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Griechenland

Es wird eng

Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2012

Die Großen sündigen, die Kleinen baden es aus. Wie eine Athener Familie die Krise des griechischen Staates am eigenen Leib zu spüren bekommt.

Image Source/Vario Images

Ein ganz normaler griechischer Morgen. Beim Kaffeetrinken werde ich schon mit unseren Schulden bombardiert. Wir müssen zahlen, zahlen, zahlen. Das Fernsehen vermeldet: Die Troika ist wieder da… Wenn wir nicht brav zahlen, dann werden die Rentner im Dezember keine Rente und wir, die Beamten, keine Gehälter bekommen.

Dieser Hiobsbotschaft folgt in der Regel eine Liste mit neuen Kopfsteuern, die wir alle zu bezahlen haben. Es gibt zwei Arten von Steuern. Die eine Steuer müssen alle Eigentümer zahlen, und wenn sie zudem einer Arbeit nachgehen, wird diese noch erhöht. Das andere Steuersystem zielt unterschiedslos auch auf die Rentner und die Arbeitslosen. Denn mit der Stromrechnung kommt die Kopfsteuer ins Haus: Wer nicht zahlt, dem wird der Strom abgeklemmt.

Es ist immer das gleiche Ritual: Ein Abgeordneter oder gar unsere „tolle“ Kultusministerin spricht im Fernsehen und verkündet, dass zur Rettung der Heimat jeder zahlen müsse. Überhaupt seien alle anderen an der Misere schuld, nur die politisch Verantwortlichen nicht. Immer ist es die andere Regierung gewesen, die dafür haftbar zu machen sei. Doch jetzt sollen wir plötzlich alle Patrioten werden und zahlen. Wie lange das so gehen wird, wissen wir alle nicht. Ich sehe nur, dass mein Gehalt als Lehrerin auf 900 Euro reduziert wurde. Ich bekomme keine Sonderzulagen mehr, nicht für meine Arztkosten, nicht für mein Kind. Ich solle damit auch noch zufrieden sein, denn ich habe schließlich noch Arbeit, so sagt man uns Lehrern.

Vor 16 Jahren wurde ich verbeamtet. Nächstes Jahr werde ich aus dem Beamtendienst entlassen, ausgebootet. Meine Qualifizierung wird mir zum Verhängnis. Man sagt mir, mit meinen Abschlüssen könnte ich auch ohne diese Anstellung überleben. Ärmer dran seien doch die Kollegen mit Volksschulabschluss, die durch Beziehungen verbeamtet wurden, die ich niemals besaß. Sie dürfen bleiben! Ich kann sie dennoch nicht verurteilen, sie sind nicht schuld an unserer Armut. Wer hat denn die Stellen für sie beim Staat geschaffen, statt den Leuten andere Arbeitsmöglichkeiten zu geben? Sollen sie verhungern?

Beim letzten Schluck Kaffee höre ich noch im Morgenfernsehen, wie wir offenbar in Deutschland beschimpft werden, wir seien alle reiche Diebe. Ja, es gäbe mittlerweile in England sogar eine Realityserie, in der sich die Akteure als Griechen bezeichnen und den Staat bestehlen. Ich muss zur Arbeit. Mit dem Auto natürlich. Wir brauchen in unserer Familie alle drei ein Auto, mein Mann, meine Tochter und ich. Wir wohnen in einem Vorort von Athen, 35 Kilometer vom Zentrum entfernt. Aber was soll’s: Wir sind ja schließlich „reiche Griechen“, können von unserer Arbeit drei Autos zahlen. Dass das übrigens immer gebrauchte Kleinwagen sind, rettet unseren ramponierten Ruf auch nicht. Es gibt zu unseren Arbeitsstätten keine öffentlichen Verkehrsmittel. Wir können anders gar nicht zur Arbeit fahren als mit dem Auto. Ob sich das unter den reichen Deutschen einer vorstellen kann? Ich möchte eigentlich gar kein Auto besitzen, doch ich muss eins haben. Übrigens profitieren die Deutschen davon. Es werden schließlich besonders viele deutsche Autos in Griechenland verkauft.

Weiß der Himmel, warum unser Staat keine S- und U-Bahnen baute oder Busse und Züge von Deutschland gekauft hat, sondern nur Panzer, Waffen, U-Boote und schweres Kriegsgerät. In privaten Haushalten stehen bevorzugt deutsche Geräte. Gerade Deutschland darf sich über den fehlenden Fleiß der Griechen nicht beklagen, denn die Maschinen wurden nicht durch Kredite finanziert, sondern durch unsere Löhne. Immer mehr deprimierte Kinder klagen in der Klasse: „Mein Papi hat keine Arbeit mehr.“ Fast jede Woche kommt eine Mutter und sagt uns Lehrern, dass die Familie auswandert nach Australien, Amerika, Kanada?…

Meine Freundin, auch eine Lehrerin, schickt ihre Töchter nach Kanada. Von dessen Botschaft werden Seminare für junge Leute veranstaltet, die Betriebswirtschaft, Computertechnik und Medizin studiert haben. Sie dürfen danach in Vancouver oder Quebec arbeiten. Auch die australische Botschaft bietet solche Kurse an. Die meisten jungen Ärzte werden wohl nach Deutschland gehen, da werden sie dringend gebraucht. Das alles erfahren wir aus den Zeitungen oder dem Fernsehen.

Meine Tochter muss bestimmt auch bald das Land verlassen, obwohl sie noch Arbeit hat. Für 650 Euro Monatsgehalt schuftet sie jeden Tag von 8 Uhr bis meistens 19 Uhr abends. Sie gehört also auch zu den faulen Griechen, die so viel Geld haben. Wir können sie finanziell nicht mehr unterstützen, wie wir es die letzten drei Jahre getan haben, da wir jetzt auch keine Extraeinnahmen mehr haben, die wir abtreten könnten.

Was haben wir denn nur falsch gemacht? Wir haben doch unsere Steuern immer redlich bezahlt, immer ordentlich gearbeitet und nie Beziehungen genutzt wie der größte Teil der Bevölkerung. Warum müssen wir jetzt alles hergeben – die Kinder, das Haus, die Arbeit, alles?

Wir werden zornig, gehen auf die Straße in friedlicher Absicht und werden fertiggemacht von den Medien, von der Polizei, die ihre Krawallanführer in friedfertige Demonstrationen einschleust. Sie provozieren, werfen Molotow-Cocktails, morden und tauchen immer rechtzeitig ab und werden nie erwischt. Denn sie verstecken sich hinter den Polizisten und werden von ihnen beschützt, wenn normale Demonstranten sie davon abhalten wollen, die Gehwege zu demolieren. Es sind ständig die gleichen 50 Personen, die plötzlich immer dann auftauchen, wenn es fürs Parlament gefährlich wird, weil die Leute es stürmen wollen.

Mittlerweile muss ich für mein Elternhaus in Athen gleich dreimal bezahlen: wenn ich es erbe, wenn ich es meiner Tochter überschreibe und nun auch noch mit der Stromsteuer, die aus heiterem Himmel über uns verhängt wurde. 5000 Euro jährlich! Wo soll ich das hernehmen? Soll ich mir auch einen Kredit bei der Goldman-Sachs-Bank besorgen? Niemand von meinen vier Mietern ist zurzeit in der Lage, seine Miete zu bezahlen. Ich kann sie deshalb doch nicht auf die Straße werfen! Sie sind gut situierte Bürger, jetzt aber arbeitslos. Sie haben Kinder. Zum Glück zahlen sie die Nebenkosten und den Strom noch, ich zahle dafür bis jetzt auch brav meine Steuern. Den Staat interessiert es nicht, ob Mieter zahlen können. Wer wohnt, gilt als Mieter, Schluss, aus! Das nächste Mal werde auch ich zahlungsunfähig sein. Dann geht das Haus an den Staat. Ich werde mit jedem Tag wütender und muss den Zorn unterdrücken, da ich ja auch noch unterrichten muss. Ich kann keinem Kind Zorn beibringen, denn Kinder werden gefährlich zornig gegen jeden und alles. 

Mein Mann Angelos arbeitet seit seinem zwölften Lebensjahr. Begonnen hat er als Praktikant in Goldschmieden, ohne je richtig versichert gewesen zu sein. Zehn Jahre war er überhaupt nicht versichert und dann nur auf eine reduzierte Weise.

Seit 45 Jahren arbeitet er hart, wie Millionen andere Griechen auch, vor ihm und nach ihm. Angelos weiß nicht, ob er mit 68 Jahren seine Rente bekommen wird. Er ist jetzt 57 Jahre alt. Wovon soll er dann leben? Er hat schon viele Berufe ausgeübt, weil es als Goldschmied nichts mehr zu verdienen gab: Er war in Deutschland im Putzdienst tätig und als Arbeiter in einer Maschinenfabrik, in Griechenland wäscht er jetzt jede Nacht Teller im Hoteldienst. Um seine Familie zu unterstützen, arbeitet er an einem Arbeitsplatz, den sich früher vier Menschen teilten. Und er hat noch Glück, denn die meisten in seinem Alter sind arbeitslos.

Wie sollen wir leben? Sein Gehalt beträgt 1000 Euro. Ist er auch ein Dieb? Schon seit drei Jahren sieht er, wenn er morgens von seinem Nachtdienst nach Hause fährt, einstmals gut situierte Damen und Herren, die sich gedemütigt aus Abfall?eimern ernähren. Das sind die griechischen Rentner, die mit 300 Euro auskommen müssen. Wie ist das machbar?

Marga Diamantaki (53) unterrichtet als Lehrerin in einem Lyzeum in der Nähe von Athen Deutsch und Philosophie. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem Vorort der griechischen Hauptstadt.

Erschienen in:
Ausgabe 01/2012
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Familie, Außenpolitik, Wirtschaft