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Kirche und Diktatur

Eine verhängnisvolle Affaire

Aus: Christ & Welt Ausgabe 15/2013

Kirchen haben Unrechtsregime gestützt und gestürzt, sie haben Widerstandskämpfer hervorgebracht und Kollaborateure. Ein Urteil über ihre Rolle in Diktaturen braucht Augenmaß, nicht Anmaßung

Priester Silhouette: Ostill/Can Stock Photo Diktator Silhouette: fuxart/fotolia

Seine Worte waren so gefährlich wie Waffen. „Wenn ich den Armen Brot gebe, bin ich ein Heiliger. Aber wenn ich erkläre, warum die Armen kein Brot haben, bin ich ein subversiver Kommunist.“ Dieser berühmte Satz des brasilianischen Erzbischofs Dom Hélder Câmara blieb nicht ohne Folgen. Die Militärregierung des Landes (1964-1985) sorgte dafür, dass der „rote Bischof“ aus Recife mundtot gemacht wurde. Während Dom Hélder Câmara im Ausland Friedenspreise und Ehrendoktorwürden erhielt, wurde er von der brasilianischen Presse geächtet.

Ja, so wünschen wir uns die Kirche: eine unermüdliche Vorkämpferin für Menschenrechte, für Frieden und Gerechtigkeit. Dom Hélder Câmara hat furchtlos das Foltern von politischen Gefangenen in seiner Heimat angeprangert. Und sein Glaubensbruder Paulo Evaristo Arns, ehemaliger Erzbischof von São Paulo, verschaffte politisch missliebigen Professoren eine Zuflucht an der Päpstlichen Katholischen Universität in São Paulo. Er rief Ende der 1970er-Jahre, noch während der Diktatur, das bahnbrechende Projekt „Tortura Nunca Mais“ – Nie wieder Folter – ins Leben und leistete trotz Morddrohungen von sogenannten Todeskommandos Widerstand.

Doch was ist, wenn sich die hohen Erwartungen an moralisch einwandfreie Kirchenvertreter vom Schlage eines Evaristo Arns oder eines Dom Hélder Câmara nicht erfüllen? Wenn Päpste und Bischöfe, Pfarrer und Ordensbrüder Gewaltherrschern ihren Segen erteilen und über das Leid Tausender Menschen hinwegschweigen? Wenn Kirchen mit diktatorischen Regimes kollaborieren, weil sie Angst um ihre eigene Existenz haben? Egal ob in Argentinien oder Chile, in Südafrika oder Äthiopien, in China oder auf den Philippinen, im Nahen Osten oder auf Kuba (siehe Seite 4) – beim Verhältnis zwischen Kirche und Politik existieren viele Sündenfälle. Mit anderen Worten: Unter dem großen Dach des Christentums tummeln sich sowohl Versöhner als auch Verräter.

Manchmal manifestiert sich dieser Widerspruch sogar in einer einzigen Person. So war Papst Pius XI. entsetzt darüber, dass italienische Soldaten auf Geheiß Benito Mussolinis 1935 in Äthiopien einmarschierten. Aus später veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass er den Abessinien-Krieg, bei dem mehr als 750000 Menschen ums Leben kamen, als „eine Sache von unsagbarem Schrecken, äußerst trübsinnig, äußerst traurig“ empfand. „Die Kirche Italiens ist angeklagt, mit dem Faschismus unter einer Decke zu stecken“, schrieb er damals ohne Umschweife. Doch ein Jahr später billigte derselbe Pius XI. den Militärputsch von General Francisco Franco im Nachbarland Spanien „als gerechten Krieg“. Sein Argument: Es sei der „notwendige Kampf gegen die größte und umfassendste Gefahr des Kommunismus in all seinen Formen und Abstufungen“.

Auch die Bilanz von Papst Johannes Paul II. ist ambivalent. Mit den Worten: „Nein zum Krieg! Er ist niemals unabwendbares Schicksal“, kritisierte er 2003 den Angriff der USA auf den Irak. Doch noch 1987 kniete er in Chile gemeinsam mit Augusto Pinochet auf dem Balkon des Regierungspalastes zum Gebet nieder – genau dort, wo 1973 Salvador Allende ermordet worden war. Die Millionen von chilenischen Gläubigen, die von ihm bei seinem umstrittenen Besuch die „Exkommunikation für Folterer“ forderten, besänftigte er mit dem schlichten Satz „Ich kenne euer Leid“. Auch das Leid des ehemaligen Erzbischofs von El Salvador, Óscar Romero, kannte Johannes Paul II. Romero hatte ihn am 30.?Januar 1980 in Rom aufgesucht, um über die brutale Verfolgung von Geistlichen, der Landbevölkerung und Regimegegnern in seiner Heimat zu berichten. Der Papst hörte freundlich zu, doch zu einer scharfen Verurteilung der Militärjunta kam es nicht. Eine kommunistische Diktatur wie in seiner Heimat Polen erschien ihm bedrohlicher als die Machenschaften lateinamerikanischer Generäle. Am 24.März 1980 wurde Romero während einer Predigt in der Krankenhauskapelle der „Divina Providencia“ in El Salvador erschossen. In seiner Heimat gilt er seitdem als Heiliger.

Im Vatikan liegt das 1994 für Óscar Romero eingereichte Verfahren zur Seligsprechung noch immer auf Eis. Viele Gläubige in Lateinamerika hoffen nun, dass der neue Papst aus Argentinien das Verfahren wieder aufnimmt, schließlich kämpft auch er mit dem Schatten der Vergangenheit. Noch als Erzbischof von Buenos Aires bat Jorge Mario Bergoglio im vergangenen Jahr öffentlich um Vergebung für die Fehler der katholischen Kirche während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983), bei der 30000 Menschen ums Leben kamen (siehe Seite 6). Beim Kampf gegen die angeblichen Gefahren des Kommunismus hatte die katholische Kirche sich als sehr „kooperativ“ erwiesen.

Und Bergoglio? Was war seine Rolle? Auch wenn dem ehemaligen Leiter des Jesuitenordens in Argentinien bis jetzt niemand eine direkte Kollaboration mit der Militärregierung nachweisen konnte – dem Papst wurde das Recht auf Unschuldsvermutung hierzulande in vielen Medien verwehrt. Die „taz“ degradierte ihn zum „Junta-Kumpel“, der „Spiegel“ sah ihn „im Zwielicht der Diktatur“ und die „Neue Zürcher Zeitung“ titelte „Bergoglio und die Militärs“. Hinter dem Streit um die Vergangenheit Bergoglios offenbart sich die Wut über die menschliche Schwäche wortgewaltiger Gottesmänner.

Wenn der Glaube Berge versetzt und zum ewigen Leben führt, wie kann es dann sein, dass seine Fürsprecher auf Erden Gewaltherrschern wie Francisco Franco und Benito Mussolini ihren Segen erteilen? Dass sie sogar die theologische Rechtfertigung für die Apartheid lieferten, wie die Dutch Reformed Church in Südafrika? Warum schwiegen und schweigen orientalische Christen und ihre Patriarchen zu den Gewalttaten von Diktatoren wie Mubarak und Baschar al-Assad (siehe Interview unten)?

Die Sündenfälle unter dem Kreuz sind eine Tatsache, genauso wie die vielen gewonnenen Befreiungskämpfe mit kirchlichem Beistand. Nicht nur in Europa trugen Kirchen zum Fall der Mauer bei. Auch in Südkorea, auf den Philippinen und in Osttimor brachten sie diktatorische Regime zu Fall. Als die Kirche auf den katholischen Philippinen sich 1986 von Herrscher Ferdinand Marcos abwendete und die Massendemonstrationen gegen ihn unterstützte, beschleunigte sie seinen Sturz. In Osttimor war die katholische Kirche die treibende Kraft beim Unabhängigkeitskampf 2002 gegen Indonesien. In vielen afrikanischen Ländern sind Kirchen oft die einzig funktionierenden Institutionen, die noch ein Minimum an Gesundheitsfürsorge und Bildung anbieten. Geistliche wie der ehemalige anglikanische Erzbischof Desmond Tutu oder Laurent Kardinal Monsengwo Pasinya aus Kinshasa verkörpern Widerstand und Würde gegen Willkür und Gewalt.

„Wenn wir als Kirche da schwiegen, was wären wir dann noch für eine Kirche?“, fragte der deutsche Pfarrer Oskar Wermter, den „Chrismon“ kürzlich porträtierte. Seit 40 Jahren lebt Wermter in einer Township in Simbabwe, in der Nähe der Hauptstadt Harare. „Eines Tages ist die Diktatur vorbei, und dann wollen wir auch noch mit Anstand dastehen“, so Wermter. Der 70-jährige Jesuit sorgt dafür, dass der Glaube an eine Kirche als Vorkämpferin für Frieden und Versöhnung nicht stirbt – trotz unzähliger Sündenfälle. Er braucht Geduld statt selbstgefälliger Vorurteile.

Erschienen in:
Ausgabe 15/2013
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Außenpolitik, Ethik, Papst, Tod, Wirtschaft