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Stille

„Durchatmen – das wünsche ich ihm“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 08/2013

Der Papst zieht sich in ein Kloster zurück. Eine Eremitin gibt ihm Tipps für die Zeit nach dem Stress

Christ&Welt: Der Papst hat angekündigt, ins Kloster zu gehen und ein Leben im Gebet zu verbringen. Ist das die richtige Entscheidung? Schwester Maria Benedicta: Ob es die richtige Entscheidung ist, kann ich nicht beurteilen, wohl aber halte ich sie für eine ihm entsprechende Entscheidung. Sie zeigt das, was er als Papst immer wieder deutlich gemacht hat: Es geht ums Wesentliche, das heißt, es geht um Gott. Und darauf kann er sich jetzt konzentrieren und damit einen großen, notwendigen Dienst an der und für die Kirche tun.

C&W: Glauben Sie, er schafft es, sich nach einem Leben unter ständiger
Medienbeobachtung völlig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?

Schwester Maria: Ja, das glaube ich, denn die Öffentlichkeit war nicht das, was er gesucht hat. Ich halte ihn für einen wirklich spirituellen und demütigen Menschen.

C&W: Was überwiegt bei Ihnen, wenn Sie an Papst Benedikt denken: Dankbarkeit, Mitleid oder Kritik?

Schwester Maria:
Dankbarkeit und tiefer Respekt.

C&W: Wie werden Sie ihn in Erinnerung behalten?

Schwester Maria:
Als einen, der Gott ins Zentrum rückte, sich selbst als Werkzeug, als Brücke verstand. Er ist für mich ein authentischer Mensch.

C&W: Womit beschenkt einen das Klosterleben?

Schwester Maria:
Mit der Möglichkeit, sich intensiver auf geistliches Leben einzulassen, Prioritäten in die „Vertikale“ zu setzen und dabei sich selbst mehr kennenzulernen.

C&W: Was nimmt es?

Schwester Maria:
Es nimmt einem die „Supermarktmentalität“: von allem haben zu wollen.

C&W: Was raten Sie Benedikt XVI. für die ersten Wochen seiner
Klosterzeit?

Schwester Maria:
Ich wage nicht, ihm etwas zu raten. Er ist ein betender Mensch, und Gott wird ihm zeigen, was jetzt dran ist. Ich wünsche ihm allerdings, dass er innerlich seine Entscheidung einholen kann und wieder durchatmen kann. Denn die Last und Bürde waren oft unmenschlich, gerade in den letzten Jahren. Weil er Gott und Seine Kirche liebt, tut er diesen ungewöhnlichen Schritt. Ich habe gehört, dass er in ein Kloster im Vatikan geht. Mein erster Gedanke war: Nein, nicht im Vatikan. Bei längerem Überlegen kam mir der Gedanke: Dort wird er weiter von der Welt verfolgt. Wenn es woanders die Sicherheit eines wirklichen Rückzugs gäbe, hielte ich das für besser. Dass er im Vatikan genug Abstand hat, bezweifle ich.


Schwester Maria Benedicta lebt seit neun Jahren als Eremitin in Bonn. Vor 38 Jahren trat sie in den Orden
der Servitinnen ein.


Erschienen in:
Ausgabe 08/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Papst