Interview
Armin Laschet: „Erdogans Rhetorik schadet der Integration bei uns“
Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2011
Der ehemalige NRW-Integrationsminister über die Emanzipation des Moscheebauvereins vom türkischen Staat.

Christ & Welt: Ist die Ditib ein vertrauenswürdiger Ansprechpartner
für die Politik?
Armin Laschet: Ja. Wenn alle muslimischen Organisationen so zuverlässig und offen wären wie die Ditib, wären wir einen großen Schritt weiter in der Integration in Deutschland. Es gibt andere muslimische Institutionen, die uns viel größere Probleme bereiten, die zum Teil sogar vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Ali Dere, der neue Vorsitzende der Ditib, dagegen kennt die Situation in Deutschland genau, er kennt sie viel besser auch als seine Vorgänger. Außerdem hat er im Vergleich zu ihnen eine weitere Eigenschaft, die ihn als Gesprächspartner für die Politik unverzichtbar macht.
C & W: Und die wäre?
Laschet: Er spricht fließend Deutsch und kennt die deutsche Gesellschaft.
C & W: Das ist ja doch wohl eher eine Mindestanforderung und zeigt, wie problematisch es ist, dass der Ditib-Verein vom türkischen Staat finanziell und personell ferngesteuert wird.
Laschet: Natürlich ist es wichtig, dass mit der Ditib auf Dauer eine Institution entsteht, die in Deutschland verankert ist, die Imame in Deutschland ausbildet und sich als Teil der deutschen Gesellschaft begreift. Diese Emanzipation, die sich schon jetzt erkennen lässt, wird sich fortsetzen und intensivieren, davon bin ich überzeugt. Aber um eins klarzustellen: Natürlich muss die Ditib auch weiterhin theologische Beziehungen zur Türkei unterhalten dürfen, immerhin schauen wir deutschen Katholiken auch zuerst nach Rom, wenn es um Glaubensgrundsätze geht – und das ist gut so.
C & W: Genau das hat Bismarck den Katholiken vorgeworfen: zuerst dem Papst, dann dem Staat loyal zu sein.
Laschet: Und das war damals genauso falsch, wie es heute falsch ist, den Muslimen in Deutschland ihre Verbundenheit zu türkischen theologischen Autoritäten vorzuwerfen.
C & W: Wo ist die Grenze, wo hört gute Verbundenheit auf und fängt falsch verstandene Loyalität an?
Laschet: Die Grenze ist natürlich das Gesetz. Wenn Muslime in Deutschland die deutschen Gesetze und vor allem das Grundgesetz akzeptieren, dürfen sie
ihre Moscheen bauen, wie und wo sie wollen.
C & W: Gerade das sahen viele im Fall der Kölner Moschee anders.
Laschet: Die Diskussionen waren, auch in ihrer Heftigkeit, richtig und wichtig, sie haben dem Projekt genutzt und nicht geschadet. Dank ihnen ist der Kölner Entwurf eine baulich attraktive und moderne Gestaltung eines Moscheebaus geworden. Kritische Fragen muss sich jeder gefallen lassen, Hetze gegen eine Religion jedoch nicht.
C & W: Nun wird aber genau über diesen modernen Entwurf gestritten. Aus der Vogelperspektive, argumentiert die Ditib, sei auf der Moschee die Silhouette eines Kreuzes zu sehen.
Laschet: Der Streit um die bauliche Ausgestaltung zwischen Architekt und Bauherr ist bei Großprojekten nicht unüblich. Und wenn das mit den Kreuzen stimmt: Würden Sie in einer katholischen Kirche beten wollen, in der irgendwo ein Halbmond hängt? Sicher nicht! Außerdem ist mit dem ehemaligen Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma ein guter Vermittler zwischen den Parteien gefunden.
C & W: Es heißt, traditionelle Kräfte versuchten den modernen Entwurf in Gänze zu torpedieren. Müsste die Politik da nicht sagen: So geht’s nicht?
Laschet: Für eine solche Behauptung gibt es meines Wissens keine Beweise. Und selbst wenn es so wäre, warum sollte sich der Staat einmischen? Geht es den Staat etwas an, ob Kardinal Meisner gegen das Gerhard-Richter-Fenster im Kölner Dom ist? Nein, es darf Politik prinzipiell nichts angehen, wie religiöse Gemeinschaften ihre religiösen Gebäude gestalten, modern oder konservativ, solange sie sich an das Baurecht halten.
C & W: Aber es geht Politik schon etwas an, wenn der türkische Ministerpräsident Erdogan vor dem Hintergrund der Moscheedebatte während seines Deutschlandbesuchs vor einer Assimilation der Türken hierzulande warnt.
Laschet: In der Tat. Erdogans Äußerungen kann und muss man kritisieren. Solcherart Rhetorik schadet der Integration bei uns. Und es stimmt auch, dass bei Ministerpräsident Erdogan manchmal die Vorstellung zu erkennen ist, dass alle Türkeistämmigen, selbst wenn sie deutsche Staatsbürger sind, der türkischen Zuständigkeit unterstehen. Da müssen wir ihm widersprechen und da widersprechen ihm mittlerweile auch viele junge, erfolgreiche Türkeistämmige in Deutschland, die in Angela Merkel und nicht Recep Tayyip Erdogan ihren deutschen Regierungschef sehen. Aber Ministerpräsident Erdogan hat zwei Gesichter. In Deutschland mag er als Traditioneller auftreten, in der Türkei hingegen hat er den Christen mehr Rechte gewährt als alle seine Vorgänger. In Kürze erhalten die Kirchen alle nach 1936 konfiszierten Besitztümer zurück.
C & W: Die jungen erfolgreichen Muslime werden, wenn sie in die
Politik gehen, gerne auf das Integrationsthema reduziert. Ist das gerecht?
Laschet: Nein. Besser ist es, wenn Politiker mit Zuwanderungsgeschichte nicht auf Integration beschränkt, sondern auch Verkehrs-, Arbeits- oder Gesundheitsminister werden. Und auch ein Deutscher ohne Zuwanderungsgeschichte muss nicht schlecht sein für die Integration…
C & W: Stimmt, Sie haben sich in das Amt damals wirklich gut integriert.
Laschet: Wenn Sie meinen…





