Skandale
Die Kurie muss Smartphones verbieten
Aus: Christ & Welt Ausgabe 26/2012
Viele Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich die Massen erregen. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hält Medien dabei für überschätzt
Christ&Welt: Was macht einen guten Skandal aus?
Bernhard Pörksen: Zunächst muss das Thema relevant sein, das heißt, es sollte möglichst viele Menschen angehen. Von einem Skandal sprechen wir, wenn ein Verstoß gegen allgemein verbreitete Moralvorstellungen vorliegt, dieser öffentlich wird und das Publikum sich empört.
C&W: Wenn wir die Flick-Spendenaffäre mit der Empörung über präsidiale Bobby-Cars vergleichen, liegt der Eindruck nahe: Die Skandale sind auch nicht mehr das, was sie mal waren?…
Pörksen: Das sehe ich nicht ganz so. Eine plagiierte Doktorarbeit ist kein Kavaliersdelikt. Und auch in der Wulff-Affäre ging es eigentlich nicht um Geschenke, sondern darum, dass ein Ministerpräsident womöglich den Landtag belogen hat. Das ist schon eine deutlich gewichtigere Frage als irgendeine kleinliche Rabattgeschichte. Umso erstaunlicher ist es, wie viele Wochen es von den ersten Enthüllungen bis zu seinem Rücktritt gedauert hat.
C&W: Was schließen Sie daraus?
Pörksen: Hier zeigt sich im Unterschied zu landläufigen Vorurteilen die begrenzte Macht der Medien. Der Bundespräsident ist erst zurückgetreten, als ein neuer Player, nämlich die Justiz, ins Spiel gekommen ist. Der mediale Druck allein hat für diesen Schritt nicht gereicht.
C&W: „Selbst schuld“, würden viele Leser an die Adresse der Medien sagen. Hat das Publikum Affären-Überdruss?
Pörksen: Schon bei Guttenberg und dann erst recht bei Christian Wulff klafften Medienempörung und Publikumsempörung auseinander. In beiden Fällen gab es schon während der Berichterstattung heftige Medienschelte.Von einem Überdruss an Affären würde ich dennoch nicht sprechen, denn das Publikum besitzt heute einfach andere Möglichkeiten, die eigene Position sichtbar zu machen, die Sphäre des Öffentlichen zu entern, sich zu präsentieren. Aber auch die klassischen Medien verändern momentan unser Konzept von Öffentlichkeit.
C&W: Inwiefern?
Pörksen: Im Kampf um Aufmerksamkeit, Quote und Auflage verwandeln auch klassische Medien die Sphäre der Öffentlichkeit in eine Art Testlabor, um die Wirksamkeit von Erregungsvorschlägen zu prüfen. Und das gilt nicht nur für Boulevardblätter. Nehmen Sie den fliegenden Teppich des Entwicklungshilfeministers. Komplett irrelevant, aber doch eine Möglichkeit, um eventuell Aufmerksamkeit zu binden. Mit Kritik an wirklichen Missständen haben solche Erregungsexperimente nichts zu tun.
C&W: Richtet sich Ihre Kritik nur an Journalisten? Da hat doch das Internet etwas verändert.
Pörksen: Stimmt. Das Internet hat die Enthüllungspraxis radikal demokratisiert. Es sind nicht mehr allein die Gatekeeper, die Schleusenwärter, in den Redaktionen, die entscheiden, was öffentlich wird. Die klassischen Nachrichtenkriterien sind nicht mehr ausschließlich bestimmend. Jeder, der ein Smartphone besitzt und damit einen anderen in einer peinlichen Situation aufnimmt, kann die Szene dann ins Netz stellen, sie publizieren. Smartphones sind, so zeigen wir in unserem Buch, zu Allzweckwaffen der Skandalisierung geworden. Ob das Empörungsangebot dann zum Aufreger wird, entscheiden die Nutzer und die klassischen Medien, die ihrerseits auf die Wut des Publikums reagieren. Das Publikum ist also mächtiger geworden, ist nicht mehr nur Adressat, sondern längst auch Akteur in der Erregungsarena der Gegenwart – und ebendies hat das massenmediale Skandalschema verändert: Jeder kann heute einen Skandal auslösen. Jeder kann Opfer und Objekt weltweiter Aufmerksamkeitsexzesse werden.
C&W: Der Vatikan ist gerade in den Schlagzeilen und bekanntermaßen keine Demokratie. Wird ihn diese mediale Demokratisierung verändern?
Pörksen: Zunächst einmal spielt Vatileaks – trotz des Namens, der andere Assoziationen weckt – nicht im Netz. Es ist kein Skandal der Digital-Ära. Es geht um gedruckte Dokumente, die in falsche Hände gekommen sind. Noch gibt es keine kompromittierenden Videos im Netz, sondern ganz altmodisch Briefe und das Medium des Buches, in dem dann bislang Unbekanntes enthüllt wird.
C&W: Das heißt, die Kurie braucht ein Smartphone-Verbot, wenn sie so bleiben will, wie sie ist.
Pörksen: (lacht) …und ein E-Mail-Verbot noch dazu. Aber im Ernst: Der Vatikan braucht vor allem das Geheimnis, die vor den Blicken der Welt geschützte Zone. Und jeder Geheimnisverrat ist auch deshalb dramatisch, weil er im Extremfall den Wunsch nach grundsätzlicher Änderung und Reform bedingt und Säkularisierungsschübe erzwingen könnte.
C&W: Das Skandalniveau reicht dazu noch nicht aus?
Pörksen: Nein. Beobachtbar ist im Moment wieder eine Diskrepanz zwischen Medienempörung und Publikumsempörung. Die Medien machen auch hier ein Erregungsangebot, aber es wird vom Publikum nicht so richtig akzeptiert. Intrigen, unsaubere Bankgeschäfte, Verrat – all dies wird eher schulterzuckend hingenommen, nach dem Motto: „Das hat es immer schon gegeben“. Was momentan bekannt ist, reicht noch nicht für die kollektive Empörung. Es fehlt überdies die eindeutige Personalisierung, der klar identifizierbare Schuldige. Unklar ist nach wie vor, wer eigentlich dahintersteckt, gegen wen und für wen man sein könnte.
C&W: Ist es ein kluger Schachzug des Papstes, die Medien zu schelten?
Pörksen: Es ist jedenfalls ein klassisches Muster des Skandalmanagements: Kritik am Überbringer der Nachricht, die Diffamierung des Boten. Man muss sich jedoch klarmachen: Moralisierung produziert Skandalisierung. Die katholische Kirche ist, das sage ich ganz wertfrei, aufgrund ihres moralischen Anspruchs in besonderer Weise skandalanfällig, weil dieser Anspruch Fallhöhe entstehen lässt. Und diese Fallhöhe kann man mediendramaturgisch ausbeuten. Überdies steht der Umgang der katholischen Kirche mit Krisen und Skandalen vor einem besonderen Dilemma: Man muss die Empörung zwar ernst nehmen, sich offen und berührbar zeigen, aber gleichzeitig verhindern, dass sich aus dem Skandal die grundsätzliche Reformfrage ergibt. Insofern: Die Medienkritik und die Beteuerung, man sei erschüttert, tief getroffen, ist auch ein Versuch, ein Versagen von Einzelnen zu konstatieren – und gleichzeitig das stets schwelende Thema der Reform und die brisante Grundsatzdebatte zu vermeiden.
C&W: Eigentlich ein komischer Zustand, dass wir vom Vatikan enttäuscht wären, wenn es dort durchweg heilig zuginge. Aber an andere Akteure in der Mediengesellschaft stellen wir höchste Ansprüche.
Pörksen: Es stimmt schon, man kann inzwischen eine Moralisierung aller Lebensbereiche beobachten. Woran liegt das? Ich denke: Auch die mitunter hysterischen Moraldebatten sind der verzweifelte Versuch einer Gesellschaft, sich ihrer normativen Stabilität zu versichern. Insbesondere Politiker sind heute darauf bedacht, sich keine Blöße zu geben, weil alles öffentlich werden kann, sie den nächsten Shitstorm fürchten. Und doch: Kein Mensch verhält sich stets tugendhaft, ist stets berührbar, offen, volkstümlich – und doch gleichzeitig ganz anders, besonders, charismatisch, strahlend. Aber von Politikern erwarten wir ebendies. Man muss sich bei aller Euphorie über die neue Macht der digitalen Überall-Medien über eins im Klaren sein: Völlige Transparenz ist totalitär, eine Schreckensvision, die jeden schlecht aussehen lässt. In einer total ausgeleuchteten Welt mag niemand leben, kein Politiker, aber auch kein Bürger.
Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich erschien von Bernhard Pörksen
und Hanne Detel: Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Herbert von Halem Verlag, Köln 2012.





