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Ulrich Kelber

Die Linken hätten im Saal bleiben können

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

Nach Hirtenbriefen mit Wahlaufruf für CDU/CSU und „Jesus würde Willy wählen“ jetzt der päpstliche Segen für die Grünen?

Nach Hirtenbriefen mit Wahlaufruf für CDU/CSU und „Jesus würde Willy wählen“ jetzt der päpstliche Segen für die Grünen? Ganz so weit ist es natürlich nicht, wie Papst Benedikt mit viel Humor noch in seiner Bundestagsrede deutlich machte. Aber dass die katholische Kirche trotz konservativer Männerbünde an der Spitze längst nicht mehr der „natürliche“ Nachwuchskader für CDU und CSU ist, wurde durch die vom Papst gewählten Schwerpunkte seiner Rede doch sehr deutlich. Seien es Umweltpolitik, Sozialpolitik, Bildungspolitik oder Nord-Süd-Politik: In vielen Politikfeldern steht nicht nur die offizielle Haltung der Kirche, sondern vor allem auch die Arbeit der vielen kirchlich engagierten Laien den Positionen von progressiven Parteien wie SPD und Grünen näher als denen der C-Parteien.

Diese Realität hat Benedikt XVI. schon von seinem Amtsvorgänger übernommen. Persönlich hat er die Linie mit vielfältigen Mahnungen zum Schutz der Schöpfung und zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen ergänzt. Schon lange hat er sich den Spitznamen „der grüne Papst“ erworben, weil er zum Beispiel in der Neujahrsansprache 2010 und in der Osterbotschaft 2009, beim Weltjugendtags-Aufruf 2008 oder auch beim Jugendtreffen in Loreto 2007 klare ökologische Botschaften gesetzt hat.

Vermisst werden in der weltweiten Umweltbewegung noch klare Aussagen der Kirchenführung zur verheerenden Landpolitik in den Entwicklungsländern und zur fortschreitenden Schwächung der Kleinbauern durch die großen Saatgutkonzerne und deren gentechnisch veränderte Pflanzen mit Nachzuchtverbot.

Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass auch die politische Linke – bei aller berechtigten Kritik an der überholten und Massenepidemien ignorierenden Sexualmoral sowie der mangelnden innerparteilichen Demokratie und Gleichberechtigung – in der Mehrzahl der politischen Positionen des Papstes und der katholischen Kirche längst Unterstützung für ihre eigene politische Arbeit findet. Angesichts dessen hätten einige letzte Woche dann doch im Plenarsaal bleiben können.

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Ulrich Kelber (Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Innenpolitik, Papst