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Dioxin-Skandal

Die Gier ist das Gift

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Johannes Remmel, Landwirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, ist Theologe. Ein Gespräch über christliche Tischgemeinschaft, leidende Mitgeschöpfe und konservative Kollegen

Christ & Welt: Sie haben katholische Theologie studiert. Ist der Dioxin-Skandal für Sie ein Zeichen, dass  wir den christlichen Grundsatz der Achtung vor der Schöpfung über Bord geworfen haben?
Johannes Remmel: „Wir“ haben diese Grundsätze nicht über Bord geworfen, diejenigen bringen sie in Gefahr, die ihr Handeln einseitig an wirtschaftlichem Profit ausrichten und dabei lediglich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Theologisch würde man das „concupiscentia“ nennen, also Begehrlichkeit, mit einem anderen Wort: Gier! Es ist die Gier, die uns Menschen und die ganze Schöpfung in Gefahr bringt und die fundamental gegen das Grundgesetz der jüdisch-christlichen Tradition verstößt: das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe. Die Folgen dieser Gier treffen allerdings uns alle – und auch das wusste schon die biblische Tradition. Die Folgen unseres Handelns fallen auf uns selbst zurück.

C & W: Hat Essen heutzutage bei uns noch eine religiöse Bedeutung?
Remmel: Wenn „religiös“ bedeutet, immer wieder zu den Quellen des Lebens zurückzukehren, sich auf den Grund unserer Existenz zu besinnen, und das nicht allein, sondern zusammen mit anderen, dann ist Essen auch heute und in Zukunft unbedingt „religiös“: Wir setzen uns gemeinsam an einen Tisch, wir teilen die Gaben der Schöpfung und wir reden miteinander über die Dinge, die uns betreffen.
Vielleicht haben wir auch einen gemeinsamen Anfangsvers, mit dem wir das Essen beginnen. Auch das ist „religiös“, selbst wenn es vielleicht gar nicht so klingt. Das Christentum ist eine Tischgemeinschaft! Und solange es Menschen gibt, wird es solche Tischgemeinschaften geben. Wenn wir aufhören würden, miteinander zu essen, würden wir aufhören, Menschen zu sein.

C&W: Dürfen Christen nur noch im Bioladen einkaufen?
Remmel: Ich halte wenig davon, Menschen zu predigen, was sie zu tun und zu lassen haben. Drei Finger der Hand, die auf andere zeigt, zeigen bekanntlich auf uns selbst zurück. Das ist aber auch gar nicht unbedingt nötig, denn wir erleben geradezu einen Bio-Boom. Hier sehe ich uns politisch in der Pflicht, noch mehr Anreize zu schaffen, um der Nachfrage nach Bioprodukten durch die Umstellung konventioneller Landwirtschaft gerecht zu werden. Und dann freue ich mich über jede und jeden, den ich im Bioladen antreffe – unabhängig von seinem beziehungsweise ihrem Glaubensbekenntnis.

C & W: Sollten Christen weniger Fleisch essen?
Remmel: Nochmals: Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, meine Mitmenschen „Mores“ zu lehren – und seien es ökologische. Vielmehr setze ich auf Information und Aufklärung.
Was wir wissen, ist allerdings eine Menge: Zu viel Fleisch macht krank, Fleischkonsum ist mit enormen ökologischen Kosten verbunden und geht zumeist zulasten der Menschen in den sogenannten unterentwickelten Ländern. Darauf weisen auch die kirchlichen Sozialwerke zu Recht immer wieder hin. Laut UN-Ernährungsbericht von 2003 wären wir durchaus in der Lage, bis zu zwölf Milliarden Menschen mit etwa 2700 Kalorien täglich zu ernähren. Der übermäßige Fleischkonsum in der sogenannten Ersten Welt trägt dazu bei, dass wir das nicht einmal für die Mitte dieses Jahres erreichten sieben Milliarden Menschen schaffen.
Und nun habe ich noch kein Wort zum unermesslichen Leid der Tiere – unserer Mitgeschöpfe! – in den an Zahl leider zunehmenden Großmastanlagen gesagt. Manchmal denke ich, dass wir nur deshalb so viel Fleisch essen, weil wir selbst als Kundinnen und Kunden dieses Leid nicht mit ansehen müssen. Auch hier tut Aufklärung – theologisch: „Offenbarung“! – not!

C & W: Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen weltweit an. Nach dem jüngsten Nahrungsmittelpreisindex der Vereinten Nationen sind die Preise für Getreide, Fette und Zucker so teuer wie nie. Ist das Ende der billigen Massenproduktion absehbar?
Remmel: Wahr ist, dass wir hierzulande noch nie so wenig Geld für unsere Ernährung ausgegeben haben wie zurzeit. Ich will allerdings hinzusetzen, dass es Millionen Menschen in unserem Land gibt, die aufgrund ihrer Einkommensverhältnisse gar keine Wahl haben, als zu sparen, wo es nur geht. Und die Hunderttausende, die gezwungen sind, mithilfe der Tafeln sich und ihre Familien zu ernähren, würden es geradezu als zynisch empfinden, wenn man steigenden Lebensmittelpreisen das Wort reden würde! Deshalb sage ich: Die Ernährungsfrage ist immer auch eine Gerechtigkeitsfrage – national und international. Die Menschen müssen ökonomisch auch in die Lage versetzt werden, für qualitativ hochwertige Lebensmittel den entsprechenden Preis zu zahlen. Wir müssen also auch über Hartz-IV-Sätze reden, über Mindestlöhne, aber das ist jetzt wohl ein zu weites Feld.

C & W: Billige Massenproduktion im Norden, Hungersnot im Süden: Sind das zwei Seiten einer Medaille?
Remmel: Wenn landwirtschaftliche Strukturen in den südlichen Ländern zerstört werden, um Megaflächen für den Anbau von Futtermitteln zu schaffen, mit denen die Tiere gemästet werden, die wir im Norden essen, dann liegt der Zusammenhang auf der Hand. Auch wir in Deutschland haben unseren „Süden“, so wie der „Süden“ zuweilen auch seinen „Norden“ hat. Dass wir heute in unserem Land Zigtausende von anderswo so genannten „Armenküchen“, also „Tafeln“, haben, damit Menschen ihren Grundbedarf an Lebensmitteln decken können, wäre noch vor 20 oder 30 Jahren undenkbar gewesen! Die „Strukturen der Sünde“, wie das die lateinamerikanische Bischofskonferenz genannt hat, halten sich nicht an Himmelsrichtungen.

C & W: Viele Agrarminister der Bundesrepublik gehörten der CDU an. Warum hinterfragen gerade Parteien mit dem C nicht die Auswüchse der industriellen Landwirtschaft?
Remmel: Das frage ich mich auch! Sie merken offenbar gar nicht, dass sie vor lauter Liebdienerei gegenüber den Profiteuren einer hypertrophierten Agrarindustrie genau die Werte verraten, die sie doch zu vertreten vorgeben. Und dazu gehört insbesondere der Respekt vor der Schöpfung Gottes. Deshalb behaupte ich: Wer heute konservativ sein will, wird um ein bisschen mehr „Grün“ kaum herumkommen.

 

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Lebensstil