Reichtum
„Erwirb, so viel du kannst“
Aus: Christ & Welt Ausgabe 43/2011
Die Christen in den USA zeigen: Geld und Geist passen zusammen.
In Kalifornien steht eine Megakirche zur Versteigerung: die Kristallkathedrale in Garden Grove. Ihre bisherige Gemeinde hat Insolvenz angemeldet. Der Ansturm auf das Gebäude mit Plätzen für 3000 Besucher und 1000 Sänger und Musiker ist beachtlich. Das höchste Gebot hat mit 39 Millionen Dollar die katholische Diözese von Orange abgegeben. Doch die Mitglieder der Gemeinde wollen die Versteigerung verhindern und haben eine Spendenkampagne gestartet.
Die Kirchen in den USA sind die reichsten der Welt, neben denen in Deutschland und den skandinavischen Ländern. Und sie sind viel frommer als die europäischen. Der Kirchenbesuch liegt über 20 Prozent, fast doppelt so hoch wie in der katholischen und fünfmal so hoch wie in der evangelischen Kirche in Deutschland. Gingen so viele Christen hierzulande am Sonntag zum Gottesdienst, die Polizei müsste den Verkehr regeln. Die Spendenbereitschaft amerikanischer Christen liegt etwa dreimal höher als die der deutschen. Unter Gläubigen in den USA ist es üblich, Nachbarn zur Kirche einzuladen und bei jeder Gelegenheit über ihren Glauben zu reden.
Und sie sind in aller Regel stolz darauf, dass sie ihrem Pastor ein üppiges Gehalt und ein großes Haus finanzieren. Amerikanische Hilfswerke sind die größten der Welt. Amerikanische Missionare gründen überall auf dem Globus neue Gemeinden. Zusammen mit denen aus Deutschland und Skandinavien leisten US-Kirchen die größten Zuschüsse zu den Haushalten des Vatikans und des Weltkirchenrates. Und sie kämen kaum auf den Gedanken, dass sie sich vom Geld verabschieden müssten, um glaubwürdiger zu sein. Das Beispiel zeigt: Reichtum allein lähmt keine Kirche, so wenig wie Armut sie belebt. Es wäre daher nichts weiter als eine Flucht aus der Verantwortung, wenn Christen die Mittel verschmähten, die sie in der Hand halten, eine Kapitulation vor der kompliziert gewordenen Welt. Eine Kirche, die Einfluss hat, muss genau überlegen. Und manchmal Kompromisse eingehen. Etwa, wenn der Staat die Kirche einlädt, Frauen zu beraten, die ein Kind abtreiben wollen. Und den Frauen eine Abtreibung ohne Beratung verwehrt, aber die Kirche verpflichtet, nach der Beratung einen Schein auszustellen, der es möglich macht, das Kind im Mutterleib zu töten. Die evangelische Kirche hat sich dafür entschieden, den Frauen Rat zu geben. Und anschließend ihre Entscheidung zu akzeptieren. Die katholische auch, bis vor elf Jahren. Da musste sie sich aus der Beratung zurückziehen – auf Weisung aus Rom, von Joseph Kardinal Ratzinger.
Doch eine Kirche, die aussteigt, macht es sich auch bequem. Nur weil sie sich die Hände nicht schmutzig machen will, lässt sie Menschen, auch ihre Mitglieder, allein, die sich wohl oder übel in der Welt zurechtfinden müssen. Und eine reiche Kirche, die sich nach Enteignung und dem einfachen christlichen Leben sehnt, hat etwas Naives. Und etwas Dekadentes. Wie ein Unternehmer, der, müde vom Wettbewerb, seinen Betrieb verkauft und ans Nordkap radelt.
Mit viel Geld tun Kirchen viel Gutes. Mit acht Milliarden Euro Kirchensteuereinnahmen jährlich, mit Kirchgeld und Staatsleistungen bezahlen etwa die beiden Konfessionen in Deutschland vor allem Menschen. Die halten Gottesdienst, machen Musik und Kunst zur Ehre Gottes und halten damit in der Gesellschaft wach, dass Handel und Wandel, Profit und Effizienz zwar wichtig, aber nicht alles sind. Sie bilden eine Gegenmacht zu dem, was man die Eigengesetzlichkeit der Welt nennt. Sie predigen, dass nicht bloß der Starke und Gesunde der Maßstab ist, sondern ebenso der Kranke und Alte. Und dass die Menschlichkeit sich daran messen lässt, wie eine Gesellschaft mit den Schwächsten umgeht. Und dass Besitz Verantwortung bedeutet.
Denn die Kirchen leben zugleich mitten in der Welt. Als gesellschaftliche Gruppen, als Unternehmer, als Anbieter sozialer Dienstleistungen, als Arbeitgeber. Die katholische Kirche in Frankreich spielt zum Beispiel auf dem sozialen Markt keine Rolle. Ihre Bischöfe können sich darauf beschränken, Ungerechtigkeiten im staatlichen System zu bekritteln. Derweil wollen französische Politiker die soziale Arbeit in ganz Europa an Kapital und Markt ausliefern. Die Kirchen in Deutschland stehen mit Diakonie und Caritas, den mit Abstand größten Wohlfahrtsverbänden, in der Pflicht. Sie kämpfen in der Europäischen Union für ein Gesundheitssystem, das allen zugutekommt. Sie beteiligen sich Tag für Tag daran, soziale Dienste menschlich und bezahlbar zu gestalten. Und stoßen an Grenzen. Auch ihre Putzfrauen sind unterbezahlt, und auch ihre Krankenschwestern stehen unter mörderischem Druck. Doch kirchliche Häuser können nicht so einfach darüber hinweggehen.
Übrigens haben die Kirchen nie gesagt, dass Kirchensteuern in Omas künstliche Hüfte oder in Mandeloperationen gehen. Die Kirchen haben mit dafür gesorgt, dass dafür Kranken- und Pflegekassen aufkommen. Aber die kirchlichen Häuser waren die ersten, die schwierige Operationen in klinischen Ethikkomitees berieten – weil sie solche Komitees vorfinanzieren konnten. Und sie haben Hospize bezahlt, bis die ersten Krankenkassen daran dachte, dass es nicht nur menschlich, sondern auch billiger ist, wenn jemand seine letzten Tage nicht zwischen Apparaten verbringt, die ihm nicht mehr helfen, sondern bei Menschen, die sich Zeit nehmen.
Das kostet Zeit und braucht Professionalität. Und eine ständige Balance, sich nicht in Kalkulationen, Organisation und Fachlichkeit zu verlieren und dabei seine Botschaft zu verraten. Das Wichtigste an einem kirchlichen Krankenhaus ist der Geist. Er bewirkt, dass auf Zimmer 140 nicht bloß ein Mammakarzinom therapiert und im Dachgeschoss nicht nur eine Leber verpflanzt wird, sondern dass sich Menschen mit ihrer Krankheit angenommen und aufgehoben wissen.
Mit dem Geist haben die reichen Kirchen in Westeuropa ein Problem. Und niemand weiß genau, warum. Sie haben es auch, aber nicht nur, weil sie reich sind.
John Wesley, der Gründer der methodistischen Kirche, hat eine Faustregel für Christen aufgestellt: „Erwirb, so viel du kannst, spare, so viel du kannst, gib, so viel du kannst.“ Die zweite Regel für Christen steht in den Psalmen der Bibel: „Fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.“ Darin liegt der Schlüssel. Reichtum ist nicht das Problem, sondern das, was man damit macht. Ob eine Kirche damit ihre Botschaft weitergibt oder ob sie nachlässig wird, sich um Entscheidungen drückt und alles und jeden finanziert. Und ob ihre Oberen Protz und Prunk lieben.
Daneben gibt es Christen, die radikal anders leben. Die auf persönlichen Besitz verzichten und sich in Orden und kommunitären Gemeinschaften sammeln, um ganz für Gott oder für andere Menschen da zu sein. Sie sind sozusagen das zweite Programm der Christenheit. Aber sie brauchen das erste, das ihren Lebensunterhalt sichert. „Mit dem Zweiten sieht man besser“, sagt eine Werbung für Fernsehen, bei der sich die Werber ein Auge zuhalten. Aber das ist Unsinn. Man sieht nur mit beiden Augen gut.





