Pfarrermangel
Ein Gespenst geht um
Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011
Viele Ruheständler, wenig Nachwuchs: Der evangelischen Kirche geht das Bodenpersonal aus. Wird nun das Priestertum aller Gläubigen wieder wichtiger?

Es ist eine stille Revolution. Schleichend und dennoch unaufhaltsam durchdringt sie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Sie rüttelt an der Wiege des Protestantismus und sorgt für eine wachsende Angst vor dem leeren Pfarrhaus. Denn schon jetzt ist absehbar: Die Landeskirchen in Oldenburg, Berlin-Brandenburg, Mitteldeutschland, Braunschweig, Bayern und Hessen und Nassau werden in den nächsten 20 Jahren mehr als die Hälfte ihrer Pfarrer verlieren. Verantwortlich für diesen Wandel sind der Bevölkerungsrückgang, die 2015 beginnende Pensionierungswelle innerhalb der evangelischen Kirche und der ausbleibende theologische Nachwuchs.
Die Zahlen sind dramatisch. In der oldenburgischen Kirche wird es nach einem internen Bericht bereits ab dem Jahr 2018 nicht mehr möglich sein, alle offenen Stellen zu besetzen. Die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz verliert nach Angaben ihres Personaldezernenten Joachim Muhs in den kommenden 20 Jahren drei Viertel ihrer jetzigen Pfarrerschaft. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland muss ein Pfarrer heute oft schon zehn bis 15 Predigtstellen abdecken. Und auch in Bayern werden ab 2020 über zehn Jahre hinweg von den jetzt noch 2500 Pfarrern rund 1000 in den Ruhestand gehen.
„Es wird dann nicht mehr jede Gemeinde einen Pfarrer bekommen können, auch wenn dort noch eine Stelle vorhanden ist“, prognostiziert Klaus Weber aus der bayerischen Landeskirche, der 18 Jahre lang Vorsitzender des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer war. Ohne engagierte Ehrenamtliche könne der Verkündigungsdienst in den Landeskirchen vielfach nicht mehr in ausreichender Weise wahrgenommen werden.
Doch warum geht der evangelischen Kirche ausgerechnet jetzt das Bodenpersonal aus? Schließlich ist bei den Protestanten weder Frauen noch verheirateten Männern der Zugang zum Pfarrhaus verwehrt. Auch Pfarrer Hartmut Lübben, der in der oldenburgischen Kirche für die Förderung des theologischen Nachwuchses verantwortlich ist, stellt sich diese Frage immer wieder. Beim Vergleich mit anderen Berufsgruppen, das hat er im Gespräch mit Theologiestudenten oft zu hören bekommen, schneidet der Gemeindepfarrer schlecht ab.
Unregelmäßige Arbeitszeiten, mäßige Bezahlung und große Verantwortung – so richtig verlockend scheint der Einzug ins evangelische Pfarrhaus nicht zu sein, vor allem, wenn es kleinere Gemeinden auf dem Land betrifft. Dabei ist die Zahl der evangelischen Theologiestudenten in den vergangenen 20 Jahren relativ konstant geblieben. Im Wintersemester 1992/1993 waren rund 13 000 angehende Theologen an den Fakultäten eingeschrieben. Heute sind es 14 000. Die Zahl der Kandidaten, die sich auf die Liste einer Landeskirche eingetragen und sich damit für den Dienst in einer bestimmten Region entschieden haben, ist allerdings drastisch von rund 8000 auf 2400 Kandidaten gesunken.
„Es mangelt an Menschen, die sich berufen fühlen, diesen Weg in ihrem Leben zu gehen. Das ist so, sonst hätten wir die Schwierigkeiten nicht“, bilanziert Lübben. Er hofft allerdings, dass es sich einige Studenten im Laufe ihres Studiums noch einmal anders überlegen. „Die Theologiestudenten wissen, dass die personelle Situation in den Landeskirchen schwierig ist“, meint er. Sie wollten sich alle Optionen offenhalten. „Die Notwendigkeit, sich in der Regel für die Heimatkirche, aus der man kommt, zu entscheiden, besteht nicht mehr“, sagt er.
Doch hinter dem Mangel an Berufungen steckt weit mehr als die sinkende Anzahl von Pfarramtskandidaten. Der drohende Pfarrermangel symbolisiert auch den schleichenden Imagewandel eines Berufes, der in den vergangenen zehn Jahren an sozialem Ansehen und Attraktivität eingebüßt hat. Das Bild vom Pfarrer als allseits präsentem Geistlichen, dessen Haus immer offen steht und der zu allen Festen in seiner Gemeinde eingeladen ist, gehört mittlerweile der Vergangenheit an. „Viele Ortspfarrer sind Mädchen für alles“, klagte Klaus Weber kürzlich auf der Mitgliederversammlung des Pfarrerverbandes in Bonn. Für Grundaufgaben wie Gottesdienst und Kasualien stünden oft nur noch 50 Prozent der Arbeitszeit zur Verfügung. Der Rest gehe für Verwaltung und Organisation, Gremienarbeit und sogar Hausmeistertätigkeiten drauf.
Auch gesellschaftliche Veränderungen spiegeln sich im Berufsbild des Pfarrers wider. Die Zeiten, in denen die Pfarrersfrau automatisch zur hauseigenen Sekretärin avancierte oder den Mütterkreis in der Gemeinde leitete, sind endgültig vorbei. „Es ist eine der markantesten Veränderungen, dass wir immer häufiger zwei berufstätige Menschen im Pfarrhaus haben“, erklärt Traugott Schächtele, Regionalbischof der badischen Landeskirche. „Früher war das weder gewünscht noch erlaubt, heute ist es der Regelfall.“
Auch bei der EKD in Hannover beobachtet man die stille Revolution im Pfarrhaus. Gerade junge Pastorinnen und Pastoren seien verunsichert, was alles von ihnen erwartet werde. Während die Wiege des Protestantismus auf dem Land vielfach noch im Mittelpunkt der Gemeinde stehe, residiere in städtischen Gemeinden der Pfarrer immer seltener im Pfarrhaus. „In Berlin ist die Residenzpflicht praktisch aufgegeben“, räumt Oberkirchenrat Joachim Ochel, Referent für theologische und kirchliche Ausbildungen bei der EKD, ein.
Den Wandel hatte die EKD bereits im Jahr 2006 in ihrem Strategiepapier „Kirche der Freiheit“ vorausgesagt. Schon damals wurde vorgeschlagen, dass Pfarrer sich über die Grenzen der Landeskirchen hinweg bundesweit bewerben sollten. Auch die zahlenmäßige Entwicklung wurde prognostiziert: Aus jetzt rund 20 000 Pfarrern werden bis zum Jahr 2030 rund 13 000.
Die oldenburgische Kirche hat die Ratschläge ernst genommen. Sie hat eine eigene Stelle zur Förderung des theologischen Nachwuchses geschaffen, fahndet bundesweit nach Pfarrerinnen und Pfarrern und will nicht nur die Gemeindepfarrerstellen attraktiver machen, sondern auch das Ehrenamt. „Die interne Untersuchung ist wie eine Schockwelle durch die Kirche gegangen“, bestätigt Pfarrer Andreas Zuch, der an der Untersuchung im Rahmen der AG Perspektive mitgearbeitet hat. „Viele haben sich bei uns dafür bedankt, dass wir den Knüppel aus dem Sack geholt haben.“ Mittlerweile wird in Oldenburg an einem Stellenplan gearbeitet, der die Zahl der Gemeindeglieder pro Pfarrstelle begrenzt und Gehaltsangleichungen vorsieht. Ein besonderer Schwerpunkt ist außerdem die Förderung von Ehrenamtlichen, die nun gesetzlich festgeschrieben werden soll. Sie sollen Fortbildungen finanziert und mehr Anerkennung in der Gemeinde bekommen. Für den badischen Regionalbischof Traugott Schächtele ist „klar, dass künftig Ehrenamtliche vermehrt Verantwortung übernehmen werden“. Dies werde die Kirche verändern.
Rückt so das „Priestertum aller Gläubigen“, das einst Luther postulierte, wieder stärker in den Vordergrund? Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass der Kampf gegen Pfarrermangel nicht nur mit ehrenamtlichem Engagement, sondern auch mit Geld geführt wird. Deutsche Seelsorger sind in der Alpenrepublik sehr gefragt. Im Kanton Graubünden zum Beispiel besetzen sie bereits 52 Prozent der Pfarrstellen. Die Verdienstaussichten sind hervorragend: Pfarrer in der Schweiz verdienen bis zu 80 Prozent mehr als ihre Kollegen in Deutschland. Trotz des finanziellen Gefälles zwischen Nord und Süd bleiben jedoch auch dort viele Stellen jahrelang unbesetzt, und Pfarrer im Ruhestand müssen weiterhin ihre Gemeinden betreuen.
Gerade die ärmeren deutschen Landeskirchen befürchten nun, dass ihnen ihre reichen Schwestern aus dem Süden künftig die Bewerber wegschnappen. „Spätestens in zehn Jahren müssen wir damit rechnen, dass Pfarrer aus dem Osten in Regionen abwandern, wo die Arbeitsbedingungen besser und die Gehälter höher sind, oder gar nicht erst bei uns anfangen“, erklärt Martin Michaelis von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Michaelis spricht aus, was viele denken: „In zehn Jahren wird die Problematik nicht die sein, dass wir zu wenig Geld haben, die Pfarrer zu bezahlen, sondern dass wir zu wenig Pfarrer haben, um ihnen das Geld zu geben, das da ist.“





