Das Wesentliche: Moralische Instanz
Einer weist den Weg
Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2012
Sollen Bischöfe zu politischen Affären schweigen? Die Kardinäle Reinhard Marx und Joachim Meisner sind da unterschiedlicher Ansicht

Es ist spektakulär, wenn zwei Erzbischöfe im Kardinalsrang sich auf offener Bühne bei einem moralischen Thema widersprechen. Genauer gesagt: Wenn der eine Position bezieht und der andere danach kundtut: „Ich glaube nicht, dass ein Bischof sich in diese Diskussion einschalten muss.“ So ist Kardinal Marx seinem Kölner Mitbruder Meisner im Fall Wulff über den Mund gefahren. Vordergründig betrachtet lehnte der Münchner eine eigene Stellungnahme ab, aber die generalisierende Diktion und der Zeitpunkt lassen auf eine gezielte Zurechtweisung des an Lebens- und Dienstjahren Älteren durch den Jüngeren schließen. Man kann dies unter der Perspektive guten Stils – erst recht eines „brüderlichen“ – irritierend finden. Unglücklich auch, dass der kirchenfürstliche Flankenschutz für einen CDU-Bundespräsidenten erfolgt, kurz nachdem derselbe Kirchenfürst mit dem Preis einer CDU-nahen Stiftung ausgezeichnet wurde.
Die Marxsche Erklärung bischöflicher Unzuständigkeit dementierte der Bundespräsident in gewisser Weise selbst, als er vor die Kameras trat und sein Verhalten, wenn auch verdruckst, zum moralischen Problem erklärte: „Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid. Ich sehe ein, nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig.“ Was Wulff als mangelnde „Geradlinigkeit“ gegenüber dem Landtag bedauert, meint eigentlich die schöne Tugend der Wahrhaftigkeit. Für die einzutreten wähnten wir Bischöfe zuständig – erst recht solche, die vom Fach Sozialethiker sind. Zuständig nicht für jeden Einzelfall, aber sicher dann, wenn ein Verstoß grundsätzliche Bedeutung erlangt hat für die moralischen Maßstäbe, die in der Gesellschaft gelten sollen. Es mutet wie ein Akt der Selbstverstümmelung kirchlicher Autorität und Weltverantwortung an, wenn ein Oberhirte sich in die Büsche schlägt und einem Amtsbruder, der sich einer um ethische Orientierung ringenden Debatte annimmt, in den Rücken fällt.
Wenn der höchste Repräsentant des Staates erst mit 52 Jahren und unter Nachhilfe eines Medientenors von der „Welt“ bis zum „Spiegel“ „einzusehen“ vermag, dass „nicht alles, was juristisch rechtens ist, auch richtig ist“, ist dies ein intellektuelles Armutszeugnis für ihn und peinlich für eine „Bildungsrepublik“. Dass Recht nur ein „ethisches Minimum“ (Georg Jellinek) garantieren kann, ist Lehrstoff des Jura-Grundstudiums, und dass Politiker keine ethischen Minimalisten sein sollten, Common Sense. Wenn die Nation sich zwei Wochen lang die Köpfe heißredet über Ehrlichkeit, Gesetzestreue, Amtsethos, Amtsaskese, Demut und Bekenntnis von Versagen, und ein katholischer Bischof erklärt, seinesgleichen solle sich da raushalten, ist das bestürzend.
Immerhin ist Marx in der Bischofskonferenz Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen und gilt als Aspirant auf die Zollitsch-Nachfolge im Konferenzvorsitz. Er hat sich im Missbrauchsskandal als Aufklärer hervorgetan. Warum glänzt er jetzt als tugendethischer Abstinenzler in einer Frage der öffentlichen moralischen Hygiene? Erwartet nicht die Res Publica, die ihre im Kern christlichen Werte durch Normen, Institutionen und Tugenden verwirklicht, zu Recht von ihren höchsten Amtsträgern in Letzteren Vorbildlichkeit?
Die Kirche nimmt ihr moralisches Wächteramt nicht nur durch die Verkündigung von Maßstäben für Gut und Böse und Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben wahr. Sie muss auch in der habituellen Dimension christlicher Sozialethik unterweisen, am besten konkret. Kardinal Meisner sagte anschaulich konkret, wenn ihn solche Anschuldigungen zu Recht träfen, „müsste ich meinen Hirtenstab abgeben, da müsste ich resignieren“ – und bekennen: „Ich bin ein armer Sünder, habe versagt.“ Am nächsten Tag ist der Katholik Wulff dem zweiten Teil der bischöflichen Wegweisung halbwegs gefolgt, wenn auch auf Zureden profanerer Ratgeber. Marx war schlecht beraten, sich mit einem Plädoyer für Nichteinmischung einzumischen. Zur „Entweltlichung“ des deutschen Katholizismus gehört eine kritische Distanz zu politischen Autoritäten, mit oder ohne C.





