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INTERNETPROTOKOLL

„Dich werde ich nicht umbringen, weil du so lieb bist“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 45/2014

Kann Nächstenliebe etwas gegen religiös motivierte Gewalt ausrichten? Oder ist diese Hoffnung naiv? Ein Priester hat über Facebook Kontakt zu deutschen Salafisten aufgenommen, einige davon kämpfen mittlerweile für den IS. Der Geistliche versucht zu verstehen, warum die jungen Männer bereit sind, für ihren Glauben zu töten

Mütze: Sophie James/istockphoto.com Bart: Ramzi Hachicho/fotolia

Ich bin katholischer Priester. Die Bilder und Nachrichten, die in den letzten Monaten aus dem Irak und Syrien zu uns kamen, haben mir nicht nur einen archaischen Schrecken und Abscheu eingeflößt. Sie haben mich auch meine eigene Ohnmacht fühlen lassen – angesichts der militärischen Erfolge des IS, angesichts einer eher zurückhaltenden deutschen Öffentlichkeit, wenn es um verfolgte Christen geht, aber auch im Hinblick darauf, dass wir uns in der Kirche durch Diskussionen absorbieren lassen, die vor dem Hintergrund dieser Ereignisse zweitrangig oder gar belanglos sind.

Dass ich mich für diejenigen interessierte, die scharenweise aus Europa in den IS-Krieg aufbrechen oder damit sympathisieren, war für mich Umwandlung von Ohnmacht in Aktion. Das ist im Internet-Zeitalter ziemlich einfach. Ein paar Stichworte googeln, und schon stößt man auf Namen. Gibt man diese bei Facebook ein, stellt man fest, dass auch Kämpfer für Allah dort einen Account besitzen, der wiederum viele weitere Personen aufführt.

Die Mailwechsel begannen immer ähnlich. Ich habe Interesse bekundet und Fragen gestellt: Wie ist deine Situation? Glaubst du, dass Allah das will? Was sollte man deiner Meinung nach in Europa tun? Als Priester „geoutet“ habe ich mich von mir aus nicht, ich habe es aber auch nicht geleugnet, als mich später einer meiner digitalen Kontakte ganz offen darauf ansprach. Mit meinen einfachen Fragen wollte ich herausfinden, was in ihnen vorgeht. Was ich erwartet hatte, wusste ich nicht so genau. Wahrscheinlich Menschen, die von Hass und Gewalt wie besessen sind.

Ungefähr zwei Drittel antworteten auf meine Kontaktanfrage nicht oder stellten den Kontakt schnell wieder ein; aber immerhin 13 Muslime haben sich auf den Nachrichtenaustausch mit mir eingelassen, abgesehen von den vielen, über die ich eine Fülle von Informationen über ihre Facebook-Seiten erhalten habe.

Ich gebe zu: Mir war dabei nicht immer wohl. Mehrmals begegnete mir die Reaktion: „Du bist doch bestimmt vom Verfassungsschutz.“ Einmal wurde mir erst im Verlauf des Chats klar, dass der Angeschriebene sich tatsächlich nicht mehr in Europa aufhält, sondern als Kämpfer im Irak befindet. Manche Accounts wurden gelöscht und erschienen kurz darauf wieder.

Eine einheitliche Antwort auf meine Frage nach dem Warum ihres Denkens und Handelns habe ich nicht entdeckt. Drei unterschiedliche Motive habe ich in den Antworten erhalten: Da sind manche, die wirklich eine Rambo-Attitüde an den Tag legen. Es verschafft ihnen Befriedigung, ein gewisses Gewaltpotenzial durch eine Gruppe legitimiert ausleben zu können. Die Kameradschaft in dieser Gruppe genießen sie, die äußere Anfeindung bestärkt sie. Die Mitstreiter reden sie immer als „Brüder“ an. Das ist keine hohle Phrase.

Auf den Facebook-Seiten liest man, wie sie am Schicksal des anderen Anteil nehmen. Zudem hat der aktive Kämpfer einen hohen Status: Bewundert und ermutigt durch Sympathisanten (zum Beispiel via Facebook), lässt er sich mit der Waffe in der Pose des Mächtigen abbilden. Stolz berichtet mir einer, dass es ihnen im Irak an nichts fehle und sie alles, was sie zum Leben brauchten, umsonst erhielten. Außerdem möchte er immer wieder wissen, wie viele Likes und Freunde er mittlerweile habe: Es waren an die tausend.

Dann gibt es jene, deren Facebook-Profil schon klarmacht, dass sie in einem sozialen Ghetto leben: Sie haben nicht einen einzigen Facebook-Freund mit deutschem Namen, Einträge in der Rubrik Ausbildung sind selten, die Texte sind voller Grammatik- und Rechtschreibfehler. Manche stellen Vorher-nachher-Fotos ins Netz: Vorher der junge Mann im Ghettolook, mit dem man sich lieber nicht anlegen will, hinterher der Muslim mit Bart in muslimischer Kleidung und Gebetshaltung: Beides sind Versuche, mit der Komplexität der modernen Welt fertigzuwerden. Der Islam scheint das Leben für diese Muslime in gewisser Weise klar und einfach zu machen. Er gibt dem Tag und dem Leben eine klare Struktur mit eindeutigen, aus Koran und Hadithen genommenen Handlungsanweisungen, die im Gespräch mit mir auch immer erstaunlich schnell als Zitat bei der Hand waren, für jede Situation. Und er gibt Sinn und ein Ziel, auf das ich damit hinsteuere: die Belohnung und Anerkennung durch Allah. Die, die vorher durch ihren sozial-kulturellen Hintergrund in Deutschland eher unterprivilegiert waren, fühlen sich dadurch geadelt. Sie schwärmen mir oft von dem „inneren Frieden“ vor, den sie gefunden hätten.

Bei manchem, auch gut Ausgebildeten und beruflich Etablierten, ist zudem ein tiefer Ekel vor einer als dekadent empfundenen westlichen Umwelt und auch vor säkularisierten Muslimen zu spüren. „Vorher hatte ich immer Ärger mit der Polizei, habe getrunken und mich geschlagen. Der Islam hat mich davon weggebracht. Was ist schlecht daran?“, schreibt einer. „Warum soll es einer Frau verboten werden, sich durch eine Burka ganz zu bedecken, und es ein Zeichen von Menschenwürde sein, wenn sie halb nackt durch die Stadt läuft?“ Manchmal illustrieren sie die Gegenüberstellungen mit Cartoons. Sie beschimpfen die vermeintlich Dekadenten nicht nur, sie lachen sie aus.

Auch wenn es befremdlich klingt: Menschen ohne Ethos bin ich auf diesen Seiten nicht begegnet, wenn man Ethos als eine durch Werte bestimmte Gesinnung versteht. Das Entsetzliche und Grauenhafte entwickelt sich aus einer falschen Rangordnung der Werte. Die Würde des Menschen wird zweitrangig, wenn es um die Religion geht, so argumentieren meine digitalen Gesprächspartner immer wieder. Ich halte dagegen: Das Christentum glaubt an die Menschwerdung Gottes, der Mensch ist Gottes Ebenbild, der Einzelne hat eine Würde, ganz unabhängig von dem, was er glaubt und wie er sich verhält.

Doch die Würde des Einzelnen überzeugte sie nicht. Alle Angeschriebenen waren bereit, sich auch mit großem Engagement für mehr einzusetzen als für das eigene Wohlergehen, für Glaubensgenossen, wenige sogar für Andersgläubige. Einer erzählte mir etwa, wie er mutig Türken entgegengetreten sei, die auf der Straße einen Christen verhöhnt hätten. Das sei gegen den Islam und seine Werte. Überhaupt: Sobald meine Kontakte merkten, dass ich Christ bin und diesen Glauben praktiziere, wuchs zumindest bei einigen der Respekt, weil sie mit mir immerhin den Gottesglauben teilen konnten. Nichtgläubige fallen als Dialogpartner von vornherein aus.

Dessen ungeachtet waren die Angeschriebenen der Überzeugung, dass meine Nichtbekehrung zum Islam meine ewige Verdammung zur Folge haben würde. Mit einer perfiden Logik wurden Einsätze gegen Christen und Andersgläubige als Verteidigung und Notwehr der Muslime dargestellt und so legitimiert.

Was läuft da falsch? Natürlich ist meine Sicht auf das, was ich im Chat erlebt habe, die Sicht eines Christen. Während ich als Christ die Aussagen meines Glaubens auch immer vor dem „Tribunal der Vernunft“ zu rechtfertigen suche und sie begründe, gingen meine Kontaktpartner mit dem Koran anders um. Sie zitierten einfach die unterschiedlichsten Stellen und hinterfragten sie nicht. Sie seien so und nicht anders von Allah geoffenbart, lautete ihre Begründung für die Nichtbegründung. Auf sie das Licht der Vernunft fallen zu lassen war ihnen fremd, wohl weil Allah sich nach ihrer Meinung selbst nicht an die Vernunft bindet.

Als ich einen IS-Kämpfer auf das Schicksal jesidischer Frauen ansprach, hielt er deren Verkauf als Sklavinnen für vollkommen richtig. Das entspreche dem Koran. Ob den Frauen auch sexuelle Gewalt angetan werde, fragte ich. Er zeigte sich empört: „Was denkst du von mir? Das ist gegen den Islam.“

Frage – Antwort, so verliefen viele Mail-Wechsel. Ein wirkliches Gespräch war schwer möglich, schon gar nicht über Politik. Dazu fehlte die gemeinsame Faktenbasis. Die westlichen Medien gelten als durchweg verlogen; stattdessen hat sich in islamistischen Internetforen eine ganz eigene Informationswelt etabliert, die zu belegen scheint: Die Religion dieser jungen Muslime ist die verfolgte, gegen sie wird laufend Hass geschürt; der IS ist der Befreier, er verteidigt die wahre Menschenwürde. Bei vielen findet sich eine ausgeprägte Opfer- und Verteidigungsmentalität.

Gelehrte streiten sich mitunter darüber, ob Islam besser mit „Hingabe“ oder mit „Unterwerfung“ zu übersetzen sei. Philologisch kann ich die Frage nicht beantworten. Diejenigen, mit denen ich Kontakt hatte, haben jedenfalls fraglose Unterwerfung praktiziert, und ich habe gemerkt, dass das einen geradezu rauschhaften Zustand hervorrufen kann. Auch das Christentum fordert Gehorsam gegenüber Gott, aber gegenüber einem, der sich zunächst selbst an die Menschen hingegeben hat.

Dass Allah barmherzig und gütig ist, daran ließ zwar kein Kämpfer und Sympathisant einen Zweifel. Mir ist aber klar geworden, wie gefährlich die Dynamik der Liebe und Opferbereitschaft ist, wenn sie auf halbem Wege stehen bleibt. Denn dass Allah selbst die liebt, die sich gegen ihn entscheiden, war meinem jeweiligen Gegenüber unverständlich. Diese Feinde können dann mit der gleichen Kraft gehasst werden, wie Allah und die Brüder geliebt. Als ich einem jungen, sonst sehr werteorientierten und altruistischen Muslim auf Facebook von einem Jesiden erzähle, der auf Facebook von Muslimen mit Gewalt bedroht wurde, und frage, ob ich ihm meine Hilfe anbieten solle, ist seine Reaktion: „Lass das. Er hat es verdient.“

Ich hatte auch Kontakt zu einem aus Österreich stammenden IS-Kämpfer, der in der Presse ziemlich bekannt ist. Kaltblütig bringt er Menschen im Terrorkrieg um und dokumentiert seine Taten auf Facebook. Ich bat ihn, vielleicht etwas naiv, um Gewaltverzicht und Barmherzigkeit. Er schrieb mir: „Du kannst ruhig hierhin (Irak) kommen. Dich werde ich nie umbringen, weil du so lieb bist.“ Ich glaube, er hat das ernst gemeint.

Ich habe nach wenigen Wochen die Kontakte abgebrochen. Ich habe schließlich anderes zu tun. Und die Welt, in die ich dort eingetaucht bin, war manchmal recht dunkel. Bei meinen Chat-Partnern irgendetwas erreicht zu haben, bilde ich mir nicht ein, außer vielleicht, dass ich manche Fehlinformationen über das Christentum berichtigen konnte. Sie selbst haben zwar einen missionarischen Eifer an den Tag gelegt, von dem sich mancher Christ eine Scheibe abschneiden könnte, mich aber diesbezüglich nie unangenehm bedrängt.

Für mich war der Ertrag ungleich höher. Ich habe meinen eigenen christlichen Glauben noch einmal mehr schätzen gelernt. Ich habe gelernt, dass das Böse dort am schlimmsten wirken kann, wo es sich mit dem Guten auf verheerende Weise mischt. Mir wurde deutlich, dass es mitten in unserer Gesellschaft eine auch durch (deutsche) Konversionen stark wachsende Gruppe gibt, die viele unserer westlichen Werte nicht akzeptiert und sie durch die eines islamischen Staates ersetzen möchte. Ich habe auch viele kennengelernt, die zwar mit dem Ziel eines islamischen Staates sympathisieren, aber die Gewaltexzesse des IS ablehnen.

Islamisten oder ihre Sympathisanten leben in einer eigenen ummauerten Welt mitten unter oder besser gesagt neben uns. Die Gefahr, die davon ausgeht, ist – so meine Erfahrung – erheblich größer, als die Öffentlichkeit im Allgemeinen annimmt. Sie wird durch gesetzliche, gerichtliche oder militärische Mittel allein nicht zu bannen sein, sondern nur, wenn es gelingt, diese ideologische Mauer zu durchbrechen.

Der Autor ist der Redaktion bekannt.

Erschienen in:
Ausgabe 45/2014
Redakteur:
Anonym (Autorin/Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Islam