Hintergrund
Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Jein
Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2012
Vor zwei Monaten entschieden die Bischöfe unter großem öffentlichem Druck, sich von Weltbild zu trennen. Wollen sie den Verkauf wirklich? Erste Zweifler gibt es
Die Vatikan-Bibel kostet bei Weltbild statt 268 Euro nur 149 Euro. Kunden, die sich für das 1000-Seiten-Werk mit Lesebändchen im roten Schmuckschuber interessieren, bekommen die Anregung, sich auch ein Werk des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx anzuschauen. „Das Kapital“ wurde von 19,95 Euro auf 6,99 reduziert. 65 Prozent Ersparnis rechnet die Homepage in roten Zahlen vor.
Bibeln und Bischofsbücher als Ramsch – das sieht nach Rache aus. Immerhin haben einige bibelfeste Bischöfe Weltbild in den vergangenen Monaten wie Schmuddelware behandelt. Ende November hat die katholische Kirche den Ausstieg aus dem Milliardenkonzern beschlossen. Doch noch gehört Weltbild zwölf Diözesen, der Soldatenseelsorge und über den Verband der Diözesen (VDD) der gesamten deutschen katholischen Kirche.
Möglicherweise lernen einige Gesellschafter gerade jetzt, das Unternehmen zu lieben. Oder wenigstens den Verkaufsbeschluss zu bedauern. Ein Haus mit solcher Marktmacht und einem solchen Adressenbestand könnte ein nützliches Kommunikationsinstrument sein. Wer die Katzenhöhle mit Kratzbrett bestellt, ist vielleicht eines Tages reif für eine sanfte spirituelle Einschlafhilfe.
Die Diskussion der vergangenen Monate habe dem Weihnachtsgeschäft nicht geschadet, versichert die Konzernsprecherin. Das Weltbild-Image aber hat gelitten: Der Verkaufsentscheidung ging eine Schlammschlacht um Schlafzimmerthemen und Schlampeninternate voraus. Das brav daherkommende Unternehmen stand plötzlich als Beate-Uhse-Double in katholischer Reizwäsche da. Ebenso engagierte wie E-Mail-versierte Gläubige hatten im Weltbild-Angebot Bücher entdeckt, die mit der Sexualmoral kollidieren. Sie schickten Mails an die Bischöfe und ans vatikanische Staatssekretariat. Anfang November nahm sich Benedikt XVI. höchstselbst des Falls an und forderte die deutsche Kirche auf, endlich der Pornografie den Kampf anzusagen. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner nahm den Heiligen Vater beim gar nicht ausgesprochenen Weltbild-Wort. „Es geht nicht, dass wir in der Woche verkaufen, wogegen wir sonntags predigen“, sagte er in einem Interview. „Weg von Weltbild“, hieß das konkret.
Der liberalen Fraktion in der Bischofskonferenz fehlten derart anschauliche Argumente. Selbst den Weltbild gewogenen Würdenträgern fiel es schwer, das Sortiment glaubwürdig zu verteidigen. Sie hatten, ganz Kirche in der Welt, bei einem Global Player mitmischen wollen, aber sie bekamen das Gefühl, dass ihnen übel mitgespielt wurde. Die Geschäftsführung rechnete derweil eine Rechtfertigung vor: Nur 0,017 Prozent des Umsatzes seien mit den erotischen Titeln gemacht worden. Doch da ging es längst nicht mehr um Prozentanteile, sondern ums Prinzip.
Eine diskrete Bereinigung des Angebots war unter der Papst-und-Porno-Pression unmöglich geworden, am 21.?November 2011 verkündete der Verband der Diözesen Deutschlands, dass die „angezeigten organisatorischen und strukturellen Maßnahmen für eine Veräußerung der Verlagsgruppe Weltbild GmbH ohne jeden Verzug entschlossen aufgenommen werden“. Da war die Mahnung aus Rom gerade zwei Wochen alt, eine sensationell schnelle Reaktion in der ansonsten eher entschleunigten Großinstitution.
Wer sein Lesebändchen in der Bibel auf Matthäus 5,37 gelegt hat, findet dort das Jesus-Wort: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein.“ Die Erklärung des VDD klang zunächst nach einem klaren Nein: „Ohne jeden Verzug“, „entschlossen“, stand da. Doch zwei Monate später wird deutlich, dass die Businesswelt zwischen Ja und Nein deutlich mehr im Angebot hat als die Bergpredigt. Weder Weltbild-Geschäftsführung noch Gesellschafter möchten derzeit über den Stand der Verkaufsbemühungen Auskunft geben. Immerhin äußerte sich kürzlich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch: „Wir werden den Verlag nicht auf überhastete Weise verkaufen“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. An sich eine Selbstverständlichkeit: Ein Konzern mit rund 6500 Beschäftigten, einem angeblichen Jahresumsatz von 1,65 Milliarden Euro und einer schwer durchschaubaren Beteiligungsstruktur lässt sich nicht mal eben feilbieten.
Möglicherweise spielen einige Gesellschafter auf Zeit, weil sie Weltbild mehr schätzen, als sie unter dem Druck der Kampagne zugeben konnten. An welche Bedingungen wird der Verkauf geknüpft? An so viele, dass sich kein ernsthafter Interessent mehr findet? War das November-Nein doch nur ein „Nein, aber“?
Aus vollem Herzen haben Kirche und Konzern auch vor der Erregung öffentlichen Ärgernisses nicht zueinander Ja gesagt. Der Augsburger Verlag begann Ende der 1940er-Jahre mit dem frommen Herrenmagazin „Mann in der Zeit“. Je erfolgreicher das Unternehmen Jahrzehnte später unter Geschäftsführer Carel Halff wurde, desto mehr emanzipierte es sich von der Kirche. Wer wem dankbar zu sein habe, formulierte der Betriebsratsvorsitzende Peter Fitz unmissverständlich: „Die Ideen und der persönliche Einsatz der Mitarbeiter haben aus einer katholischen Klitsche ein Milliardenunternehmen gemacht“, sagte er nach Angaben der Katholischen Nachrichten-Agentur an die Adresse der Bischöfe.
Weltbild hat laut Satzung das Ziel, „die Grundanliegen der katholischen Kirche und des von ihr verkündeten christlichen Menschen- und Weltbildes in der Öffentlichkeit zu unterstützen“. In den Katalogen wird auf christliche Titel hingewiesen, es gab erfolgreiche Bibeleditionen und Bücher mit Weltbild-Logo zum Papstbesuch. „Katholische Kosmetik“, monierten Beobachter seit Jahren. Die Kritik wurde lauter, als sich der Verlag von seinem missionarischen Kerngeschäft, den Periodika, trennte. Das „Weltbild Magazin“ bekam zum neuen Jahrtausend einen Relaunch, nach wenigen Heften endete Mitte 2001 die Geduld mit dem einstigen Vorzeigeblatt. Die anderen Zeitschriften gingen 2008 an den französischen Bayard Verlag.
Das Sortiment wuchs stetig, der Kirche wuchs der Konzern über den Kopf. Zu Katzenschlummerhöhlen mit Kratzbrett hat sich das Lehramt nicht geäußert, zu anderen Bettgeschichten sehr wohl. In die Problemzone geriet zunächst Kirchenkritisches und Esoterisches, dann aber vor allem Sex ohne Trauring und Zeugungsabsicht. Der Verlag setzt eine Filter-Software ein und streicht besonders fragwürdige Titel von der Liste bestellbarer Bücher. Zudem beschäftigt man ein katholisches Lektorat, das sich um die christliche Sparte im Sortiment kümmert. „Wir hatten immer befürchtet, dass Weltbild wegen Zensur kritisiert wird; dass zu wenig Zensur ein solches Problem werden würde, hat überrascht“, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter.
Die automatischen und menschlichen Filter reichten nicht, um den Sittenwächtern im Herbst 2011 die Kratzfläche zu entziehen. Die Zeitung „Tagespost“ und das Internetportal Kath.net wateten mit lustvollem Entsetzen durchs Buchbiotop feuchter Männerträume. Warum hatte der Aufsichtsrat nicht sehen wollen, was den Autoren dieser Artikel unübersehbar vor Augen stand? Mindestens so verächtlich wie das Wort Porno wurde in einigen Beiträgen der Name von Pater Hans Langendörfer niedergeschrieben; er ist Weltbild-Aufsichtsratsmitglied, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz und VDD-Geschäftsführer.
Die Presseerklärung des VDD zum Verkaufsbeschluss versuchte, den Zorn der Zeloten auf die Konzernspitze zu lenken: „Es ist der Geschäftsführung nicht gelungen, die internetgestützte Verbreitung sowie die Produktion von Medien, die den ideellen Zielen der Gesellschafter widersprechen, hinreichend zu unterbinden“, hieß es da. Die Glaubwürdigkeit der Verlage und ihrer Gesellschafter habe darunter gelitten. So formuliert man, wenn der Glaube stellenweise Wissen ersetzen muss.
Und wenn der eigene Wille irgendwo zwischen Jein und „Nein, aber“ changiert. Wer Weltbild sagt, meint auch ein bestimmtes Kirchenbild. Benedikt XVI. hat in seiner Freiburger Rede zu verstehen gegeben, dass es ein Weiter-so für die deutsche Kirche nicht geben kann. Die Entweltlichung, die er anmahnt, ist auch keine Frage von Prozenten, sondern eine des Prinzips. Der Papst hat die Frage aufgeworfen: Was will diese Kirche eigentlich? Er hat angedeutet, was sie wollen soll. Vor allem aber hat er zu verstehen gegeben, was sie nicht wollen soll: Marktmacht und Marktsprache. Eine entweltlichte Kirche im Benediktschen Sinne muss nicht Menschen erreichen um jeden Preis, sie braucht keine Kommunikationspotenziale auszuloten und mit niedrigschwelligen Angeboten zu experimentieren. Sie soll sich nicht nach modernen Performern sehnen, sondern von der Sehnsucht nach Gott, dem einzig wahren Performer, sprechen.
Für die Sieger der Weltbild-Schlammschlacht ist die katholische Kirche durch den Verkaufsbeschluss sauberer geworden. An der Augsburger Kundenkartei klebte aus ihrer Sicht zu viel weltlicher Schmutz. Den Verlierern aber wird der Verlust erst jetzt so richtig klar. Sie sehen mit dem Abstand einiger Wochen in den Daten und Vertriebswegen einen Schatz, der im Geifer des Gefechts voreilig über Bord geworfen wurde.
Ein Teil des Episkopats glaubt wohl nicht an die segensreiche Wirkung der Entweltlichung. Öffentlich sagt das keiner, es könnte als Papstkritik verstanden werden. Programmfilter gibt es nicht nur für Bücher, sondern auch für Bischöfe.





