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GRENZZIEHUNG

Die Rechtsausleger

Aus: Christ & Welt Ausgabe 6/2015

Christentum schützt vor ideologischer Verhärtung von links und rechts, glaubte unser Autor Andreas Püttmann lange Zeit. Bis er eines Schlechteren belehrt wurde

Foto: Sven Hoffmann/Caro/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Zu meinen prägenden Kindheitserlebnissen in einer grundkatholischen Familie gehören Tante Marias Erzählungen vom bösen Feind ihrer Jugend schlechthin: den „Nazzis“. Katholisch und sozialistisch, das passte nicht. Aber katholisch und „rechts“ – nationalistisch, geschichtsrevisionistisch, autoritär, reaktionär –, das sprengte die Vorstellungskraft. Das katholische Milieu schien klare Leitplanken zu haben, die vor Ausreißern nach rechts und links schützten. Es gehörte geradezu zu unserem konfessionellen Stolz, die christliche Anfälligkeit für die politischen Irrungen und Wirrungen der Deutschen im 20. Jahrhundert dem Protestantismus zuschreiben zu können: Von den kaisertreu-nationalistischen Imperialismuspredigern über die „Deutschen Christen“ bis hin zur DDR-„Kirche im Sozialismus“ und linken Politpastoren im Westen mit ihrer ökopazifistischen Agenda – jede Zuckung des Zeitgeistes mitgemacht! Anpassung in der Diktatur, „Widerstand“ in der Demokratie.

Indes wir Katholiken mit gut geeichtem Kompass unsere gerade politische Spur zogen: als tragende Säule der Weimarer Republik, weit unterdurchschnittlich NSDAP wählend, ab 1949 die „eigentlichen Entdecker der Bundesrepublik als einer neuen politischen Heimat“ (Gerhard Schmidtchen), sozialismusresistent in der DDR, dort 1990 weit überproportional in Mandate und Ämter gewählt, die deutsche Einheit als Fünfprozentminderheit kraftvoll mitgestaltend. Angesichts dieser respektablen Geschichte konnte man übersehen, dass der Katholizismus anderer Länder – etwa in Portugal, Spanien, Kroatien und der Slowakei – keineswegs immer auf der Seite der Freiheit gestanden hatte. Die kirchliche Bejahung von Menschenrechten, Demokratie und Religionsfreiheit wurde nach einem mühsamen Prozess der Überwindung päpstlicher Doktrinen des 19. Jahrhunderts – „Keine Freiheit für den Irrtum!“ – erst im Zweiten Vatikanischen Konzil besiegelt.

Den Anfang vom Ende meiner Naivität markierte eine Begegnung beim Kongress „Freude am Glauben“ des von meinem Vater mitgegründeten Forums Deutscher Katholiken. Ein etwa 30-jähriger Mann sprach mich an: „Guter Vortrag! Nur sollten Sie von Hitler nicht so schlecht sprechen.“ Ein „Nazzi“ hatte sich hierher verirrt! Was hatte ihn angezogen? Wie konnte er annehmen, hier richtig zu sein und so offen reden zu können? Nun fiel mir auch meine Jugendfreundin von „gut katholischem“ Adel wieder ein, die einst eine Lanze für die als rechtsextrem eingestufte „Wiking-Jugend“ gebrochen hatte.

Irritierend auch, dass der katholische CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann 2003 in einer Rede forderte: „Unser Leitspruch sei: Gerechtigkeit für Deutschland, Gerechtigkeit für Deutsche“, um dann darüber zu fachsimpeln, „dass an der Wiege des Kommunismus und Sozialismus jüdische Denker standen“. „Mit einiger Berechtigung“ könne man im Hinblick auf die Millionen Toten der bolschewistischen Revolution ebenso „nach der ‚Täterschaft‘ der Juden fragen“, wie dies gegenüber den Deutschen als „Tätervolk“ geschehe.

Etliche meiner konservativen Freunde verteidigten Hohmann. Politikprofessor Konrad Löw, Kuratoriumsmitglied des Forums Deutscher Katholiken, scheute sich in einem Aufsatz über „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ nicht, jüdische KZ-Häftlinge, die Dienst in der Gaskammer taten, in die Kategorie von Hitlers Helfern „bei der Umsetzung seiner Endlösungspläne“ einzureihen.

Andere Weggefährten wie der Sozialethiker Wolfgang Ockenfels, der Journalist Jürgen Liminski und die Schirmherrin des Kongresses „Freude am Glauben“, Johanna Gräfin von Westphalen, schrieben oder warben für die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, das Leitmedium der „Neuen Rechten“, dem Sozialwissenschaftler eine „Scharnierfunktion“ zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus attestieren. Als 2012 der Augsburger Bischof Zdarsa seinem Priester Oblinger die Mitarbeit in dem Rechtsaußenblatt untersagte, empörten sich namhafte konservative Katholiken bis hin zu Robert Spaemann über den „Maulkorb“ für Priester, die dem Lehramt treu sind. (Gabriele Kuby). Spätestens jetzt wurde mir klar, dass es beachtliche Ausfransungen des Katholischen ins rechtsnationale Spektrum gab.

AfD- und Pegida-Sympathien unter betont Rechtgläubigen überraschen insofern nicht. Sie haben eine Vorgeschichte. Übrigens äußern sie sich eher indirekt als offen solidarisch: Matthias Matussek bescheinigte jenen, die beim „rituellen Treten“ gegen die Dresdner Demonstranten mitmachten, „die Gesinnung von HJ-Pöbeln“. „Familienschutz“-Aktivistin Hedwig von Beverfoerde tadelte die bischöfliche Pegida-Kritik als Anbiederung „an der falschen Stelle“. Alexander Kissler zog „die demokratische Reife“ von Politikern wie Wolfgang Bosbach in Zweifel – statt die von hybriden Parteienverächtern, welche sich mit „dem Volk“ verwechseln. Bei „Dügida“ marschierte und agitierte gar ein Priester klerikal gewandet mit.

Die hier skizzierten rechten Affinitäten verkehren die katholische wie die evangelische Normalität ins Gegenteil. Kirchennahe Christen waren unter den Wählern links- wie rechtsradikaler Parteien in der Bundesrepublik stets deutlich unterrepräsentiert. An ihnen als Wählern scheiterte etwa der Einzug der NPD in die Landtage von Sachsen und Sachsen-Anhalt. Fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen finden sich bei Kirchennahen seltener. Kein Wunder, denn ihre Bereitschaft, Notleidenden zu helfen und mit Menschen anderer Religion, Herkunft oder Hautfarbe in Nachbarschaft zu leben, liegt über dem Durchschnitt. Für Christen ist der „Nächste“ nicht der Volksgenosse. Die AfD, bevorzugte Partei der Pegida-Marschierer, wird trotz evangelikaler Spitzenleute von Christen unterdurchschnittlich gewählt.

Dass Pegida den größten Zulauf in Ostdeutschland hat, einer der areligiösesten Zonen Europas, passt dazu, auch wenn es nicht der einzige Erklärungsfaktor ist. Dresdens Bischof Heiner Koch sieht in der Bewegung einen „tiefen Ausdruck seelischer und religiöser Leere“. Umso erstaunlicher, dass sich ausgerechnet in Internetforen und sozialen Netzwerken der selbstgefühlten christlichen Bekennerelite AfD-Sympathisanten und Pegida-Versteher tummeln. Wie geraten anscheinend glaubensstarke, nicht „verweltlichte“ Katholiken mit unzweifelhafter Kirchenbindung in solche Gesellschaft?

Zur Erklärung kann „Evangelii gaudium“ beitragen. Hier geißelt der Papst eine „spirituelle Weltlichkeit“: Mit ihrer typischerweise „ostentativen Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche“ sei sie „viel verheerender als jede andere bloß moralische Weltlichkeit“. Sie suche „eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und … die Energien im Kontrollieren verbraucht“. So verwandele sich „das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger“, die lieber „Generäle von geschlagenen Heeren sein“ wollten, als „sich wirklich auf die Suche nach den Fernstehenden“ zu machen. „Da ist kein Eifer mehr für das Evangelium, sondern der unechte Genuss einer egozentrischen Selbstgefälligkeit.“ Wer in diese Weltlichkeit gefallen sei, „weist die Prophetie der Brüder ab, bringt den, der ihn infrage stellt, in Misskredit, hebt ständig die Fehler der anderen hervor und ist besessen vom Anschein. Er hat den Bezugspunkt des Herzens verkrümmt auf den geschlossenen Horizont seiner Immanenz und seiner Interessen.“

Ja, es gibt einen verweltlichten, politisierten Glauben nicht nur linker, sondern auch rechter Provenienz. Was Ersteren ihr christlicher Antikapitalismus, ihre marxistische Befreiungstheologie oder ihr Ökopazifismus war, ist Letzteren ihr ideologischer, unbiblischer Kult um die Familie, das Vaterland und die äußere Gestalt der Kirche. Deren makellosem Prestige ordnet mancher Apologet die Rechte, ja sogar – siehe Missbrauchsvertuschung – die Unversehrtheit von Individuen unter. Ein hervorstechendes Merkmal der Kirchenmachiavellisten ist der Mangel an Empathie, soweit es sich nicht um ungeborene Kinder handelt.

Zu den meistgelesenen, durchweg zustimmend kommentierten Kath.net-Nachrichten im Oktober gehörte eine Warnung von Weihbischof Schneider aus Kasachstan: Durch „antichristliche Medien“ und die theologisch liberale „Kollaboration mit neuheidnischen Ideen“ wachse in der Kirche der Einfluss einer „menschenzentrierten Agenda“. Sie wirke verderblich auf Liturgie und Sexualmoral. Entlang der Konfliktlinie „anthropozentrisch – christozentrisch“ werde es zur Kirchenspaltung kommen.

Dieser Scheingegensatz verkennt, dass die Menschenrechte, von der Kirche einst bekämpft, aber jetzt gern als Früchte des Evangeliums verteidigt, sich einem Zusammenwirken christlich-liberaler mit säkularen Kräften verdanken. Dresdens Bischof Joachim Reinelt nannte 1991 die Menschenwürde-Zentrierung des Grundgesetzes in Artikel 1 „verwirklichten Glauben“. Der Geist weht nicht nur durch „Lehramtstreue“, die sich vor Gottes Majestät verneigen, sondern auch durch jene, die im biblischen Wissen um die „Menschenmajestät“ (Jan Ross) eine „menschenzentrierte Agenda“ verfolgen.

Ein Schöpfer, der uns nach seinem Abbild, „nur wenig geringer als Gott“ (Ps 8), machte; der in Christus selbst Mensch wurde und sich am Kreuz für die Menschen hingab; der unsere den geringsten Brüdern erwiesene Liebe als Dienst an sich selbst qualifiziert (Mt 25), dieser Gott hat eine so anthropozentrische Agenda, dass wir ihn darin kaum übertreffen, geschweige denn missachten könnten. Das Gottes- und Menschenbild der Claqueure des kasachischen Klerikers könnte näher beim islamischen liegen, als es ihnen und ihren Pegida-Freunden lieb sein kann.

Michael Klonovsky prognostizierte jüngst im Magazin „eigentümlich frei“: „Es wird in den nächsten Jahren eine Spaltung dieses Landes in zwei Lager stattfinden, wie sie in den USA bereits weitgehend vollzogen ist. Die Bruchlinien sind mit Namen wie Sarrazin, Pirincci, AfD und Pegida markiert, desgleichen gehören die Petitionsbetreiber gegen die Schulsexualisierung in bald vielen Bundesländern dazu, vielleicht auch die Maskulinisten, ein paar HoGeSa-Leute (Hooligans gegen Salafisten) und die Handvoll deutsche Libertäre. Es wird eine Bürgerbewegung werden, die sich die amerikanische Tea Party zum Vorbild nehmen dürfte“ und die es satt habe, „für das humanitaristische Theater (zu) blechen“, welches die „Lautsprecher des Zeitgeistes“ inszenierten: „Die Fronten müssen völlig neu gezogen werden.“

Was hier aufhorchen lässt, ist der martialische Ton, der Überdruss, die Verachtung unserer politischen Kultur. Was der konfessionslose Klonovsky „humanitaristisches Theater“ schimpft, könnte mit unserer christlichen Prägung zu tun haben. Ein entchristlichter Konservativismus ist zu fürchten. Ihm fehlt es an Solidarität mit den Fremden, Gestrauchelten, irgendwie Andersartigen, die als Störer wahrgenommen werden. Er will seine Interessen und Ordnungsmuster durchsetzen und das Individuum, in welchem er nicht das Bild Gottes zu erblicken vermag, einem möglichst homogenen Kollektiv unterordnen – in der Regel dem auf „gesunden Familien“ aufbauenden Volk deutscher Nation.

Ex-Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof nannte die christliche Imago-Dei-Lehre den „fundamentalsten Freiheits- und Gleichheitssatz der Weltgeschichte“. Stimmt das, dann drohen mit dem Abbruch des christlichen Fundaments Freiheits- und Gleichheitseinbußen, die über Akzentverschiebungen beim Menschenbild vermittelt sind. Mit dem C schwindet in den sogenannten bürgerlichen Milieus Maß und Mitte.

Ja, „die Fronten müssen völlig neu gezogen werden“, auch im Kirchenmilieu. Das Aufkommen einer nationalistischen Rechten im parlamentarischen und außerparlamentarischen Raum sowie einer kulturkämpferisch-aggressiven, faschistoiden Hegemonialmacht am Ostrand Europas stellt (wie schon der Pontifikatswechsel und „Limburg“) einen Lackmustest für den konservativen Katholizismus in Deutschland dar. So schieden sich in einem Zeitraum von nicht einmal zwei Jahren die Geister: in eine moderat-konservative und eine radikal-rechtskonservative Strömung, in der vorkonziliare Denkmuster aufscheinen.

Sie stehen ideologisch nah bei der russischen Orthodoxie und erinnern teilweise an die „konservative Revolution“ der Weimarer Zeit: völkisch, nationalistisch, antiliberal-ordnungsfixiert, parteien- und medienverdrossen, antiwestlich (speziell anti-amerikanisch), von Ressentiments gegen Normabweichler und von Untergangsfantasien erfüllt, eine „Identität“ von Religion, Kultur und Nation, Regierung und Volk erstrebend.

Was fromm engagiert daherkommt und gegen keine geschriebene Regel der Kirche zu verstoßen scheint, muss dennoch nicht geistlich inspiriert sein. Inhaltlich mag eine narzisstische Kirchlichkeit sich noch so sehr als rechtgläubig ausweisen – entlarvend ist neben ihren eigenartigen Allianzen ihr Habitus: selbstreferenziell, selbstgerecht, selbstmitleidig, denunziatorisch, unbarmherzig und unversöhnlich bis zur Rachlust. Mit dem Evangelium hat dies ebenso wenig zu tun wie das ideologische Gebräu der politischen Rechten. Und so findet sich nun mancher kirchlich Konservative an der Seite von Liberalen und Linken wieder und manch anderer in Gesellschaft jener, deren Wertetrias nicht „Glaube, Liebe, Hoffnung“, sondern „travail, famille, patrie“ zu sein scheint.

Erschienen in:
Ausgabe 6/2015
Redakteur:
Andreas Püttmann (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch