Notizen für die Ewigkeit
Die süße Macht der Indiskretion
Aus: Christ & Welt Ausgabe 51/2010
Nanu! Die Kurie besteht aus älteren Männern, die den Papst mögen.
Kaum ein Staat hat die Methoden der Enthüllungsplattform Wikileaks so scharf verurteilt wie der Heilige Stuhl. Der Grund dafür ist weniger die Furcht, durch peinliche Enttarnungen bloßgestellt zu werden. Was der Vatikan wirklich fürchtet, ist eine nachhaltige Beeinträchtigung der klassischen Diplomatie. Denn auf deren diskrete Wege des Wortes ist die machtloseste aller Weltmächte zur Erfüllung ihrer oft heiklen Missionen mehr angewiesen als jeder Nationalstaat.
Ungeachtet dieser grundsätzlichen Überlegung konnten sich die führenden Köpfe im Staatssekretariat Seiner Heiligkeit erst einmal beruhigt zurücklehnen, nachdem die amerikanischen Diplomaten-Depeschen aus Rom veröffentlicht wurden. Denn das, was alle Welt da lesen durfte, war nicht wirklich peinlich: dass die Leitungsebene in der römischen Kurie weder effizient vernetzt ist noch professionell kommuniziert. Dass sie aus älteren Männern besteht, die in den wesentlichen Dingen meist mit dem Papst einer Meinung sind. Und dass der Heilige Stuhl auch nach Jahrhunderten immer noch darauf besteht, als souveränes völkerrechtliches Subjekt ernst genommen zu werden. Und dass dessen Diplomaten folglich nicht vor einen nationalen Untersuchungsausschuss geladen werden können, wie dies die irische Regierung im Gefolge des Missbrauchsskandals tun wollte.
Details wie die Tatsache, dass außer dem Presseamtsleiter des Papstes kaum jemand beim Heiligen Stuhl dienstlich ein Smartphone nutzt, mögen moderne Zeitgenossen mit Schaudern quittieren. Aber sie gehören zum Vatikan, genauso wie die älteren Kurienkardinäle, für die das Internet immer noch ein Buch mit sieben Siegeln ist. Was via Wikileaks über die vatikanische Politik zu erfahren war, enthielt vor allem eine Neuigkeit: dass es amüsant und lehrreich ist, wenn man US-Diplomaten im Nachhinein dabei zuschauen darf, wie sie versuchen, sich auf die Gedankenwelt des Heiligen Stuhls einen Reim zu machen.
Die eigentümlichen Stärken der römischen Kurie zu begreifen fällt nicht nur US-Diplomaten schwer. Wenn der Vatikan trotz aller technischen und organisatorischen Mängel eine vergleichsweise effiziente Leitungsbehörde einer global agierenden geistlich-politischen Macht ist, liegt es wahrscheinlich daran, dass er sich im Vergleich zu bürokratischen Monstern wie der Uno mit einem erstaunlich schlanken Apparat begnügt. In ihm sind die Kommunikationsformen des persönlichen Gesprächs, des Telefonats, der Aktennotiz und des Gerüchts bis heute die wirksamsten Kanäle. Und dann, wenn es wirklich zählt, arbeitet dieses weltweite Gebilde auch im 21. Jahrhundert noch mit maschinengeschriebener Kurierpost, die kein Intranet kennt und daher auch für Wikileaks kaum zugänglich ist. Seine Handlungsfähigkeit und weltweite Sichtbarkeit erhält sich der Papst vor allem dadurch, dass er gerade nicht bei jedem Wort auf die möglichen kommunikativen Kollateralschäden schielt, sondern das sagt, was er für richtig und wichtig hält. Und wenn er Schäden anrichtet, findet er mit einfachen Mitteln wie einem Brief oder einem Interviewbuch Wege, Fehler zu korrigieren.





