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Moralwächter

Die Weltbilderstürmer

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2012

Die Allgäuer Brüder Bernhard und Martin Müller haben es geschafft, ein Milliardenunternehmen in Bedrängnis zu bringen. Sie haben beharrlich dagegen gekämpft, dass der katholische Weltbild-Konzern gegen das katholische Weltbild verstößt. Ihnen ging es gar nicht um die Jagd auf Pornos, sondern um die Doppelmoral. Den Verkauf halten sie für die falsche Lösung.

MArtin Storz

Die Frau ist jung und brünett, auch wenn man den Haaransatz unter dem Schleier mehr ahnt als sieht. Da steht sie und wartet, und sie kann warten. Unter dem knöchellangen weißen Kleid mit dezenter Goldstickerei schauen nackte Füße hervor. Sie hat die Hände aneinandergelegt. Der Kopf neigt sich leicht nach vorn. Die goldene Krone sitzt fest. Die dreiviertelmetergroße Madonna von Fátima auf der glatten, unlackierten Teakanrichte hat die beiden Männer inspiriert, die in den Zeitungen „Pornojäger“ heißen. Sie hat ihnen geholfen, so glauben die beiden, den Papst zum Reden und die Bischöfe zum Handeln zu zwingen. Die haben beschlossen, sich von Weltbild zu trennen, dem größten Buchhändler Deutschlands, der so etwas wie ihre erfolgreiche Investmentbank ist. Der Titel wie „Vögelbar“ und „Schlampeninternat“ im Angebot hatte (siehe unten). Die Madonna blickt, als trüge sie einen Schmerz mit sich herum.

Die beiden Männer haben mit einem Beitrag in der „Welt“ den Tsunami ausgelöst, der über die katholischen Bischöfe hereinbrach. Graue Haarkränze liegen raspelkurz am Kopf an. Sie sind 50, nicht mehr jung und noch nicht alt. Und Zwillinge, zuerst gar nicht leicht auseinanderzuhalten. Enge Jeans und Sweatshirts, Martin grün-weiß gestreift, Bernhard grau meliert. Martin, auf dem Büffellederstuhl, spricht nicht viel und spart mit Gesten. Die Hände liegen beherrscht auf den Oberschenkeln. Bernhard sitzt auf Korbgeflecht, den Oberkörper vorgebeugt, als brauche er keine Lehne. Immer wieder fährt der Daumen unter den verchromten Kuliclip und biegt ihn beängstigend weit auf, bis knapp unter die Bruchgrenze. Nie darüber. Die Glaswand hinter den beiden zeigt sanft gewölbte Hügel. Immenried, ein 700-Seelen-Dorf im Allgäuer Alpenvorland. Die Kulisse könnte nicht harmloser sein. Keine Verkleidung, kein Pseudonym. Bernhard und Martin Müller heißen wirklich so. Bernhard redet auch mit den Händen.

„Ein Schmarrn“, sagt er zur Bezeichnung „Pornojäger“ und lenkt sofort ein, so wie er oft einlenkt: „Gut, Porno war der Flaschenöffner, der Aufrüttler für die Bischöfe.“ Den hat er gezielt eingesetzt. Sex sells, das hat er sich zunutze gemacht und den Bischöfen erotische Weltbild-Angebote ins Gesicht geschleudert: „Muss Bischof Mussinghoff wissen, ,Warum Männer so schnell kommen und Frauen nur so tun als ob‘“, fragte er in der „Welt“. Eigentlich störten ihn an Weltbild aber die Widersprüche, in die sich die katholische Kirche begibt: „Ein Unternehmen im Besitz der Kirche kann nicht bloß die Absicht verfolgen, um jeden Preis zu wachsen. Das ist einfach nicht kompatibel mit der Kirche.“ Die Unterhaltungssparte von Weltbild etwa, „ohne jedes Niveau! Da krieg ich einen Hals, wenn der Medienbischof die Banalität des Fernsehprogramms kritisiert.“ Oder die 24/7-Bestellhotline, während die Bischöfe gegen Sonntagsarbeit protestieren.

Er ballt die linke Hand zur Beinahe-Faust. Der rechte Daumen fährt ruckartig unter den Kuliclip: „Und man kann über die Sexualmoral der Kirche unterschiedlich denken. Aber jede Kindergartenleiterin muss um ihre Arbeit fürchten, wenn sie einen Geschiedenen heiratet – und an der Spitze des größten katholischen Medienkonzerns sitzt ein Konfessionsloser.“ Das zielt auf den Weltbild-Chef Carel Halff, über den undementiert berichtet wird, er gehöre gar keiner Kirche an. Bernhard Müller weiß noch viele Beispiele. Etwa, dass sich Bischöfe und Konzern jetzt um Arbeitsplätze Sorgen machen. Als sich das Unternehmen Verlage und Buchhandlungen einverleibte und Stellen einsparte, „da hat kein Bischof danach gefragt“.

Rund um Bernhard und Martin Müller ist Fatima, mitten im Dorf Immenried, vis-à-vis der neubarocken Dorfkirche St. Ursula. Ein Haus in U-Form, 2007 gebaut, mit viel Glas, weiß lasiertem Holz und Fassadenplatten aus Verbundwerkstoff. Ein Tankwagen sticht zurück ins U und bläst Holzpellets in den Heizungskeller. Ihren Verlag haben die beiden Müllers fe-Medien genannt, für Fatima-Edition, und „fé“ heißt auf Portugiesisch Glauben. Jährlich erscheinen um 25 neue Titel. Gabriele Kuby erzählt biblische Geschichten nach. „Welt“-Korrespondent Paul Badde sieht das „Göttliche Gesicht“. Argumente für Zölibat, Weihwasser und Weihrauch. Das unabhängige „Vatican-Magazin“, das auch über den Kiosk vertrieben wird. Hier ist Paul Badde Mitherausgeber. Und Kalender: Fátima, der Papst, Haussegenssprüche. Eine katholische Welt ohne Fragen und Dialogprozesse. Es gibt aber keine gemeinsame Andacht für die fast 20 Beschäftigten. „Ich bin ja auch Arbeitgeber, und ich will keinen religiösen Druck aufbauen“, sagt Bernhard Müller. Vorn am Haus, in der linken U-Spitze, im Café Fatima, holen die Nachbarn morgens frische Brötchen. Balderschwang liegt in der Nähe. Von da sendet das katholische Privatradio Horeb. Bernhard Müller gehörte früher zu den Sprechern. 25 Kilometer weiter, in Wigratzbad, versammeln sich die von den Piusbrüdern abgespaltenen Petrusbrüder zur tridentinischen Messe. „Da habe ich vor 20 Jahren zum letzten Mal eine tridentinische Messe gefeiert“, sagt Bernhard Müller. Als Joseph Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, einen Priester weihte. Zum einzigen deutschen Kartäuserkloster in Wurzach sind es nur zehn Kilometer nach Norden. „Die sind streng“, sagt Martin Müller, „und haben keine Nachwuchsprobleme.“ Kartäuser schweigen. Aber der Klosterpförtner sei redselig. Früher musste Bernhard Müller öfter zu Interviews reisen, „das war lästig“. Durch das Internet sei der Standort zweitrangig geworden. Beide sind in Immenried aufgewachsen, traditionell katholisch. Als Jugendliche haben sie sich für verfolgte Christen engagiert. Wurden Mitglieder in der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Beide schrieben, hektografierten und verteilten Flugblätter von Spirit-Karbon-Matrizen. Einsatz für bedrängte Christen im Ostblock. Dort wurde die Madonna von Fátima ähnlich verehrt wie zu Hause in Portugal, weil sie die Bekehrung Russlands vorausgesagt hatte.

Die beiden gründeten einen Verein, die Fatima-Aktion. „Heute ist die Politik heraus aus Fatima“, sagt Bernhard Müller, „nur die reine Verehrung ist geblieben.“ Bernhard ging zur Bundeswehr, Martin verweigerte. Nebenher lief die Fatima-Aktion weiter. Sie begannen, Schriften zu drucken. Der Verlag hat sich einfach ergeben. Ende der Achtzigerjahre gründeten sie eine Zeitschrift, das „Pur Magazin“. Politik und Religion. Katholisch, „mit Sympathie für Papst und Bischöfe“, aber unabhängig. „Lefebvre, der Gegenpapst“ hieß die erste Titelgeschichte. Der Sprecher des Bistums habe ihm Fundamentalopposition vorgeworfen, erzählt Bernhard Müller. Er schreibe diffamierend und tendenziös. „Aber ich lasse mich nicht aus der Diözese drängen.“ Vor zwei Jahren ist sein Bruder Ortsvorsteher geworden, parteilos, über die Immenrieder Liste. „Bei mir“, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch, „ist die offizielle Kirche hilflos. Wer nicht auf ihrer Gehaltsliste steht, dem trauen sie nicht, dem können sie keine Weisung geben.“ Ist er ein katholischer Evangelikaler? Der Name scheint ihm zu gefallen. Martin muss gehen, zur Bürgersprechstunde.

Klar habe er etwas erreichen wollen, erzählt Bernhard über seinen Weltbild-Artikel. Und der Papstbesuch im September sei genau richtig gekommen, mit der Debatte um dessen Forderung nach Entweltlichung. Aber hinter seinem Beitrag stecke nicht viel Strategie: „An einem Freitag hatten wir einfach noch keine ?Titelgeschichte für das Magazin.“ Er erinnerte sich, dass die Katholische Nachrichten-Agentur das Branchenmagazin „Buch?report“ über die erotischen Titel im Weltbild-Angebot zitiert hatte. Und dass in seiner Schublade schon viel Material wartete. Am Samstagabend war die Geschichte geschrieben, dann wurde der Kontakt zur „Welt“ geknüpft. „Ich wusste auch, wie viel Protest die Bischöfe schon bekommen haben. Ich wollte sie aufrütteln.“ Ihnen fehle das Bewusstsein, „dass sie Herren im Haus sind“.

Seit Jahren schreibt er gegen Lauheit und Trägheit an, gegen die „freiwillige Uniformierung“ der Kirche. Kirchenzeitungen veröffentlichten nur „angepasste Kirchenfunktionärsbeiträge, Hofberichterstattung aus dem katholischen Verbandswesen und irgendwelche Geschichten aus dem aufregenden Leben der Gemeinde vor Ort“. Katholisches Profil findet er nur in „wenigen Medien, die sich fast durchweg Privatinitiativen verdanken und immer am Rand des Ruins entlangmanövrieren“. Und nur noch vereinzelt in „liberalen Blättern“ wie der „Frankfurter Allgemeinen“. Oder der „Welt“. Die Auflage des „Pur Magazins“ liegt bei 3000 Stück. Vor zwei Jahren hat er eine geistliche Gemeinschaft gefordert, die Journalisten mit ihren kaputten Biografien für den „unverkürzten katholischen Glauben“ gewinnt. „Ja, das war so eine verrückte Idee von mir“, sagt er jetzt. Mehr nicht. Und seine Sympathien gehören natürlich den konservativen Gruppen in der Kirche. Will er nicht enger mit anderen zusammenarbeiten? „Wir wollen“, antwortet er, „keine Gegenkirche aufbauen.“

Und dass die Bischöfe Weltbild jetzt verkaufen wollen, gefällt Bernhard Müller nicht wirklich: „Unter allen Lösungen war diese die unkreativste.“ Seine Stimme ist eine Spur heftiger geworden. Vier Millionen Auflage, sagt er, habe der Weltbild-Katalog, mehr als alle gedruckten Leitmedien zusammen. „Warum kann man da nicht redaktionelle Artikel unterbringen, wie der Glaube Menschen hilft?“ Warum lasse sich der Verlag nicht umbauen zu einem Medienhaus, das den katholischen Glauben verbreitet? „Ich weiß, dass das brutal schwierig ist“, nimmt er Einwände vorweg. Aber neuerdings säßen ja zwei Generalvikare im Aufsichtsrat, Peter Beer aus München und Michael Fuchs aus Regensburg, „die bemühen sich schon“. Bernhard Müller kann warten, wie die Madonna. Und biegt den Kuliclip weit auf.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2012
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Ethik, Sexualität