Sein Motiv: Can Bonomo
Er will doch nur singen
Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2012
Ein jüdischer Sänger tritt für die Türkei beim Eurovision Song Contest an. Alle sehen darin ein Politikum, nur er selbst nicht.

Ein Jude wird die Türkei beim Eurovision Song Contest (ESC) in Baku vertreten. Das türkische Staatsfernsehen hat sich entschieden, den 24-jährigen Sänger Can Bonomo im Mai nach Aserbaidschan zu schicken. Das ist die Nachricht. Üblicherweise würde man jetzt gratulieren und Fragen nach seiner Musik stellen. Welches Lied wird er im Finale singen? Auf Türkisch oder auf Englisch? Warum trägt er diesen Sinatra-Hut?
Stattdessen schallen altbekannte Melodien durch die Medien. Die Toleranten bemühen die Geschichte, erinnern an die Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert und die freundliche Aufnahme der Flüchtlinge durch den osmanischen Sultan. Die Juden seien ein Teil der Türkei, sagen sie. Die Kritiker dagegen bemängeln, Bonomo sei kein echter Türke. Das Land sei zu 99 Prozent muslimisch. Der Islam sei also typisch türkisch, ein Jude könne es nicht sein. Diese Kritik singen konservative Muslime und unterlegene Pop-Betriebsnudeln im Chor.
Politikexperten, die sich noch nie zu dem Musikwettbewerb geäußert haben, sehen eine Verbindung zum Konflikt zwischen Israel und der Türkei, der sich seit dem Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte im Mai 2010 verschärft. Überhaupt Israel. Wie steht Bonomo dazu? Der junge Mann, selbst überrascht von seiner Nominierung, beteuert: „Ich bin Türke und werde die Türkei vertreten. Mit Israel habe ich nichts zu tun.“ Das klingt nach Reflex. Er will sich distanzieren von diesem Land, das in seiner Heimat nicht sehr beliebt ist. Es ist wohl das Schicksal aller Diaspora-Juden, dauernd zu Israel Stellung beziehen zu müssen. Dabei will der junge Mann nicht 500 Jahre Identitätsdebatte mit nach Baku nehmen. Er will einfach nur drei Minuten singen. Und von Israel douze points bekommen.





