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Er ist schon ein Frauenheld!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2016

Das erste Interview-Buch des Papstes spricht vor allem weibliche Fans an. Laura Diaz entdeckte einen warmherzigen Franziskus

Evandro Inetti/ZUMAPRESS.com/ picture alliance

Dieses Buch berührt mich. Ich fühle mich darin geborgen. Hier kratzt der Katholizismus einmal nicht, hier flauscht er. Im päpstlichen Wohnzimmer haben Papst Franziskus und der Journalist Andrea Tornielli gesessen, als sie das Interview führten. Wenn ich das Buch in den Händen halte, dann sehe ich mich zwischen ihnen auf dem Sofa sitzen. Ich sehe mich in tiefen Kissen versinken und Kaffee aus kleinen Tässchen trinken.
Franziskus spricht zu mir wie zu seinem Publikum, wie zu einem guten Freund. Verständlich und vertrauensvoll: »Die Verwundbarkeit unserer Zeit ist auch das: der mangelnde Glaube daran, dass es Erlösung gibt, eine Hand, die uns aufhebt, eine Umarmung, die uns rettet, uns vergibt, uns aufnimmt, uns mit unendlicher Liebe überschwemmt.« Eine Hand, die uns aufhebt? Brauche ich die? Ich zweifele: Ich bin doch kein verlorenes Schaf. Oder doch? Statt mir ins Gewissen zu predigen, redet Franziskus über sich, über die Menschen, die ihn geprägt haben. Da ist seine Nichte, die standesamtlich einen Mann geheiratet hat, obwohl dessen Ehe noch nicht annulliert war. Und Franziskus sagt: Das ist trotzdem ein religiöser Mann, ein Katholik sogar. Da ist diese junge gläubige Prostituierte. Sie hat und hatte kein einfaches Leben. Doch eines Tages besuchte sie ein Mann, einer von den anständigen. Er wollte mit ihr zusammen sein. So wie Richard Gere mit Julia Roberts in »Pretty Woman« – was für ein Happy End!

Ich sehe mich mit Franziskus im Sessel sitzen und begreifen: Das sind Menschen mit Fehlern, kleine Sünder und auch große. Ich denke: Da sitzt einer auf dem Heiligen Stuhl Petri, der weiß, wie das Leben läuft, das echte Leben. Im echten Leben gibt es Höhen und Tiefen, niemand ist in diesem Leben perfekt, nicht mal der Papst. Franziskus befiehlt und belehrt nicht, er erzählt einfache Geschichten wie Jesus. Vielleicht wirken diese Geschichten deshalb auf mich viel stärker als jede Belehrung von der Kanzel herab. Liebevoll breitet Franziskus seine Arme aus und sagt: »Die Kirche ist nicht in der Welt, um zu verurteilen.« Also, komm her und lass dich drücken. Da bin ich dabei.

Zugegeben, die Botschaft ist simpel, aber gerade deshalb ist sie so eingängig, gerade deshalb kann sie Menschen für sich einnehmen: Gott liebt dich, wenn du ihn lässt. Das spricht Homosexuelle genauso an wie Prostituierte, laue Katholiken genauso wie glühende. Jeder, so die Botschaft des Papstes, kann katholisch sein, wenn er sich reumütig zeigt und sein Herz öffnet. Natürlich ist das für uns Christen nicht neu. Und doch hat der Katholizismus von Franziskus eine ganz neue Wärme. Man braucht keinen Katechismus, um mitmachen zu können. Jeder ist eingeladen und niemand wird ausgeschlossen. Ja, kann Katholizismus tatsächlich so einfach sein? So unkompliziert?

Ja und nein, sagt Franziskus: »Die Sünde ist mehr als ein Fleck. Die Sünde ist eine Wunde. Sie muss versorgt und verarztet werden.«

Der Papst weckt plötzlich Bedürfnisse in mir. Solche, die mir vorher nicht bewusst waren. Wann habe ich meine Verletzungen das letzte Mal versorgen lassen? Wer klebt mir eigentlich das Pflaster auf die Schürfwunden des Lebens? Franziskus’ Antwort: Geh zur Beichte. Der Beichtvater hilft dir. Er selbst muss ein guter Beichtvater gewesen sein. Ein guter Zuhörer, ein milder Richter. Doch wer garantiert mir, dass mein Gemeindepfarrer auch so milde sein wird wie er? Und wie organisiere ich eigentlich so einen Beichttermin? Per Anruf? Per Mail? Oder geht das auch spontan? Ich sehe mich schon in meine Kirche schleichen und meinem Pfarrer auf die Schulter klopfen: »Können Sie mir gerade mal ein Pflaster reichen?«

Ich zögere. Die Kirche kann auch hart sein zu ihren Gläubigen. Franziskus weiß, was ich meine. »Im Dialog mit dem Beichtvater wollen wir uns gehört fühlen, nicht verhört.« Er erzählt von Beichtvätern, die 14-jährige Mädchen fragen, wo denn die Hände beim Schlafen liegen. Da ist sie wieder: die schreckliche Kirche, die Missbrauchskirche, die heuchlerische Kirche. Ich aber will eine Franziskus-Katholikin sein. Oh, wenn doch nur alle so wären wie er. Selig sind die Sanftmütigen!

Aber halt! Wie konnte mich der Argentinier so schnell verführen? Etwa weil ich es charmant finde, dass er ältere Damen »abuela« nennt, Großmutter. Bin ich so einfach zu gewinnen? Die männlichen Kollegen lässt das Buch völlig kalt. Der Papst habe sich nicht zur Kirchenpolitik geäußert, nicht zum IS-Terror. Ihr Resümee: Es ist ein Frauenbuch. Da haben sie vielleicht nicht unrecht. Zumindest ist es ein Wohlfühlbuch, mit Geschichten, wie sie auch in der »Brigitte« stehen könnten. Bei Franziskus sind die Frauen stets die Guten und die Männer die Schurken. Sie sind korrupt, betrügen den Staat, behandeln Putzfrauen schlecht und haben »Mundgeruch«. »Eres un mujeriego!«, schießt es mir in unserer gemeinsamen Muttersprache durch den Kopf. Er ist schon ein Frauenheld.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2016
Redakteur:
Laura Díaz (Redakteurin )
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Papst