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Praxis

„Die Männer sind ganz still“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012

Wie halten Sie’s mit der Moral? Ein Gespräch mit dem Plastischen Chirurgen Achmed Tobias Scheersoi über Heuchelei, Unsterblichkeit und Körbchengröße D.

Achmed Tobias Scheersoi führt die Schloss-Praxis in Brühl bei Köln. Er bietet unter anderem Lidkorrekturen, Liftings, Botox-Behandlungen, Brust-OPs und Fettabsaugen. © www.schlosspraxis-bruehl.de

Christ & Welt: Was raten Sie mir?
Achmed Tobias Scheersoi: Was stört Sie?

C & W: Die Falte zwischen Mund und Nase.
Scheersoi: Wenn Sie jetzt Patientin wären und nicht Journalistin, würde ich Ihnen erklären, wie eine solche Falte zustande kommt und was man dagegen tun kann.

C & W: Etwas Füllung unterspritzen zum Beispiel – und ich würde jünger aussehen?
Scheersoi: Mir sagen zumindest viele Patientinnen, dass sie dann jünger aussehen und dass sie sich besser fühlen.

C & W: Aber wenn ich eine faltenfreie Frau sehe, von der ich weiß, dass sie über 40 ist, denke ich nicht: „Die sieht aber jung aus“, sondern: „Die hat was machen lassen“. Das ist peinlich.
Scheersoi: In Deutschland sind Schönheitsoperationen immer noch peinlich, das stimmt. Sie werden zwar immer öfter nachgefragt, auch von Männern übrigens, aber die wenigsten geben es zu. Es gilt als verwerflich, jünger sein zu wollen.

C & W: Gibt es deshalb so wenig Mitleid mit den Frauen, denen schadhafte Silikonimplantate eingesetzt wurden?
Scheersoi: Klar, die blond gefärbte Marbella-Schönheit mit großem Busen darf nicht auf Mitleid hoffen, sie bekommt eher Schadenfreude zu spüren. Aber warum eigentlich? Es gibt ein heuchlerisches Verhältnis zur Schönheitschirurgie. Was ist verwerflich daran, wenn sich eine Frau die Brust straffen lässt? Oder wenn sie sich mit Körbchengröße D wohler fühlt als mit B? Ich habe jedenfalls Mitleid mit den Frauen, die nun aufgrund der Implantate um ihre Gesundheit fürchten müssen. Ich selbst habe diese Implantate nie verwendet.

C & W: Denken Sie nicht, wenn Sie ernsthaft kranke Patientinnen sehen, dass es schlimmere Leiden gibt als Körbchengröße B? Spielt Moral keine Rolle?
Scheersoi: Im Krankenhaus kann es passieren, dass im selben Zimmer eine Brustkrebspatientin liegt, der nach einer Tumoroperation ein Silikonimplantat eingesetzt wurde, und daneben eine Frau, die sich den Busen hat vergrößern lassen. Ich würde aber niemals bewerten, welche Frau mehr leidet. Für mich ist moralisch, was ich medizinisch verantworten kann. Wenn jemand entweder gesundheitlich sehr angeschlagen ist oder völlig überzogene Vorstellungen hat, lehne ich die Operation ab. Aber ich nehme es ernst, wenn mir Frauen sagen, dass sie unter ihrem Äußeren leiden.

C & W: Geht es Ihren Patientinnen um Jugend oder um Unsterblichkeit?
Scheersoi: Unsterblichkeit ist ein großes Wort. Die meisten sprechen nicht von ewiger Jugend, sie sagen zunächst: „Altern finde ich nicht schön.“ Sie möchten alt werden, aber nicht die Begleiterscheinungen akzeptieren. Sie möchten so aussehen wie in der Zeit, als sie sich besonders gut gefühlt haben.

C & W: Kann man Menschen glücklich operieren?
Scheersoi: Manche schon. Es ist die Kunst, diese Patientinnen zu erkennen, denn sonst hat man nichts davon, weder als Patientin noch als Arzt. Ich führe lange Gespräch, um herauszufinden, woher der Wunsch nach einem besseren Aussehen kommt. Ich muss auch klarmachen: Eine Schönheitsoperation kann keine tiefgehenden Probleme lösen. Ich kann nicht mit einer Gesichtsstraffung eine bröckelnde Partnerschaft kitten.

C & W: Kommen die meisten Frauen von sich aus oder weil sie Angst haben, ihr Partner könnte sie gegen eine Jüngere tauschen?Scheersoi: Dass die Männer Druck ausüben, ist ein Klischee. Es ist eher das gesellschaftliche Schönheitsideal, das die Frauen beeinflusst, nicht der Wunsch des Partners. Die meisten Frauen, die sich an mich wenden, sagen: „Das möchte ich für mich.“ Wenn Paare gemeinsam kommen, sind die Männer meist sehr still. Dass der Mann vorschreibt, wie groß der Busen oder wie straff das Gesicht sein soll, habe ich noch nicht erlebt.

C & W: Sind Sie immer dabei, wenn eine Patientin ihr neues Gesicht zum ersten Mal sieht?
Scheersoi: Ja, klar. Nach einer Gesichtsoperation braucht eine Patientin Geduld. Das Gesicht ist zunächst geschwollen, die Konturen sind noch nicht zu erkennen. Zudem muss sie sich daran gewöhnen, dass sie zunächst jemand Unbekanntes aus dem Spiegel anschaut. Diesen Prozess muss ich begleiten. Gerade nach Gesichtsoperationen erlebe ich jedoch besonders viel Dankbarkeit.

C & W: Warum ist es so schwer, in Würde zu altern?
Scheersoi: Was heißt in Würde altern? Die Menschen, die zu mir kommen, sagen, sie fühlen sich innerlich jünger, als sie von außen betrachtet aussehen. Das ist doch kein unwürdiges Verhalten. Ich habe schon mal einer 85-Jährigen die Augenlider operiert, nicht ausschließlich aus medizinischen Gründen. Danach war sie glücklich. Dagegen ist doch nichts zu sagen.

C & W: Möchten Sie selbst in diesem Beruf noch arbeiten, wenn Sie 85 sind?
Scheersoi: Ich lebe sehr in der Gegenwart. Ich habe lange im Krankenhaus gearbeitet und werde vielleicht auch eines Tages wieder schwerpunktmäßig Unfallopfern helfen. Aber im Moment ist dieser Beruf für mich der schönste der Welt. Ich bekomme sehr viel Dankbarkeit zurück, weil ich sofort etwas verändern kann. Wenn Sie mit Kranken und Verletzten arbeiten, bekommen Sie seltener Dankbarkeit. Solche Operationen werden aus der Sicht des Patienten als selbstverständlich angesehen. Bei einer Schönheitsoperation ist es dagegen so, dass die Frauen oder Männer sich damit einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Es ist Entscheidung, nicht Schicksal.

C & W: Sie haben einen sechsjährigen Sohn. Wenn er in 25 Jahren mit dem Wunsch nach einer Schönheitsoperation käme, würden Sie das machen?
Scheersoi: Klar, besser ich als ein anderer. Vermutlich würde ich mit ihm eine intensivere Gewissenserforschung betreiben, um zu verstehen, warum er mit seinem Äußeren unzufrieden ist.

C & W: Wie oft schauen Sie selbst in den Spiegel?
Scheersoi: Manchmal morgens halb schlafend und dann einen ganzen Tag nicht.

Das Gespräch führte Christiane Florin.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Kultur, Lebensstil