Ritual
Die Reueprämie
Aus: Christ & Welt Ausgabe 03/2012
Christian Wulff ist zwar katholisch, doch wahrhaft Buße tun will er nicht. Dabei hätte er mit der Bitte um Vergebung viel zu gewinnen. Was die Politik vom Sakrament der Beichte lernen kann.

Wenn Christian Wulff eines gefehlt hat, dann war es Reue, ungeteilte Reue ohne Wenn und Aber. Ohne die begleitenden Sätze vom Menschenrecht auf Freundschaft, von Stahlgewittern und ohne den Unterton, dass er eigentlich das Opfer sei. Und mit einer Beichte, die nicht nur den schon aufgedeckten Sünden nachläuft. Dem Beschuldigten schadet der Geruch von Selbstgerechtigkeit. Reue mit Untertönen setzt sich dem Verdacht aus, sie habe bloß Angst vor der Blamage, davor, das eigene politische Schicksal aus der Hand zu geben.
Reue ist keine Garantie, aber eine Voraussetzung: dafür, dass jemand ein öffentliches Amt behält, obwohl er versagt hat. Die Gesellschaft ist auf Wahrhaftigkeit angewiesen, um ihrer politischen Führung vertrauen zu können. Lügen gehört nur zu den Mitteln der Politik, wenn der Lügner sich anschließend erklärt. Und Fehler sind menschlich, aber man muss sie zugeben. Im Recht gilt die tätige Reue als strafmindernd: Hält ein Verbrecher ein und versucht, die Folgen seiner Untat zu mildern, kann er auf einen entgegenkommenden Richter hoffen.
Friedrich Nietzsche hielt Reue für einen Charakterzug von Dienern. Der Freie, war er überzeugt, handelt und nimmt die Konsequenzen in Kauf. Wer Nietzsche recht gibt, muss mindestens zugestehen, dass Politiker zur Gruppe der Diener gehören. Bischöfe übrigens auch.
Für Diener, denen ein Fehler unterlief, ist Reue der Anfang von allem. Reue geht nicht auf in der Scham über das, was passiert ist. Adam und Eva im Paradies, nach der biblischen Erzählung die Urheber der menschlichen Schuld, schämten sich. Sie hatten das von Gott errichtete Tabu gebrochen und vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gekostet. Und sie sahen, dass sie nackt waren, aber wurden nicht gewahr, dass sie die Ordnung verletzt hatten. Mit seiner Scham redete sich Adam heraus, als Gott ihn fragte, warum er sich vor ihm verstecke. Weil Adam sich bloß schämte, wurde er aus dem Paradies vertrieben. Friedrich Nietzsche liebte ihn dafür.
Die katholische Kirche, diese Meisterin der Seelenführung, hat das Drama der Schuld mit den drei Akten Reue, Buße und Vergebung inszeniert. Sie hat es zum Sakrament, zum heiligen Spiel gemacht. Bis heute prägt es die gesellschaftlichen Vorstellungen von Verfehlung und Vergebung. Nach katholischem Verständnis ist der Mensch durch Gott gerechtfertigt, aber in ihm wohnt immer noch ein Hang zur Sünde. Den ersten Akt des Dramas, die Reue, hat das Konzil von Trient unter dem Eindruck der Reformation beschrieben: Sie sei „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht mehr zu sündigen“. Die Kirche schaut genau hin. Sie unterscheidet zwischen „attritio“ und „contritio“, der Liebesreue und der unvollkommenen Reue. Die erste entspringt aus der Liebe zu Gott und zu seinem Handeln. Deshalb hat sie unmittelbar vergebende Kraft, wenn der Sünder nur entschlossen ist, das Bekenntnis der Sünde nachzuholen – so wie die Öffentlichkeit meist bereit ist, einem Politiker zu verzeihen, wenn sie den Eindruck gewinnt, er habe alles auf den Tisch gelegt und nicht bloß zugegeben, was ohnehin bekannt ist.
Die unvollkommene Reue, die, die Wulff bisher gezeigt hat, ist von der Angst motiviert und erschüttert bloß das Gewissen. Deshalb erlöst sie ihren Träger noch nicht. Er ist zwingend auf das Sakrament angewiesen. Es hält als nächsten Schritt die demütigende Beichte bereit. In deren Vollzug versöhnt die Kirche den Sünder mit sich und mit Gott. Sie legt ihm eine Bußstrafe zur Läuterung auf. Die Strafe erinnert ihn daran, dass die Sünde vergeben ist, aber ihre Folgen weiterbestehen. Er muss Gebete verrichten oder wallfahren. Die katholische Form hat in ihrer Geschlossenheit etwas Faszinierendes. Und verleiht der Kirche Macht. Doch je mehr Verantwortung jemand trägt, desto öfter kann er nicht mehr, wie noch im Fall Wulff, zwischen richtig und falsch wählen. Er wird schuldig, wie immer er sich entscheidet. Die Kanzlerin muss vielleicht Vermögen kleiner Leute gefährden, um den Euro zu retten. Der Verteidigungsminister muss für deutsche Interessen Soldaten dem Tod aussetzen, mit ungewissem Ausgang. Zwielichtige Kredite und Urlaube, die den Fall Wulff ins Rollen brachten, bergen keinen ethischen Konflikt. Sie nähren bloß den Verdacht, dass einer mit seinem Amt überfordert sein könnte, wenn er Luxusvillen und niedrige Zinsen verteidigt.
Das evangelische Verständnis der Buße ist von dem unlösbaren Konflikt geprägt. Der Protestantismus verlegt das Drama ins Innere des Menschen. Der hat nicht nur einen Hang zur Sünde, sondern ist ein gespaltenes Wesen: bei Gott gerechtfertigt und in der Welt schuldig. Seine Reue soll tiefer gehen. Der Theologe Helmut Thielicke sagte, sie enthalte „die Trauer über die Gefallenheit der Welt, die ich selber mitvollziehen muss“.
Auch evangelische Kirchen kennen das Ritual der Beichte. Doch ein Protestant büßt nicht mit Vaterunsern, Avemarias und Wallfahrten, sondern mit verantwortlichen Entscheidungen. Buße muss nach evangelischem Verständnis nicht geleistet, sondern gelebt werden, mit Entscheidungen und nicht zuerst mit Rücktritten. Das Ritual hat in beiden Traditionen dasselbe Ziel: Die Tat zu verurteilen, aber dem Menschen eine neue Chance zu geben. Denn er ist vor Gott gerechtfertigt und deshalb mehr als ein Täter.
Allerdings wird die Beichte von Katholiken und Protestanten kaum noch praktiziert. Beide Kirchen haben sie verloren. Die evangelische, weil sie sie ins Belieben des Einzelnen stellte, die katholische, weil ihre Geistlichen sie als Machtinstrument ausübten. Mit nichts waren Bischöfe so erfolglos wie mit einer Wiederbelebung der Beichtpraxis. Der Verlust hat eine Lücke gerissen. Der Gesellschaft fehlt das heilige Spiel, das Ritual der Reue und Rehabilitation. Die Koalition aus „Bild“ und Allensbach kann es nicht ersetzen. Würde das Spiel in den Kirchen funktionieren, die Gesellschaft hätte ein Leitbild für den Umgang mit Versagen und Vergeben.
Wahrscheinlich verliefe die Affäre auch dann ganz ähnlich. Aber wir würden den Fall gelassener behandeln. Und der Mensch Christian Wulff ginge weniger beschädigt daraus hervor.





