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Erweckung

„Du bischt koi Hempfli-Bempfli!“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2012

Das Stuttgarter Gospel-Forum ist die größte Mega-Church in Deutschland.Pastor Peter Wenz bittet jeden Sonntag den Heiligen Geist zum Ortstermin. Tausende Gläubige begeistert das.

Foto: Gospelforum

Er rudert mit den Armen. Er fegt über die Bühne wie Mick Jagger in seinen besten Zeiten. Ohne zusätzliche Anstrengung könnte Peter Wenz in einer seiner Predigten nebenher das Sportabzeichen machen. Zweimal am Sonntag begibt sich der freikirchliche Pastor auf diesen Marathon, um im Stuttgarter Gospel-Forum seiner Gemeinde die Herrlichkeit Gottes nahezubringen. Vieles an dem drahtigen Gottesmann erinnert an US-amerikanische Heilsprediger aus den Bibelkanälen: der penibel getrimmte Haarschnitt, die durchtrainierte Lockerheit, vor allem aber diese Angewohnheit, einen Gedanken so zu präsentieren, als sei die Eingabe just in diesem Moment von ganz oben durchgereicht worden.

Wenz ist getaufter Katholik, er war Jugendleiter und Ministrant und ging auch jeden Sonntag in die Kirche. Bis er 20 wurde. Von einem Erweckungserlebnis berichtet er: Nach einem evangelikalen Kinofilm will er im Traum eine engelsähnliche Stimme vernommen haben, die ihm bedeutete, seine Offizierslaufbahn bei der Luftwaffe zu beenden. „Von der Intensität her war das so ähnlich wie bei Saulus, der vor Damaskus zu Paulus wurde“, sagt er. „Ich begann mich von diesem Tag an mit der Heiligen Schrift auseinanderzusetzen. Und ich verstand sie plötzlich durch Gottes Gegenwart. Ich habe ein Theologiestudium angefangen und bin dann nach Stuttgart gegangen.“

Dass der göttliche Auftrag offenbar lautete, sich als charismatischer Heilsverkünder zu versuchen, passte so gar nicht zu dem jungen Peter Wenz. Vor lauter Schüchternheit, erzählt der heute 53-Jährige auf und abseits der Bühne gerne, habe er kaum einen Satz herausbekommen.

Heute ist Wenz einer der eloquentesten und erfolgreichsten Prediger in der deutschen Kirchenlandschaft. Als Praktikant stieß er 1985 zu einem kleinen Haufen pietistischer Frömmler, die noch in der Biblischen Glaubensgemeinde ausgeharrt hatten. Aus ihr machte Wenz eine Megakirche, die mittlerweile als die größte des Landes gilt. Jede Woche strömen 2500 Gläubige in sein Gospel-Forum, die Zuschauer vor dem Internet-Livestream nicht mitgerechnet. Und das in einer Zeit, in der die evangelischen und katholischen Gotteshäuser leerer werden.

Peter Wenz denkt groß – „think big“, wie man in Amerika sagt. Bloß keine langweilige Liturgie, dafür große Kirchen, große Gesten und ganz große Gefühle. Der Gottesdienst schert sich nicht um die rituellen Vorgaben des Kirchenjahres. Er will berühren, überwältigen. Wenz inszeniert die Vergegenwärtigung Gottes nach allen Regeln der Kunst. Was er bietet, ist ein Erlebnisgottesdienst.

Spirituelle Events dieser Art sind zurzeit auf der ganzen Welt im Kommen. Wenz staunt selbst darüber, dass der Heilige Geist sich mit dem Zeitgeist verlinkt. „Wir erleben gerade eine mächtige Ausgießung des Heiligen Geistes. Über 600 Millionen Pfingstler gibt es weltweit. In Südkorea sind Gottesdienste mit 80000 Besuchern keine Seltenheit.“

Die Statistik scheint Peter Wenz recht zu geben. Nigeria ist fest in den segnenden Händen der Pfingstler, in Lateinamerika machen sie der katholischen Kirche die Gläubigen abspenstig. Bescheiden sind sie dabei nicht: So brüsten sie sich damit, dass es heute bereits mehr Pfingstler als Muslime auf der Welt gibt. Sie streben nach politischem Einfluss. Da diese evangelikale Strömung ihr tägliches Wirken und Trachten streng nach den Geboten der Bibel ausrichtet, sind die Übergänge von Religion zu Politik für diese Gemeinden fließend. Die Trennung von Kirche und Staat wird akzeptiert, ist aber eigentlich nicht in ihrem Sinne.

Mit der Stuttgarter Regionalpolitik hat Wenz seine liebe Not. In den Auseinandersetzungen um den Bahnhofsumbau Stuttgart 21 sympathisierte der Freikirchenpastor mit der Galionsfigur der Baubefürworter, dem CDU-Oberbürgermeister Schuster. Er tat das, wie er sagt, um der drohenden Verrohung der Sitten durch den Anarchismus in der Stadt ein Ende zu bereiten. Das Gebet hat geholfen: Nach der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 ist der Dampf aus der Protestbewegung gewichen. Zufrieden ist Wenz dennoch nicht. Schließlich hat das Ländle in der Zwischenzeit einen grünen Ministerpräsidenten und einen grünen Oberbürgermeister bekommen. An den Wahlsonntagen hatte der Heilige Geist wohl einen anderen Ortstermin.

Wenz gelingt sonntags spielend, was die Bahnhofsgegner bei ihren Montagsdemonstrationen nicht mehr zuwege bringen: Er mobilisiert die Massen. Erst jüngst füllten 6000 christlich beseelte Jugendliche die Porsche-Arena zu seiner „Holy Gospel Night“. Der Livestream versorgte weitere Tausende, die nicht mehr in die Arena passten. Im Wenzschen Gospel-Forum ist jeden Sonntag Kirchentag. Wenz glaubt, dass die Charismatiker Antworten auf die brennenden Fragen haben.

Zumindest ziehen sie, im Gegensatz zur evangelischen und katholischen Kirche, alle technischen Register, um ihre Antworten unter den Menschen zu verbreiten. „Wir dürfen bei solchen Großveranstaltungen immer wieder erleben, wie diese Teenager erfüllt nach Hause gehen. Sie sind von der kapitalistisch-materialistischen Welt völlig desillusioniert. Sie spüren: Der Heilige Geist hat ihnen gegeben, wonach ihre Seele dürstet.“

Warum kommen Tausende jeden Sonntag ins Gospel-Forum, das in einer hässlichen Industriegegend nahe des autogerechten Stuttgarter Pragsattels gelegen ist? Ist das die frohe Botschaft von Peter Wenz und die seiner schon mal aus den USA eingeflogenen charismatischen Gastprediger, oder zieht, frei nach dem physikalischen Äquivalenzgesetz, Masse hier einfach nur Masse an?

Der fast 20 Meter hohe Flachbau mit der riesigen Glasfensterfront in der Junghansstraße 9 gleicht mehr einem Kongresszentrum als einem Sakralgebäude. In den Kabinen unterhalb der Empore übersetzen ehrenamtliche Simultandolmetscher die Predigt von Peter Wenz in ein gutes Dutzend Sprachen. Hier soll jeder Gottsuchende, egal, woher er kommt, individuell angesprochen werden – auch wenn das einen immensen technischen Aufwand bedeutet. Bei einem Stuttgarter Migrantenanteil von 40 Prozent ist das Gospel-Forum auch ein Ort, wo Fremde eine Gemeinde finden. Mehrere Kameras sind gleichzeitig auf Peter Wenz gerichtet, für den Livestream im Internet. Beamer projizieren die Lied- und Predigttexte in Englisch und Deutsch auf eine riesige Leinwand in Form eines Triptychons.

Psychedelische Farbenspiele untermalen die Klänge der Gitarren, Synthesizer und des Schlagzeugs, die bei Peter Wenz die klassische Kirchenorgel ersetzt haben. Am Ende wiegt sich die Filipina im Sonntagsstaat mit dem betagten Mütterlein aus dem Zabergäu zu den sphärischen Klängen. Da recken sowohl Gerlinde aus Backnang wie Mehmet aus Untertürkheim ihre Hände gen Himmel und rufen „Ey Man!“, was auf Deutsch „Amen“ bedeutet. Im wirklichen Leben trennen sie Welten und Gehaltsgrenzen.

Manchmal erscheinen auf der magischen Leinwand aber nicht nur Botschaften für die Seele, sondern auch handfeste Zahlen. Plötzlich leuchtet der biblische Tempel als animierte Grafik auf. Darüber steht: „Dein Investment 2012: 180000 Euro! Ein jeder gebe, was er kann!“ Pastor Gottfried Seiler sorgt dafür, dass der Gottesdienstbesucher den Spendenaufruf nicht als störend empfindet. Wenz’ Helfer soll die Gemeinde auf mehr Spendenbe?reitschaft einschwören: „60 Prozent sind nicht 100 Prozent, unser Spendenziel für dieses Jahr ist noch nicht erreicht!“, ruft Seiler den Gläubigen zu. Kein Mahnen ist in dieser Stimme, sondern etwas Jubilierendes, als sei es eine Gnadengabe, sich für Gott zu verausgaben. Hatte nicht der amerikanische Stahlmagnat und Mäzen Andrew Carnegie, nach dem in New York die legendäre Halle benannt wurde, gesagt: „Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“?

Eine verbesserte Brandschutzanlage und der Erwerb und Umbau einer christlichen Buchhandlung in Bad Cannstatt bedeuten erhebliche finanzielle Herausforderungen für die Gemeinde, die keinen Cent Kirchensteuer erhält. Ohne Spenden und Sponsoring, Erbschaften und Mitgliedsbeiträge müsste Peter Wenz in einer dunklen Halle und ohne Strom predigen – und wohl auch ohne Gemeinde. Zwischen 50 und 2000 Euro bewegt sich der monatliche Spendenrahmen pro Person, laut Peter Wenz.

Das System Wenz appelliert an die Pflicht des Christenmenschen, sich in der Gemeinde zu engagieren – finanziell wie personell. Viele Gemeindemitglieder arbeiten selbstlos und ehrenamtlich, ob an der Garderobe, als Saalordner. Kinderbetreuer oder im Restaurant, wo die Familien nach dem Gottesdienst noch ein preiswertes Mittagessen erstehen können. Freiwilligkeit ist ein Muss. Erst der gottgefällige Dienst am Nächsten öffnet das Tor zum Himmelreich.

Vom Kleinkind bis zum Greis – im Gospel-Forum scheint für alle gesorgt. Es gibt einen Wickelraum und einen Raum zum Stillen, eine Bibelschule, in der etwa 500 Kinder und Jugendliche während des Erwachsenengottesdienstes von 200 Helfern betreut werden. Der Gläubige wird nie nur sich selbst überlassen, was bei denen, die es brauchen, ein Gefühl der Geborgenheit erzeugt, von anderen aber auch als einengend und bedrückend empfunden werden kann.

In der Leihbibliothek des Gospel-Forums findet der Gläubige gedruckte Erbauung. In der hauseigenen Sporthalle kann er erfahren, dass Körper und Geist eins sind. Der weltweit stärkste Stamm der christlichen Pfadfindervereinigung Royal Rangers wird von den Stuttgarter Gospel-Forum-Jugendlichen gestellt. Es gibt sogar einen Fußballclub. Der hat schon mal den Fairplay-Preis bekommen, weil die Spieler im Match, statt zu foulen, die andere Wange hingehalten haben.

Was nicht über Spenden ins Gospel-Forum einfließt, soll der Büchertisch neben der florierenden Kaffeebar in der Eingangshalle richten. Ein Jugendlicher verkauft dort mit drei älteren Frauen evangelikale Schriften und Mitbringsel. Für die geistliche Nacharbeit können die Gläubigen unmittelbar nach jedem Gottesdienst die Predigt von Peter Wenz als Mitschnitt kaufen.

Auf dem Tisch stapeln sich auch die Videos amerikanischer und australischer Prediger. Besonders gut gehen die Sacropop-CDs, am besten wohl die Scheibe der Stamm-Band. Mit wechselnder Besetzung, doch auf gleichbleibendem Spitzen-Level beschallt sie die beiden Sonntagsgottesdienste. Die Qualität der Gruppe sichert eine hauseigene Musikakademie. Musik ist das Kernmedium zur Übermittlung charismatischer Heilsbotschaften.

Sie führt direkt ins Herz. Ohne theologische Umschweife. Harfe, Zimbeln und Psalter sind ersetzt durch E-Bass und elektrisch verstärkte Akustikgitarren. Auf der Bühne thront hinter Plexiglas ein Schlagzeug. Es gibt keinen Altar, Peter Wenz trägt keinen Talar, nicht einmal ein Kreuz ist zu sehen. Peter Wenz möchte keinen verschrecken, vor allem nicht die Heilssucher, die sich wegen ihrer religiösen Tradition in keinem Raum aufhalten dürfen, in dem ein Kreuz hängt. Es ließe sich aber, sagt Wenz, bei Bedarf jederzeit auf die Leinwand werfen.

Die wahre christliche Unterweisung findet jedoch nicht am Sonntag, sondern während der Woche statt. 70 Hauptamtliche, darunter 13 Pastoren, leistet sich das Gospel-Forum. Das ist nicht viel, bedenkt man, dass ihnen 1600 ehrenamtliche Helfer gegenüberstehen. In den Hauskreisgemeinden ist die Glaubensvermittlung schon engmaschiger gestrickt. Dort ist die fürsorgliche Belagerung auch eine Form gegenseitiger sozialer Kontrolle.

In Kleingruppen wird die Bibel gelesen, gebeichtet, das Vaterunser gebetet, das Abendmahl eingenommen und die Pflege von Alten und Kranken oder das Babysitting organisiert. Zweimal in der Woche wird an Bedürftige am Stuttgarter Olgaeck ein Abendessen angeboten, einen kostenlosen Haarschnitt gibt’s auch einmal im Monat. Ehrenamtliche verteilen an Infoständen Broschüren über das Gospel-Forum. Jede gewonnene Seele stärkt die Gemeinde.

Wer gehen will, kann gehen. Peter Wenz droht nicht mit ewiger Verdammnis, er malt nicht den Teufel an die Leinwand. Angst, sagt er, würde den Suchenden nur beengen. In seiner Predigt ruft er in die Menge: „Sorge ist ein Angebot von jemandem, der etwas gegen dich hat. Der Feind wirft dir den Sorgenköder zu!“ Peter Wenz will, wie die meisten Charismatiker, ermutigen. In leutseligem Schwäbisch gibt er den Tröster der Gedemütigten: „Du bischt ebber vor Gott! Du bischt koi Hempfli-Bempfli!“ – Tänzelnd schwingt er danach in seinen Coaching-Ton zurück: „Jesus sagt, du bist kostbar! Ich hab dich erkauft mit meinem Blut. Du bist jetzt ein Königssohn.“

Die Musik wallt auf, der Rhythmus der Band beschleunigt sich. Ein junges Paar in der zweiten Reihe reckt die Arme wie eine Antenne in die Höhe. Manche formen die Handflächen zu einer offenen Schale, in die sich der Heilige Geist ergießen soll. Wenz zelebriert das: „Ich spüre, dass gerade etwas ganz Wichtiges passiert. Der Heilige Geist ist unter uns, hier in Stuttgart! Er ist da!“

Dann hebt er unvermittelt zu einem archaischen Singsang an. Das suggeriert: Der Gesang ist nicht von dieser Welt. Aus mir spricht der Heilige Geist in Zungen, wie es bei Paulus heißt. Jetzt ist Peter Wenz in seinem Element: als Mediator und Medium in einer Person. Ein Sender mit starkem spirituellem Empfangsteil, Hirte und Schaf zugleich. Dann ist Peter Wenz mit sich selbst per Du. „Gut, Peter, dass du dir die Frage gestellt hast. Ich hätte sie mir auch gestellt.“

Erschienen in:
Ausgabe 49/2012
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Spiritualität, Kirchen, Lebensstil, Wirtschaft