Mobiler Glaube
Einmal das Gemüt auftanken, bitte!
Aus: Christ & Welt Ausgabe 34/2011
Spontan, anonym, treu: Die Besucherschar der Autobahnkirchen bildet Deutschlands größte Gemeinde. Für eine Studie wurde sie erstmals untersucht.

Autobahnkirchen, die es fast nur in Deutschland gibt, sind ein bisher kaum erforschter sakraler Ort. Was bewegt ihre Besucher? Die Mehrheit der bis zu 300 000 Reisenden, die jedes Jahr eine der 38 Autobahnkirchen besuchen, hinterlässt keine Spuren. Ein Teil aber schreibt ein paar Sätze ins Anliegenbuch, das in jeder Kirchen ausliegt. Die Rastenden halten fest, was sie bewegt. Anliegenbücher sind halb öffentliche Medien, die Einblicke in die Seele erlauben, in eine intime Kommunikation. Doch Anliegen, Nöte und Lebenssituationen werden nicht nur in der Stille an einen „himmlischen Kosmos“ adressiert. Der nächste Besucher kann sie lesen und wird Zeuge, auch des Gebets gottgläubiger Menschen. Er kann darauf reagieren und die Einträge sogar kommentieren. Solche Eintragungen sind Ausdrucksformen populärer Religiosität, zeigen sich an ihnen doch Konturen einer „eigenständigen, vom offiziellen Beten abgesetzten Gebetskultur“, wie der Religionssoziologe Gerhard Schmied nach einer früheren Erhebung formulierte.
Eine neue Untersuchung des Zentrums für kirchliche Sozialforschung
(Zekis) an der Katholischen Hochschule Freiburg zeigt, dass in den Autobahnkirchen vorwiegend Menschen anzutreffen sind, die sich durch eine überdurchschnittlich hohe Bindung an ihre Kirche auszeichnen, deren Glauben sie teilen und die ihnen Halt gibt. Aber was motiviert Autofahrer und ihre Mitreisenden, ihre Gebete und ihre Gedanken sichtbar und kommentierbar aufzuschreiben? Gott wird nicht in die Kirche kommen, um die Bücher zu lesen, und davon wird auch kaum einer der Verfasserinnen und Verfasser ausgegangen sein. Sind es die Gefahren und Ungewissheiten der Reise, die ihren Niederschlag finden? Meldet sich in den Anliegenbüchern also, wissenschaftlich gesprochen, der Risikokontext der Reise auf der Autobahn als besonderer religiöser Bedarf an? Wären damit die Anliegenbücher der Autobahnkirchen als Risikobewältigungsangebote zu sehen und damit als kirchliche Angebote zur Kontingenzbewältigung, zum Umgang mit dem Unbeherrschbaren und Ungewissen – durch Kommunikation?
Zum ersten Mal wurden jetzt rund 1700 Einträge der Bücher im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts religionssoziologisch analysiert. Das Ergebnis ist aufschlussreich.
Die Anliegenbücher der Autobahnkirchen erweisen sich insbesondere bei Kirchenmitgliedern als beliebte Medien der schriftlichen Kommunikation. Sie sind der Umschlagplatz rascher heiliger Tauschgeschäfte zwischen Mensch und Gott und anderen Akteuren des himmlischen Kosmos. Die Adressaten der Einträge empfangen Bitten, die sich auf private Wünsche und Sehnsüchte fokussieren, insbesondere auf die eigenen Familienmitglieder. Und sie erhalten Dank: Gegengabe für erfüllte Bitten und himmlische Dienstleistungen, nicht zuletzt für erfahrenen Schutz. Die Absender verleihen ihren Bitt- und Dank-Gebeten einen besonderen, weil handschriftlichen, persönlichen, dauerhaften und halb öffentlichen Charakter. Darüber hinaus fungieren die Anliegenbücher als kommunikative Gelegenheit, sich selbst und andere, Gott und die Welt vor anderen Besuchern der Autobahnkirchen zu kommentieren, und – deutlich weniger, aber auch – als Klagemauer.
Maria ist unerwünscht
Zwei Drittel der Autoren rufen Gott an. Sie sprechen ihn als den gütigen, den persönlichen, den sorgenden oder, alles umfassend, den „lieben“ Gott an. „Lieber Gott, danke, dass du geholfen hast“, oder „Danke, Herr, für alles“, lauten Einträge und zeigen zugleich, dass die Autoren in der Kirche und im christlichen Glauben zu Hause sind. Der Fußballgott etwa kommt in den Büchern fast nicht vor. Ganz selten outet sich ein Schreiber als Vereinsfan. Die klassischen Gottesbilder als König oder Kriegsherr sind unter
den Schreibern verblasst. Einer ruft Gott als Richter an: „Möge der Herr die Frau und meine Freunde, die im Juni 2003 versucht haben, mich zu morden, richten. Irdische Gerichte glauben einer Ärztin mehr als einem Fernfahrer. Möge er mir die Kraft geben, weiter mit diesem Gedanken zu leben.“
Die anderen Bewohner der himmlischen Welt, die in der katholischen Kirche verehrt werden, sind an der Autobahn Minderheiten. Nur wenig mehr als zwei Prozent rufen Maria an, die Mehrheit davon wieder zusammen mit Gott. Maria soll für die Absender bitten, sie erhören, gnädig sein, ihnen beistehen und helfen. Die Gebete an Maria spiegeln Kenntnis von ihrer Stellung in der katholischen Frömmigkeit wider. Nicht einmal ein Prozent sind an Heilige adressiert. Christophorus, der 1969 aus dem katholischen Heiligenkalender gestrichen wurde, steht mit drei Gebeten an der Spitze. Engel, die derzeit einen Boom erleben, kommen als Adressaten kaum in den Blick.
80 Prozent der Beter unterschreiben ihren Eintrag. Zumeist lassen die Angaben keine weiteren Rückschlüsse zu. Die wenigsten setzen Namen und Wohnort unter ihr Gebet. Oft sind es Initialen von Einzelnen, Paaren oder Familien. Selten stehen ganz unbestimmte Selbstbezeichnungen unter den Texten, etwa „eine Verzweifelte“ oder „ein Wanderer dieser Zeit“. Und es sind deutlich mehr Frauen als Männer, die sich mit ihrem Namen als Absender zu erkennen geben.
Bitten stehen im Zentrum. Andere Gebetsformen, etwa die theologisch gut erforschte Klage, die das biblische Buch der Psalmen dominiert, kommen kaum vor. Wenige Schreiber beklagen, dass Gott nicht antwortet. „Was ist mit den Kriegen, den Seuchen, den Verhungernden?“, fragt ein Eintrag. Ein anderer zweifelt fast alttestamentlich: „Warum bekommt man von Dir nie Zeichen, wenn man darum bittet?“ Bitten sind häufiger und deutlich konkreter formuliert als etwa der Dank. Er ist als Gabe der Rückerstattung und in der Regel als Teil eines verpflichtenden Tauschprozesses interpretierbar. Nur in wenigen Fällen kommt ein Dank ohne Bitte vor.
„Behüte unseren Busfahrer!“
Dreimal mehr als die Dankenden konkretisieren die Bittenden ihre Anliegen. Unter den himmlischen Dienstleistungen ist der Schutz am gefragtesten. „Lass uns gut heimkommen“ und „Behüte unseren Busfahrer“, bitten Menschen. „Beschütze unser Volk vor Krieg und Not, bitte steh uns bei“, schreibt ein Autor, fast, als habe er ein Gebetbuch im Kopf. Oder auch, sehr konkret: „Bitte hab ein Auge auf mich und auf die mir von Montag bis Freitag anvertrauten 24 Kinder, dass ihnen nichts passiert. Das würde ich mir nie verzeihen und das weißt Du auch. In wiederentdeckter Liebe und Dankbarkeit Tanja.“ Bisweilen verlockt ein Eintrag zu Kommentaren. „Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Anliegen in Erfüllung gehen möge“, setzt ein Autor unter den Eintrag eines anderen.
Daneben gibt das Anliegenbuch nicht nur Anlass für vertikale Kommunikation mit dem Himmel. Es ist auch eine Plattform für horizontalen Austausch. Menschen schreiben sich darin Liebesbriefe, Geburtstagskarten und bekunden einander Freundschaft oder schreiben einen Satz über sich selbst. In etwa der Hälfte solcher Einträge geht es um Liebeskummer. „David Fuchs, ich liebe dich. Ich weiß, du magst mich nicht, aber ich hoffe, wir bleiben noch lange befreundet“, hinterlässt eine Besucherin. „Bernd, gib dir Mühe“, sorgt sich ein Autor, „dann erreichst du auch alles, was du dir erforderst vom Herrn.“ Und im Stil einer Karte hinterlässt ein Gratulant: „Gottes Segen für das Geburtstagskind Fred.“ „Ich war immer ein guter Vater“, gibt sich ein Schreiber überzeugt. Ein anderer Eintrag wünscht: „Ich möchte nicht mehr so viel Angst haben.“
Und, vielleicht weniger überraschend: Die meisten Texte werden zwischen April und Juli eingetragen, im Oktober gibt es ebenfalls noch eine kleine Häufung, während im August und ab November ein erheblicher Rückgang der Eintragungen zu verzeichnen ist, obwohl in der Kälte das Fahrrisiko wächst. Nach Auskunft der Statistik sind von November bis Februar allerdings die Unfälle mit Personenschaden eher gering. Ab März, mit Ansteigen der Temperaturen und damit der Zahl der Zweiradfahrer, bis Oktober steigt die Anzahl der Unfalltoten erheblich an. Ab August und im Oktober gehen die Unfälle mit Personenschaden stark zurück.
Vermehrt sind also in diesen Monaten, in denen es auch mehr Unfalltote gibt, Eintragungen in die Anliegenbücher gemacht worden. „Wir werden wiederkommen“, verspricht ein Eintrag.
Michael Ebertz leitet das Zentrum für kirchliche Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Freiburg. Die Studie erstellte er zusammen mit den (ehemaligen) Studierenden der Katholischen Hochschule Freiburg Theresa Schadt, Angelika Dold, Angelika Hermann, Victorienne Ouraga, Daniela Pochert, Jasmin Kiekert; Janina Bartschies, Denise Blessing, Caroline Feisst, Almut Fischer, Kathrin Kaiser, Veronika Klaus, Maria Krause, Judith Mayer, Katharina Sackmann, Sabine Staufer, Martina Steinmetz, Lucia Tonello. Initiiert und finanziert wurde die Studie von der Akademie Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge in Kassel. Dort ist sie auch erhältlich: die.akademie@bruderhilfe.de.





