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Kirchenreform

„Die Bischöfe haben Angst vor uns“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 7/2011

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff ist einer der Unterzeichner eines Memorandums zur Erneuerung der katholischen Kirche. Er fordert mehr Mut gegenüber Rom.

Christ & Welt: Haben Sie gezögert, bevor Sie unterschrieben haben?
Eberhard Schockenhoff:
Nein. Unsere Aufgabe als Theologieprofessoren ist es, Fehlentwicklungen in der Kirche aufzudecken. Zu Beginn des Dialogprozesses, zu dem die Bischöfe eingeladen haben, wollten wir klarmachen, um welche Fragen es gehen sollte.

C & W: Ein Drittel der Theologen haben zu Anfang unterschrieben, zwei Drittel nicht. Keine gute Startbilanz.
Schockenhoff:
Das sehe ich anders. Wir haben zunächst mit 50 gerechnet, das war das Limit, um überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen. Die inhaltliche Unterstützung ist größer, als es die Zahl widerspiegelt.

C & W: Gab es Angst vor beruflichen Konsequenzen?
Schockenhoff:
Ich kann nicht für die anderen sprechen. Ich habe vor meinem Erzbischof Hochachtung, aber keine Angst. Angst sollte es in der Kirche nicht geben, auch nicht zwischen Theologen und Bischöfen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Bischöfe uns Theologen mehr fürchten als umgekehrt.

C & W: Inwiefern hat das auch damit zu tun, dass Theologieprofessoren
unter den Bischöfen inzwischen die Ausnahme sind?

Schockenhoff: Ja, auch das zeigt Roms Angst vor Theologen. Unter den Auswahlkriterien, die einen Kandidaten für das Bischofsamt empfehlen, gehört hohe theologische Kompetenz nicht mehr zu den unabdingbaren Voraussetzungen.

C & W: Der Theologe auf dem Heiligen Stuhl schweigt bisher zu
dem Memorandum …
Schockenhoff:
Das Schweigen ist umso bemerkenswerter, als wir ja Forderungen stellen, die der junge Theologe Ratzinger selbst aufgestellt hat. Viri probati, wiederverheiratete Geschiedene oder synodale Strukturen in der Kirche – all das hat er thematisiert. Dass wir 40 Jahre später dieselben Forderungen immer noch stellen müssen, zeigt den Reformstau in der Kirche. Man wirft uns vor, das Memorandum sei nichts Neues. Aber dieses Argument fällt auf die Kritiker zurück. Es zeigt doch nur, dass viele Probleme totgeschwiegen wurden. Die prekäre Situation in der Seelsorge hätte man vermeiden können, wenn es schon vor 40 Jahren Viri probati gegeben hätte. Dasselbe gilt für die wiederverheirateten Geschiedenen. Auch da gab es in den letzten Jahrzehnten keine seelsorgerische Antwort. Viele Betroffene haben die Kirche verlassen. Das kann doch nicht die Lösung sein.

C & W: Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz rät den Unterzeichnern des Memorandums genau dazu: Sie sollen die katholische Kirche verlassen. Und er wirft Ihnen vor, zu viel über Strukturen und zu wenig über existenzielle Glaubensfragen zu reden. Fallen Theologen beim Sterbebetttest durch?
Schockenhoff:
In meinen Vorlesungen und Vorträgen beschäftige ich mich ständig mit dem Glauben! Uns Theologen ist ja oft genug vorgeworfen worden, wir beschäftigten uns zu viel mit dem Glauben und zu wenig mit dem, was die Menschen in ihrem kirchlichen Alltag belastet. Dabei sind Glaubens- und Strukturfragen kein Gegensatz. Der Glaube wird ja nicht im luftleeren Raum gelebt. Falsche Strukturen am Ort können den Menschen den Zugang zum Glauben verbauen.

C & W: Was wünschen Sie sich von den Bischöfen Ihrer Kirche?
Schockenhoff:
Die Bischöfe haben eine persönliche Verantwortung für die Zukunft ihrer Diözesen. Diese Verantwortung können sie nicht an den Papst abtreten. Die deutschen Bischöfe müssen in Rom deutlicher auftreten. Die meisten werden nicht mehr im Amt sein, wenn in 20 Jahren die jetzigen Seelsorgestrukturen zusammenbrechen werden. Aber sie tragen die Verantwortung, wenn die notwendigen Entscheidungen unterbleiben. Der bevorstehende Dialogprozess muss offen geführt werden, es darf kein Veto geben.

C & W: An welche möglichen Veto-Themen denken Sie?
Schockenhoff:
An alle, die wir im  Memorandum genannt haben.

C & W: War es wirklich klug, alles vom Zölibat über Homosexualität bis zum Kirchenrecht auf so knappem Raum anzusprechen?
Schockenhoff:
Die Probleme der katholischen Kirche sind nicht monokausal zu erklären, deswegen mussten wir so vieles ansprechen. Ein Memorandum ist ja keine Tiefenanalyse, es setzt ein Signal.

C & W: Für manche ist es das falsche Signal. Gerade jetzt dürfe die Kirche sich nicht dem Zeitgeist beugen, fordern diese Gläubigen.
Schockenhoff:
Ich möchte von denjenigen, die jede Reform ablehnen, endlich einmal einen konstruktiv-theologischen Vorschlag hören. Eine Zurückweisung ist kein Dialog.

C & W: Besonders theologisch ist es ja von Ihrer Seite auch nicht, mit dem Priestermangel gegen den Zölibat zu argumentieren.
Schockenhoff:
Doch. Es geht letztlich um das Bild von Kirche, das wir wollen. Wer jede Reform beim Zölibat zurückweist und sagt, es reicht doch, wenn die Zahl der Priester in Afrika wächst, hat ein klerikales Kirchenbild. Er sieht nur die Bischöfe und das Amt und fragt nicht nach der Lebendigkeit des Glaubens am Ort. Der Zölibat ist ein hohes Gut, ein Geschenk Gottes, keine Frage. Aber man muss abwägen. Auch die Lebendigkeit der Gemeinden, die Möglichkeit, Eucharistie zu feiern, sind hohe Güter. Strukturfragen sind eben nicht theologisch gehaltlos.

Erschienen in:
Ausgabe 7/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Papst, Sexualität, Jesus