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Evangelikale

Die fromme Macht

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2012

Auf ihrem Parteitag an diesem Wochenende formiert sich die CDU für die Wahl. Konservative Protestanten sind programmatisch so einflussreich wie nie. Sie definieren das C mehr als die Katholiken

Foto: Paul Taylor/ Getty Images

Wolfgang Baake ist ein Schwergewicht. Es gibt nicht viele in der evangelikalen Bewegung wie ihn, Leute, die sich unter Politikern sicher bewegen. „Wir sollten uns ein Vorbild nehmen an Mitt Romney“, sagt er vom Podium des freikirchlichen Gemeindezentrums. Der unterlegene Präsidentschaftskandidat in den USA habe seine Niederlage sofort eingestanden und dazu aufgefordert, jetzt Obama zu unterstützen, „unseren Präsidenten“. „Das wünschte ich mir in Deutschland mehr.“ Und er zitiert den Römerbrief, Kapitel 13: Jede Obrigkeit ist von Gott. „Amen!“, ruft ein sonorer Bariton inbrünstig von hinten.

Baake ist 62 und vertritt die Evangelikalen bei der Bundesregierung. Heute ist er in Hamburg zu Gast, im „frommen Michel“. Das ist die Freie evangelische Gemeinde in der Passage neben der Michaeliskirche, deren Turm das Wahrzeichen Hamburgs ist. 25 Leute sind gekommen, Anzüge, graue Kombinationen, ein paar Twinsets. Der politische Arbeitskreis der Initiative „Gemeinsam für Hamburg“ hat eingeladen, eins der für die Evangelikalen typischen Netzwerke von Christen aus fast allen evangelischen Kirchen. Zwei Pfarrer gehören dazu, der Rest sind Laien. SPD, FDP und CDU der Stadt haben Beobachter geschickt, die Junge Union auch.

„Wir haben Stärken im diakonischen Bereich, wir arbeiten unter Migranten“, sagt Baake. „Unser Fokus muss dabei auf religiösen Minderheiten liegen. Und wir müssen uns politisch stärker einbringen. Fragt eure Politiker: Wo können wir helfen?“ Er nennt Themen, die Evangelikale besonders interessieren: Gentechnologie, Präimplantationsdiagnostik, und, vor allem, Christenverfolgung. „Und die Bibel enthält Antworten auf unsere Fragen, sie gibt uns Weisung, wie wir argumentieren sollen“, sagt er. Evangelikale stehen schnell unter Fundamentalismusverdacht. „Davon müssen wir herunter“, sagt Baake später.

Christenverfolgung ist sein Herzensthema. Es hat ihm vor drei Jahren die Freundschaft mit Volker Kauder eingetragen, dem Fraktionsführer der Union im Bundestag. Über Baakes Webseite können Gemeinden Kauder für einen Abend zum Thema buchen.

Mit diesem Thema sind die Evangelikalen in Berlin in Führung gegangen. Sie verfolgen es nicht allein. Aber sie arbeiten erfolgreich. Und in der CDU wächst das Interesse. Teile der Partei lehnen einen EU-Beitritt der Türkei ab und sehen die Zuwanderung aus muslimischen Ländern eher skeptisch. Das ergibt Schnittmengen. Die katholische Kirche dagegen gerät ins Hintertreffen. Die Katholische Akademie der Bundeshauptstadt hat an Bedeutung verloren. Der Kardinal-Höffner-Kreis, das traditionelle Zentrum katholischer Abgeordneter, gewinnt erst langsam neues Profil, seit Staatssekretär Hermann Kues die Führung übernommen hat.

Baake netzwerkt virtuos. Seine Kontakte reichen tief in die Union, aber auch zu Rainer Brüderle und Guido Westerwelle. Nur zur Linkspartei, sagt Baake, pflege er keine Beziehungen. Die Evangelikalen sind parteipolitisch weniger auf die CDU festgelegt als noch vor zehn Jahren, ihr Spektrum reicht von rechtskonservativ bis zu den Grünen. Doch das stärkt die Mitte: Drei Viertel der Bewegung, schätzt Baake, stehen hinter der C-Partei.

Und sein politisches Engagement hat viele Wurzeln: Es gab lange einen evangelikalen Salon in Berlin, es gibt internationale Begegnungen zwischen Jugendlichen und Parlamentariern, und es gibt das Gebetsfrühstück im Bundestag, nach einem Vorbild in den USA – von Evangelikalen schon Ende der Siebzigerjahre initiiert. Immer noch wollen sie keine öffentliche Aufmerksamkeit dafür.

Im August besuchte Volker Kauder den Dachverband der Evangelikalen, die Evangelische Allianz. Auf ihrer Jahreskonferenz im thüringischen Bad Blankenburg hingen die zweieinhalbtausend Zuhörer an seinen Lippen und applaudierten spontan, als er die Grüße der Kanzlerin überbrachte. Kauder dankte ihnen für etwas, was Evangelikale gern tun: für Politiker beten. Ihre Beziehung zur Politik ist immer noch jung, unverbraucht und unkritisch. Sie kämpfen wie konservative Katholiken gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Gender-Mainstreaming und Elterngeld. An diesem Donnerstag demonstrierten sie mit der konservativen „Aktion Lebensrecht“ gegen den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Suizid-Beihilfe.

Sie haben sich geärgert, als die CDU in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr Alice Schwarzer für die Bundesversammlung aufstellte, die Joachim Gauck zum Präsidenten wählte. Aber sie tragen nichts nach. Anders als der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und seine Anhänger brechen sie wegen keiner Entscheidung mit der Union. Sie haben Verständnis für Kompromisse. Darauf setzen manche Spitzen der Union.

Sie werden schmallippig, sobald die Rede auf ihr gutes Verhältnis zu den Evangelikalen kommt. Das Engagement, die Unterstützung – immer gern. Von Fundamentalisten dagegen hält man Abstand.

Doch die Kirchen stehen für das Alte, den Gremienkatholizismus und die Interessenvertretung der etablierten Sozialkonzerne. Die Evangelikalen mit ihren vielen jungen Leuten sind die Zukunft. Und sie bauen persönliche Beziehungen auf, sie bewundern und unterstützen. „Wie geht ihr in euren Gemeinden mit Menschen um, die sich politisch engagieren?“, fragt Baake in Hamburg. „Sie sollten wie Pastoren für ihren Dienst gesegnet werden.“

In der Politik ist Baake nebenamtlich unterwegs. Eigentlich leitet er ein freies Werk, so wie es für die evangelikale Bewegung typisch ist: den Medienverband „Konferenz Evangelikaler Publizisten“. 25 Leute arbeiten für ihn, in der Zentrale im hessischen Wetzlar, wo die Junge Union fest in evangelikaler Hand ist, in Jerusalem und in Moskau. Das Geld dafür, zwei Millionen Euro im Jahr, kommt aus Spenden. Damit gehört Baakes Verein zu den kleineren. Die großen, wie der Evangeliums-Rundfunk, der sich jetzt „erf Medien“ nennt, sammeln siebenmal mehr. „Was Spenden angeht, sind unsere Leute unschlagbar“, sagt Baake. Er hat in jungen Jahren erfolgreich VWs verkauft. Dann ließ er sich im evangelikalen Brüderhaus Tabor in Marburg zum Prediger ausbilden.

Wer sind die Evangelikalen? Im „frommen Michel“ in Hamburg, wo Baake zu Gast war, leitet Pastor Reinhard Spincke einen Verbund von 40 Freien evangelischen Gemeinden und mehreren Diakoniewerken in weitem Umkreis um Hamburg. 3500 Mitglieder. Das klingt nach nicht viel. Aber in den 40 Gottesdiensten am Sonntag sitzen nicht bloß die Mitglieder, sondern auch noch viele Freunde. In ganz Deutschland, so haben die Freikirchen errechnet, besucht mittlerweile jeder vierte evangelische Kirchgänger eine Freikirche. Jedes Jahr werden neue gegründet. Der neueste Trend: Gemeinden sind autonom, sie gehören gar keiner Kirche mehr an.

Evangelikale bauen auf und bauen aus, wo die großen Kirchen sparen und schließen. Auf 1,3 Millionen schätzen sie selber ihre Zahl. Die Freikirchen führen eigene Gespräche mit der Bundeskanzlerin und haben einen eigenen Politikbeauftragten in Berlin. Daneben gibt es charismatische Gruppen und Pfingstkirchen (siehe hier), freie Vereine, Missionen, Medienunternehmen und Hilfswerke. Viele evangelische Kirchengemeinden zählen sich ebenso zur Bewegung.

Zwischen Kirche und Evangelikalen verlaufen fließende Grenzen. Und dann gibt es die Landeskirchlichen Gemeinschaften, einen frommen Flügel der evangelischen Kirche. Ihr Präses Michael Diener war früher Dekan der evangelischen Kirchengemeinden im pfälzischen Pirmasens. Seit einem Jahr leitet er auch die Evangelische Allianz. „Ganz gewiss gibt es in vielen Fragen nennenswerte Schnittmengen zwischen den Positionen der Deutschen Evangelischen Allianz und der Union“, sagt Diener. Er führt diese Nähe auch auf Baakes Arbeit zurück.

„In Richtung der CDU/CSU haben wir gute Kontakte, sachlich und belastbar, und mit unseren Positionen finden wir dort Gehör“, sagt Diener. Das gelte auch für die FDP. Bei der SPD gebe es Kontakte zu den Kirchenbeauftragten. Mit den Grünen sei dagegen seit geraumer Zeit kein Gespräch mehr zustande gekommen. „Dabei signalisieren wir allen Parteien Gesprächsbereitschaft, ohne dass das überall gleichermaßen auf Interesse stieße“, sagt der Allianzvorsitzende. Das liegt aus seiner Sicht an Vorurteilen auf beiden Seiten. Er will aber nicht aufgeben.

Volker Beck, der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, hat den Evangelikalen Homophobie vorgeworden, weil Hilfsorganisationen in ihren Reihen Homosexuellen Heilung anbieten. Die Evangelische Allianz ist ein eingetragener Verein. Die 47 Vereinsmitglieder, Schlüsselpersonen aus der Bewegung, nennen sich „Hauptvorstand“. Strukturen sind den Evangelikalen unwichtig, Personen sind alles. Das macht sie beweglich. Und koalitionsfähig. Zu ihren Aktivitäten gehört ein Institut für Islamfragen. Dessen Leiterin Christine Schirrmacher gewinnt als Gutachterin unter Parlamentariern wachsendes Ansehen. Und selbst Muslime nutzen ihr Fatwa-Archiv im Netz.

Der Evangelische Arbeitskreis (EAK) der Union nimmt für sich in Anspruch, den Evangelikalen den Weg in die CDU gebahnt zu haben. „Die Existenz und die Institution des EAK hat das Engagement der Evangelikalen in Berlin mit Sicherheit befördert“, sagt Geschäftsführer Christian Meißner. Es gebe „keine relevanten Impulse, Gespräche, gemeinsamen Aktionen, die am EAK vorbeigegangen wären“. Und er solidarisiert sich: „Im oft so gescholtenen evangelikalen Bereich befinden sich viele differenzierte Christen, die in den 60 Jahren des EAK einen wichtigen Beitrag geleistet haben.“

Nächstes Jahr will Wolfgang Baake sein Hauptamt aufgeben und ganz für Berlin zur Verfügung stehen. Als Lobbyist und als Seelsorger. So wie die etablierten Bevollmächtigten der evangelischen und der katholischen Kirche, Bernhard Felmberg, der früher den EAK der Union managte, und Karl Jüsten. Beide nehmen mit größeren Stäben die Interessen der Großkirchen wahr. So wie sie hat Baake Spitzenbeamte im Blick: „Die überdauern jeden Machtwechsel und haben Einfluss. Und manche sind ziemlich einsam. Da muss man Zeit haben und zuhören können.“ Wer ihn bezahlen wird, weiß Wolfgang Baake noch nicht. Aber das macht ihm keine Kopfschmerzen. Bald wird er einen Freundeskreis ins Leben rufen, der das Geld aufbringt.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2012
Redakteur:
Benjamin Lassiwe und Wolfgang Thielmann ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
keine