beanstandungen verständlich machen sollten. Auch wer Ratzingers Beurteilungen inhaltlich nicht teilt, kann sehen, dass sich gegenüber früher der Grad vatikanischer Transparenz deutlich erhöht hat. 1998 öffnete der Kardinal das Archiv der Inquisition für die Forschung. 2001 zog er die Zuständigkeit für die Missbrauchsfälle in den USA von den allzu untätigen amerikanischen Bischöfen ab, holte sie an seine Behörde und brachte das Thema auf die vatikanische Agenda; den römischen Richtlinien von 2001 folgten die deutschen von 2002. Kardinal Schönborn machte 2010 öffentlich, dass Ratzinger Mitte der Neunzigerjahre die Missbrauchsvorwürfe gegen den Wiener Kardinal Groër aufklären wollte, aber dass Kardinalstaatssekretär Sodano dies verhinderte.

Die Linie von Authentizität und Transparenz setzte sich auch nach der Wahl fort. Als erster Papst der Geschichte gab Benedikt XVI. Interviews im Radio, im Fernsehen und in Buchform (bei laufendem Tonband, ohne vorherige schriftliche Vorlage und an den vatikanischen Behörden vorbei); er führte freie Debatten auf Bischofssynoden ein; er bekannte sich als Mensch auf der Suche, der unter dem Schweigen Gottes leidet, und lud in den Jesusbüchern zur Diskussion, ja zum Widerspruch ein. Im Band über die Kindheitsgeschichten schrieb er, die auf Augustinus zurückgehende traditionelle Erklärung dafür, wie man die Jungfräulichkeit Marias mit ihrer Ehe mit Josef zusammendenken könne, sei nicht überzeugend, auch wenn es keine andere Erklärung gebe.

Zuzugeben, keine Lösung zu haben, ist für ihn besser, als gegen die eigene Überzeugung eine falsche zu vertreten, selbst wenn sie seit Jahrhunderten gegolten hat. Alles muss Tageslicht vertragen, alles muss Anfragen der Vernunft standhalten. Die Regensburger Rede von 2006 steht dafür exemplarisch: Vernunft braucht Religion, sonst kann sie die Wirklichkeit nicht ganz verstehen, und Religion braucht Vernunft, sonst wird sie anfällig für Gewalt und Machtmissbrauch.

In Rom darf nicht mal der Papst alles sagen, vor allem nicht, wenn er dort als Liberaler gilt. Benedikt hat seine eigenen Wege gefunden. Im Gesprächsband „Licht der Welt“ mit Peter Seewald zeigte er sich als Seelsorger, der durchblicken ließ, dass man in Fragen der Lebensführung zwar am Ideal festhalten, aber beim Einzelnen immer das konkrete Schicksal sehen und das persönliche Gewissen respektieren muss.

Dem folgt er nun auch selbst. Er bleibt auf seiner Linie von Authentizität und Transparenz, von Ehrlichkeit und eindeutigen Verhältnissen. Er war für manche Überraschung gut, von denen freilich nicht alle Widerhall fanden. So ist diese Überraschung weniger überraschend, als es scheint. Benedikt hat die Lähmung durch das lange Siechtum von Johannes Paul II. aus nächster Nähe erlebt. Schon im April 2009 besuchte er das Grab des zurückgetretenen Papstes Coelestin V. in den Abruzzen. In „Licht der Welt“ sagte er, mitten in der Krise mute man seine Aufgaben nicht einem anderen zu: „Zurücktreten kann man in einer friedlichen Minute, oder wenn man einfach nicht mehr kann.“

Beides scheint nun gegeben. Piusbrüder, Missbrauchskrise und Vatileaks sind im Moment nicht mehr akut turbulent – die Wunden schmerzen, aber sind geschlagen. In seinem unmittelbaren Umfeld ist das Haus bestellt. Er hat seinem Sekretär als Erzbischof ein bleibendes Standing verschafft. Er hat dem Verräter Paolo Gabriele verziehen. Eine Wohnung ist bereit. Für 2013 waren keine Reisen zugesagt und außer den italienischen keine Bischöfe zu Ad-limina-Besuchen eingeladen. Im Programm von Queen Elizabeth in Rom im März fehlte eine Visite im Vatikan.

Dieser Rücktritt ist lange und sorgfältig geplant. Benedikts Bruder Georg sagt, er habe seit Monaten von dem Schritt gewusst. Bis auf die nicht erschienene Enzyklika über den Glauben passt alles. Der Termin des Konklaves Mitte März erlaubt ein Ostern mit dem neuen Papst. Der Nachfolger wird schon einer neuen Ära angehören, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, dass dieses Amt auf Lebenszeit vergeben wird. Viele rufen nach Reformen der Kirche. Hier ist eine fundamentale.

In der Begegnung war Benedikt die zunehmende Müdigkeit anzusehen. Aber die Kräfte, die ihm geschwunden sind, sind nicht seine geistigen.


Burkhard Menke ist Lektor der Jesus-Bücher im Verlag Herder
und Herausgeber der Zeitschrift  „Gemeinsam glauben“.


Erschienen in:
Ausgabe 08/2013
Redakteur:
Burkhard Menke (Papst-Lektor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Papst