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Dieter Althaus

Ende einer Dienstfahrt

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

Unterwegs mit Thüringens einstigem Landeschef: Wie er versuchte, den Papst zu treffen

Es hätte ein Triumphzug sein können und es wurde ein Familienausflug. „Hast du an die Kamera gedacht?“, ruft seine Frau aus dem Haus. Dieter Althaus steht draußen auf der Einfahrt an seinem weißen Audi und lädt eine gut einen Meter lange Mettwurst in den Wagen ein. „Feldkieker“ nennen sie im Eichsfeld diese Spezialität. Die will er dem Papst schenken. Direkt in die Hand drücken geht nicht. Aber er kennt noch ein paar Leute von der Schweizergarde, die helfen ihm, das Mitbringsel an der Sicherheit vorbei in den Vatikan zu schmuggeln. Der frühere Ministerpräsident muss jetzt alles selbst machen. Das Protokoll, den Fahrer und die gepanzerte Limousine gibt es für ihn nicht mehr.

Auf der Fahrt durchs grüne Eichsfeld zum Pilgerfeld, wo gleich der Papst beten wird, erzählt er, wie alles kam und wie es hätte sein sollen. Er sitzt jetzt selbst am Steuer. Kein Blaulicht mehr vorneweg. Aber eine Sondergenehmigung hat er noch und kann den Wagen an den vielen Sperren vorbeilenken, die rund um die Wallfahrtskapelle die Straßen blockieren. Althaus hat den Papst ins Eichsfeld geholt. Ohne ihn wäre er nicht von der staatstragenden Reiseroute Berlin–Erfurt–Freiburg abgewichen. Es ist sein Besuch. Dieser Abstecher ins winzige Etzelsbach war das Unwahrscheinlichste überhaupt. Dort gibt es kein Stadion, keine Verkehrswege, noch nicht mal eine Bischofskirche. Aber der Papst kommt. 90?000 Gläubige warten an diesem sonnigen Freitag im Spätsommer auf das Kirchenoberhaupt. Mitten in der Natur.


Althaus fährt durch kleine Dörfer, die Leute haben die Straßen mit bunten Fahnen geschmückt. Der Papst ist schon in Erfurt gelandet, das hat er mittags im Fernsehen verfolgt. Alles drängte sich um seine Nachfolgerin Christine Lieberknecht (CDU). Sie hat den Papst am Rollfeld begrüßt, sie hat ihm die Landeshauptstadt gezeigt, sie fährt mit zum Augustinerkloster und sie wird mit ihm ins Eichsfeld fliegen. Er hat die Live-Übertragung dann doch schnell ausgeschaltet. Der Wagen musste noch gepackt werden.

Unterwegs erzählt er dann, wie er 2006 zum Papst in den Vatikan gereist ist und ihn persönlich nach Thüringen und ins Eichsfeld eingeladen hat. Auch im Osten gebe es mutige Katholiken, habe er ihm gesagt. Die haben unter zwei Diktaturen gelitten. Und der Papst hat genickt. Später ist er noch mal in Rom gewesen. Den Feldkieker haben ihm die Metzger der Region damals schon mitgegeben. Der Papst nickt wieder. Ein Kardinal aus dem Staatssekretariat schreibt ihm dann einen Brief, in dem die Zusage auf vatikanischem Papier festgehalten wurde.

In Thüringen ist er belächelt worden, auch Bischöfe haben den Kopf geschüttelt. Der Papst kommt gar nicht mehr nach Deutschland, ins Eichsfeld schon mal gar nicht. Althaus, der Ministerpräsident, wusste es besser. Er hat das Geheimnis mit ein paar Getreuen für sich behalten. Und im Eichsfeld haben sie die Straßen schon mal neu geteert. Dann kam der tödliche Ski-Unfall, sein unglücklicher Rückzug aus der Politik 2009. Und der Papst war auch noch nicht da.

Die Fahrt nach Etzelsbach über die schicken neuen Wege ist jetzt sein größter Erfolg – und doch schmerzt sie ihn. Der Erfolg ist da, aber er kann ihn nur still genießen. Kurz vor der Wallfahrtskapelle hält die Polizei ihn dann doch noch an. Die Beamten der Einsatzgruppe kommen aus dem Saarland, sie erkennen Althaus nicht sofort und lassen sich die Papiere zeigen. „Sie müssen noch warten“, heißt es dann. „Der Lkw muss noch entladen werden.“ Althaus steigt aus, stellt sich auf die Straße und schaut zu. Aus dem Laderaum des Lasters rollt das Papamobil. Natürlich noch leer. Althaus freut sich. Das Gefährt des Heiligen Vaters berührt den Boden seiner Heimat. Sein Triumphzug, ganz allein, ganz kurz, denn die anderen sind alle – Gott sei Dank – ja noch nicht da.

Später dann, als der Papst in den goldgelben Abendhimmel aufsteigt und das Eichsfeld wieder verlässt, kommt Dieter Althaus noch ins VIP-Zelt und erzählt. Er hat noch mit ihm gesprochen. Am Hubschrauber hat er mit dem Papst zusammengestanden. Bedankt hat er sich für das Geschenk, erzählt er. Der Papst hat gesagt, wie sehr er sich freue. Der Traum ist Wirklichkeit geworden. Glücklich? „In Etzelsbach herrschte eine getragene Fröhlichkeit“, sagt Althaus. „Gibt es so ein Gefühl überhaupt?“

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Volker Resing (Freier Autor)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Innenpolitik, Papst