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Psychologie

Die Neunmalklugen

Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2013

Das Enneagramm erobert Coachings für Manager, Politiker und Paare. Wer es nutzt, durchschaut sich selbst und sein Gegenüber besser. So lautet zumindest das Versprechen. Die Lehre hat christliche Ursprünge, mittlerweile ist sie auch in der Esoterik-Szene populär. Wie seriös sind die Angebote?

Völlige Hilflosigkeit – an das Gefühl erinnert sich Barbara Völkner, wenn sie an ihr erstes Enneagramm-Seminar zurückdenkt. Damals war sie mit ihrem Mann in die Nähe von Bad Kissingen gefahren, um mehr über sich zu erfahren. Vielleicht könnte das ja auch ihrer Ehe helfen.  Barbara Völkner ist eine zurückhaltende Frau mit dunklen kurzen Haaren. Meist hört sie zu, aber wenn sie etwas zu sagen hat, traut sie sich durchaus, ihren Mann zu unterbrechen. Im Wohnzimmer mit den hellen Holzmöbeln und dem Klavier hängen großformatige Gemälde von ihr. Sie hat ihre Leidenschaft fürs Malen entdeckt und sich mit der Produktion von Lebenshilfe-Karten selbstständig gemacht.  Früher wäre all das für beide undenkbar gewesen.

 

 

Als die Völkners zum Enneagramm-Seminar fahren, kriselt es seit Langem. Oft fragt sich Barbara Völkner, warum ihr Mann sie nicht versteht. Sie kennen sich doch gut, sind seit Jahren verheiratet, haben fünf Kinder. Umso schockierter ist sie, als während des Seminars die neun Persönlichkeitstypen des Enneagramms vorgestellt werden und sich die Teilnehmer den Typen zuordnen sollen. Wie nie zuvor wird ihr bewusst, welchen Mann sie da eigentlich geheiratet hat: Typ acht – jemand, der nach Macht strebt und Konfrontation sucht. Wie soll sie als Fünf – eine, die viel Rückzugsmöglichkeiten braucht – damit jemals zurechtkommen? Haben sie überhaupt eine Chance zusammen? Solche Schreckmomente erleben viele, die sich zum ersten Mal auf das Enneagramm einlassen. Schonungslos konfrontiert es einen mit den eigenen Charaktereigenschaften. Dabei soll das Enneagramm helfen, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen und zu verstehen, warum Kollegen, Familienangehörige oder Freunde sich so und nicht anders verhalten. Es ist in christlichen und anderen spirituellen Kreisen auf der ganzen Welt verbreitet, auch Coaches und Psychologen benutzen es bei ihrer Arbeit. Besonders populär ist es in den USA.


Nach der Enneagramm-Lehre bestimmen die Charaktereigenschaften, welchen der neun Typen jemand verkörpert (deshalb auch „Enneagramm“, von griechisch „ennea“ – „neun“ und „gramma“ – „Buchstabe“). Um Hierarchien und Wertungen zu vermeiden, tragen die Typen Nummern statt Namen wie „Der Machtmensch“ oder „Der Leistungsmensch“. Da die Typzahlen in einem Kreis angeordnet sind, ergeben sich nach der Grundzuordnung weitere Verbindungslinien, zum Beispiel zu den Nachbarzahlen. So kann ein Mensch des Dreier-Typs auch Eigenschaften des Zweier- oder Vierer-Typs haben. Und ein Typ kann entsprechend seines Subtyps selbsterhaltend, sozial oder sexuell motiviert agieren.


Welche Eigenschaften zu welchem Typ gehören, beschreibt jeder Enneagramm-Ratgeber etwas anders. Deshalb sagen viele, man könne seinen Enneagramm-Typ sowieso nicht anhand von Büchern und Tests herausfinden, sondern nur durch Gespräche mit erfahrenen Enneagrammlehrern und Vergleiche mit anderen Kursteilnehmern. Zahlreiche Kirchengemeinden und spirituelle Zentren bieten mittlerweile solche Kurse an. Schließlich sei das Enneagramm ein christliches Modell, sagen sie. Doch wer im Internet nach Angeboten sucht, findet nicht nur Christliches: Coaches und Psychologen werben ebenso mit dem Enneagramm wie spirituelle Lehrer fernöstlich geprägter Satsang- und Osho-Gruppen und islamische Sufis. Ist das Enneagramm also wirklich so christlich? Und wie seriös ist es?

Erschienen in:
Ausgabe 01/2013
Redakteur:
Gabriele Meister (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Spiritualität, Lebensstil