Atheismus
Die laizistische Versuchung
Aus: Christ & Welt Ausgabe 28/2012
Ob Kruzifix-Urteil oder Beschneidungsverbot: Lässt sich Gottlosigkeit per Gerichtsbeschluss verordnen? Die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr warnt vor einem intoleranten Atheismus, der Religionsfreiheit als Freiheit von Religion versteht

Ein Samstag vor Ostern, mitten in Berlin: Im Gewimmel aufgeregter Touristen aus aller Welt stehen die Tapeziertische mit Broschüren, Kugelschreibern und Plakatwänden, die sich einem in den Weg stellen. Der erste Tisch – zwei schicke junge Frauen drücken mir einen Zettel in die Hand. „Recht auf Homeschooling“. Beschulung durch die Eltern zu Hause. „Wir wollen unsere Kinder nicht dem Staat ausliefern.“ Auf dem Flyer stehen die ganz großen Reizworte: Menschenwürde. Elternrecht. Totalitärer Staat. Die jungen Frauen wollen wissen, ob ich eine Ahnung davon habe, welchen Einflüssen meine Kinder in der Schule ausgesetzt seien. Muslime, homosexuelle Lehrerinnen, Pornografie im Biologieunterricht, Fleischesser. Die Initiative besteht aus einem Bündnis von Gruppierungen, die normalerweise selten zusammen auftreten: evangelikale Protestanten und ultrakonservative Katholiken, Freidenker, Veganer und Schulnotenbekämpfer.
Ich kann mich losreißen, da überreicht mir ein Mann mit Bart eine Tüte. Ein Taschenbuch befindet sich darin, billiges Papier, billige Aufmachung. Der Koran. Die Salafisten, eine radikale Bewegung innerhalb des Islam, die mit Freiheitsrechten und Zugeständnissen an die moderne Gesellschaft äußerst geizig ist, gibt sich großzügig. An diesem Tag sollen noch 5000 heilige Bücher unters Volk. An den Rändern verstopfen die Bücher schon die Papierkörbe. Zwei junge Männer treten an den Stand. Wie die Brüder das heilige Buch nur so entweihen könnten? Eine Schande sei das.
50 Meter weiter drückt mir jemand ein Klemmbord in die Hand. Ich bin auf der Höhe des Berliner Doms angekommen. Eine spanische Reisegruppe macht sich auf den Weg zur Orgelandacht am Mittag. „Treten Sie aus der Kirche aus“, ermuntert mich ein junger Kerl mit rotem T-Shirt. „Gott ist tot“, steht da in den Lettern, die normalerweise Coca-Cola für seine Werbung nutzt, auf seiner Brust. „Die Kirche ist eine Zwangsanstalt. Befreien Sie sich“, ruft der Knabe den Passanten zu, als sei die Kirchenmitgliedschaft mit Zwängen und der Austritt mit Sanktionen belegt. Dann lädt er zur nächsten Party ein und erzählt stolz von den Karfreitagsstöraktionen des letzten Tages. „Heidenspaß statt Höllenqualen“ heißt die Aktion. Auf meinen Einwand, man könne doch an 350 Tagen im Jahr ungehemmte Heidenfreuden genießen, lacht er schief und sagt: „Aber dann macht es ja keinen Spaß, weil sich keiner ärgert.“
Ich frage nach den Gründen und reibe mir die Augen, als mir Worte wie Toleranz und Religionsfreiheit entgegengehalten werden. „Kampf dem Obskurantismus. Es lebe die Aufklärung!“ Während ich den Menschenmassen in der Hauptstadt hinterhersehe, gibt mir eine ältere Dame mit Perlenkette eine Broschüre„Weg mit den Moscheen. Wie die Muslime versuchen, den Kölner Dom zu kaufen.“ Auf ein Gespräch lässt sie sich nicht ein.
Offene Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass jeder und jede ständig am eigenen Weltbild bastelt, weil die Traditionen, die familiären Zusammenhänge oder die regionalen Bindungen locker und brüchig geworden sind. Offen ist aber nicht immer freiheitlich. Im beschaulichen Karlsruhe mögen die Weltsichten unserer pluralen Gesellschaft nicht so unverhohlen aufeinandertreffen. Trotzdem landen die Ausläufer dieser Bewegungen oft hier, vor den großen Gerichten. Sie beschäftigen die Talkshows und die Wissenschaften, und zwar längst nicht nur die professionellen Religionskundler, sondern auch die, denen es um die Zukunft der politischen und der gesellschaftlichen Organisationen geht. Und sie beschäftigen auch die Kirchen. Denn das, was wir in Deutschland lange nur aus dem Fernsehen oder von USA-Besuchen kannten, wird auch in unserer Gesellschaft Realität. Mitten in der offenen Gesellschaft wachsen geschlossene Milieus mit starken Weltbildern, die durch die üblichen Diskurse in Medien, Universitäten und Akademien kaum noch zum Einstürzen gebracht werden. Der Streit über die Rolle der Religion in der Öffentlichkeit verschärft sich deutlich. Das liegt zum einen daran, dass die bundesrepublikanische Konsensgesellschaft mit ihrem ausgeprägten Neokorporatismus, mit den großen Institutionen wie Kirchen, Parteien, Medien und Gewerkschaften, Risse hat.
Durch die Wiedervereinigung ist auch der in zwei Diktaturen herangereifte und von oben verordnete Antiklerikalismus mehrheitsfähiger geworden. Antireligiöse Strömungen entwickeln sich im Schatten einer christlich geprägten Religionskultur, die seit 50 Jahren auf die kritische Solidarität mit dem demokratisch verfassten Rechtsstaat setzte und umgekehrt bei den staatlichen Institutionen und Verfassungsorganen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf wohlwollendes Gehör rechnen konnte. Doch die Zahl der religionsrechtlichen Konflikte, vom Streit um Kreuze im öffentlichen Raum über den Sonntagsschutz bis zum Schulgebet und die kontroversen Debatten dieser Konflikte in der Öffentlichkeit, zeigt, dass diese Selbstverständlichkeit, die auch mit biografischen Prägungen der Akteure zu tun hatte, zunehmend fraglich wird.
Die Distanz zur Kirche wird auch bei Menschen größer, die gar nichts gegen das Christentum einzuwenden haben. Viele Menschen beschreiben sich als Suchende, Zweifelnde, als Christen bei Gelegenheit, die an den Übergängen des Lebens durchaus die Nähe zu einem Gotteshaus suchen. Sie schicken ihre Kinder in den Kindergottesdienst, weil hier das Bildungsprogramm um Werte und die Leitbilder des Abendlandes bereichert wird, sie besuchen die Aufführungen der Matthäuspassion oder singen sie sogar mit, weil sie hier religiöse Erfahrungen machen. Doch tiefe Skepsis gegenüber lebenslangen Bindungen, die innere Distanz zu großen Institutionen, auch das Misstrauen, das die Skandale der letzten Jahre befördert haben, sorgen für eine äußere Distanz zur verfassten Kirche.
Das prägt auch die Meinungen in den großen Religionskonflikten. So ist nicht mehr sicher, dass ein junger Richter, der begeistert in der Kantorei seiner Stadtkirche singt, auch Gefallen am Kreuz im Gerichtssaal findet. Und Ministeriale, die aus Pfarrhäusern oder der katholischen Jugendarbeit kommen, sind noch nicht zwangsläufig glühende Verfechter des konfessionellen Religionsunterrichts.
Auf der einen Seite gibt es also eine deutliche Verflüssigung der Vorstellungen des guten Lebens. Gleichzeitig vervielfältigen sich die geschlossenen Weltbilder und die Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur Moderne mit ihren Zumutungen. Im Islam ist das mit Händen zu greifen. Wer die Konversionsgeschichten von jungen Deutschen aus mittelgroßen Kleinstädten betrachtet, ahnt etwas von der Verlorenheit, die Menschen muslimischer und nichtmuslimischer Herkunft in den Dschihadismus treibt. Die Religion wird zum Brandbeschleuniger der eigenen Wut. Das ist Wasser auf die Mühlen rechtsradikaler Bewegungen und atheistischer Kampagnen.
Auch an den Rändern des Christentums entwickeln sich geschlossene Milieus. Die sind nicht gewaltbereit, sondern manchmal einfach nur elitär. Im Feuilletonkatholizismus träumt man zum Beispiel von einer Kirche ohne Volk, jedenfalls ohne dieses widerspenstige, anspruchsvolle, nörgelnde, zweifelnde Alltagschristenvolk, das sich in den Gemeinden versammelt. Vor allem soll sich diese Kirche aus der Gesellschaft und ihren Problemen heraushalten. Sie soll sich, wie es im Unternehmensberatersound heißt, auf ihre Kernkompetenz zurückziehen. Und das ist ausschließlich der Kultus. Die Kirche soll als Kryptagemeinde existieren und auch jeden Eindruck von zivilreligiöser Öffnung meiden.
Das Bodenpersonal für dieses weltlose Christentum – das gibt es in Varianten in beiden Kirchen – sammelt sich zum Beispiel in der Bewegung gegen die öffentlichen Schulen, in radikalen Lebensschützergruppen und in Milieus, die mit der Forderung nach einem Recht auf „Homeschooling“ auftreten. Die öffentliche Schule, Spiegel und Lernort für die pluralistische Gesellschaft, ist kein Ort für das gesellschaftlich Gemeinsame der Verschiedenen mehr, sondern nur noch ein dämonischer Ort der Verführung durch das Fremde, das andere. Die eigene Wahrheit stellt sich nicht mehr dem Widerspruch, sie entzieht sich einfach.
Vor diesem Hintergrund leuchten die teils heftigen Attacken der atheistischen, humanistischen und laizistischen Bewegungen in Deutschland auf den ersten Blick sogar ein. Sie warnen vehement vor den Gewaltpotenzialen der Religionen und ihren antiaufklärerischen Ansichten. Aber auch hier gibt es verbale Eskalationsstufen, die mit dem Bedürfnis nach Aufklärung im anspruchsvollen Sinne nur wenig zu tun haben. Das Bild des Christentums wird mit finsteren Farben grundiert. Darüber werden in grellen Tönen die vermeintlich freiheitsfeindlichen Exzesse der Gläubigen gemalt, die sich in der selbst verschuldeten Unmündigkeit nicht nur privat eingerichtet, sondern auch noch den Staat und seine Institutionen mitgefesselt haben.
Es gibt eine große Tradition abendländischer Religionskritik aus dem Geiste der Philosophie. Zudem gehören zur christlichen Theologie die radikale Frage und der unerbittliche Zweifel, das Ringen mit den Hierarchien und Traditionen, die kalkulierte Häresie und der fromme Spott. Doch die atheistischen und antiklerikalen Bewegungen der Gegenwart haben die Flughöhen der philosophischen Kirchen- und Religionskritik längst verlassen. Ihre theoretische Munition finden sie in einer zur Weltanschauung aufgerüsteten Wissenschaftsgläubigkeit und der Idee eines „evolutionären Humanismus“, der erst dann vollkommen ist, wenn die Reste der Religion überwunden sind. Im Grunde geht es den antiklerikalen Aktivisten vor allem darum, Religion und ihre Lebensäußerungen ganz aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Religionsfreiheit ist für sie die Freiheit, die erst da entsteht, wo einen keine Religion mehr behelligt, weder in der Schule noch an anderen öffentlichen Orten, auch nicht durch kirchliche Feiertage oder den Rhythmus des Sonntags.
Diese antiklerikale Bewegung gibt sich libertär, ist aber nicht liberal, wenn es um die Freiheit anderer geht. Die Intoleranz im Gewand einer kämpferisch-aufklärerischen Weltanschauung ist überraschend etatistisch, erhofft sie sich doch vom Staat und seinen Gerichten die Befreiung von den Zumutungen der Religion. Offene Foren für kontroverse Diskussionen sind aber selten. Auch hier entwickelt sich ein geschlossenes Milieu, das für Religionsfreiheit streitet, aber die Neutralität des Staates gegenüber den religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen seiner Bürger unterläuft. Der Staat soll sich die laizistische Weltanschauung zu eigen machen.
Dieser laizistischen Versuchung erliegen zunehmend auch die politischen Parteien. Ihre Vertreter rücken bis in die erste Reihe einer großen Volkspartei vor, sie findet sich bei den Grünen und bei dem Shootingstar unter den Parteien, den Piraten. Bei ihnen ist bislang wenig so klar wie die Tatsache, dass sie das humanistisch-laizistische Programm gekapert haben. In dem Maße, wie die Weltanschauungskonflikte in der deutschen Gesellschaft sich verschärfen, werden auch die Gerichte weiter letzte Instanz zur Befriedung dieser Konflikte. Es wäre ehrlicher und konsequenter, wenn diese Konflikte politisch ausgetragen würden, aber es gibt eine lange Tradition, in der das Recht einspringen muss, weil handfeste Religionskonflikte politisch selten befriedigend ausgetragen werden. Das ist ehrenvoll für die Rolle der Gerichte, besonders des Bundesverfassungsgerichtes, zeigt aber auf das gesellschaftliche Unvermögen, mit diesem religionspolitischen Zündstoff produktiv umzugehen. Das zeigt auch die Schärfe der Pro-und-Kontra-Positionen nach dem Urteil eines Kölner Gerichtes zur Beschneidung.
Gegenüber der laizistischen Versuchung steht die kulturalistische Versuchung im Raum. Ihr erliegen auch Kirchenvertreter: Das Christentum habe unsere Kultur geprägt, deshalb müssten Staat und Recht es auch gegenüber allen anderen Weltanschauungen und Religionen bevorzugen, und zwar in der Form der beiden verfassten großen christlichen Kirchen. Wer will bestreiten, dass die Grammatik des Christentums Kultur, Recht, Wirtschaft und Gesellschaft zutiefst geprägt hat? Doch das kulturalistische Argument kann dann zur Falle werden, wenn mit „Kultur“ nur noch das Nachleben eines ehemals vitalen Christentums gemeint ist, also ein strenger Geschichtsverweis ohne Gegenwartsrelevanz. Hier werden dann schnell Genese und Geltung verwechselt.
Es muss auch die spöttische Frage erlaubt sein, warum aus der inneren Affinität für die Demokratie erst so spät, also im Grunde erst vor 50 Jahren, auch ein versöhntes Verhältnis zur demokratischen Verfassung erfolgte. Für den Protestantismus war es Karl Barth, Theologe des 20. Jahrhunderts und nicht von ungefähr Schweizer, der mit seiner Abwandlung des Themas Staat und Kirche zu der Unterscheidung von Christengemeinde und Bürgergemeinde jeglicher christlicher Staatsmetaphysik, dem lutherischen Naturrechtsdenken und seiner weichgespülten, kulturalistischen Variante eine Absage erteilte und so einen theologischen Zugang zur Demokratie ermöglichte. Mit dieser Unterscheidung im Rücken lässt sich der Einwand gegen die Idee der Kulturschuld, die die Verfassung gegenüber dem Christentum abtrage, so formulieren: Das Grundgesetz mit seinem offenen und kooperativen Religionsverfassungsrecht anerkennt die legitimen Eigeninteressen der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften durch die Verfassung wegen seines eigenen anspruchsvollen Freiheitskonzeptes.
Karl Barth geht vom Einzelnen aus, der als Bürger und als Christ das Gemeinwesen mit gestaltet. Die geglaubte Wahrheit der Christenmenschen ist unverhandelbar. Sie trifft so auf die Bürgergemeinde mit ihren permanenten Verhandlungen, Konflikten und Kompromissen. Die Demokratie ist zutiefst relativistisch. Das heißt aber nicht, dass die Menschen, die in der Demokratie leben, Relativisten wären. Im Gegenteil: Demokratie ist die Gesellschaftsform, wo Wahrheitsansprüche aufeinandertreffen können, ohne dass es zum Bürgerkrieg oder zur totalitären Verdrehung der Machtverhältnisse käme. Demokratie zwingt dazu, die eigene Wahrheit nicht mit dem Rechthabenwollen zu verwechseln. Christen müssen ertragen, dass andere anders glauben und andere Wahrheiten beanspruchen. So ist das in der unerlösten Welt, würde der Schweizer Theologe hinzufügen.
Die Christengemeinde interessiert sich als Teil der Bürgergemeinde für die Res publica und bringt das zum Ausdruck. Barth dreht das kulturalistische Argument um und verlangt von den Kirchen, den Blick aus der Vergangenheit auf die Gegenwart zu richten, also keine Kulturschuld einzuklagen, sondern ihren Glauben zu bezeugen.
Die eigentliche Herausforderung für die Kirchen ist eine geistliche und kann deshalb von keinem Gericht der Welt gelöst werden: dem grassierenden Fatalismus der Menschen, die mitten in den drohenden Katastrophen leben, zu begegnen. Denn Angst, Unsicherheit und Überforderung schüren das Feuer einfacher Weltbilder und schlichter Lösungen. Der christliche Glaube ist zutiefst antifatalistisch. Er hilft den mental und auch politisch Erschöpften auf, zeigt mit dem Finger auf die, die am Wegesrand liegen, weil sie bei der Geschwindigkeit der Veränderungen nicht mithalten können und materiell oder geistig verarmen. Er kann Phasen der Ratlosigkeit ertragen, ist skeptisch bei technokratischen Heilsversprechen und tatkräftig, wenn es darum geht, die Spielräume der Freiheit gegen ihre Verächter zu verteidigen. Und er hilft zu einer Existenz in der Art innerer Freiheit, die Andersdenkende nicht fürchten muss. Das beste Argument gegen den kämpferischen Laizismus ist ein lebendiges Christentum, das sich nicht abschließt in kirchliche Kreise oder beleidigt auf seine Bestände pocht, sondern geistliche Phantasie entwickelt. Frei nach Paul Gerhardt „gelassen und unverzagt“.
Der Text ist die gekürzte Version eines Vortrags, den Petra Bahr beim Karlsruher Foyer „Kirche und Recht“ gehalten hat.





