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Dialog

Deutschland, deine sturen Muslime

Aus: Christ & Welt Ausgabe 44/2011

Die deutsch-türkische Journalistin Canan Topçu kritisiert: Muslime, die sich nicht für das Leben und den Glauben der Christen interessieren, werden nie mündige Bürger dieses Landes

FOTO: JOEL CARILLET/ISTOCKPHOTO.COM; WOLFGANG RADTKE/KNA

Integration. Interreligiöser Dialog. Auf diese Begriffe reagiere ich inzwischen allergisch. Zur Integration ist alles gesagt und geschrieben, und beim interreligiösen Dialog liegt manches im Argen. Aber nicht alles wird offen ausgesprochen – vielleicht weil ein Schleier der Political Correctness über dem Ganzen schwebt und christliche Partner das „zarte Pflänzchen des Dialogs“ nicht in Gefahr bringen möchten. Deswegen melde ich mich jetzt zu Wort, wohlwissend, dass ich eine dicke Lippe riskiere. Zunächst möchte ich eines klarstellen: Natürlich überziehe und verallgemeinere ich und tue damit vielen Unrecht. Doch das mache ich nicht, um den Meinigen einen auszuteilen. Islamkritiker aus den eigenen Reihen haben wir zur Genüge. Mir liegt an einer Selbstreflexion.

Die „Meinigen“, Sie ahnen es, sind die Muslime in diesem Land. Als Tochter muslimischer Einwanderer verstehe ich mich als Teil dieser Gemeinschaft. Ich beschäftige mich auch von Berufs wegen mit Muslimen und den Entwicklungen in Moscheegemeinden. Mal als stille Beobachterin, mal als aktive Teilnehmerin beteilige ich mich immer wieder mal am interreligiösen Dialog. Wobei schon hier gesagt werden muss: Meist geht es in diesen Dialogen darum, Muslime kennenzulernen und zu verstehen.

Begegnungen dieser Art haben sich vielerorts entwickelt; die islamischen Gemeinden laden ein, bieten Moscheeführungen an und suchen das Gespräch mit ihren christlichen Nachbarn, mit Schulen, Polizeirevieren und weiß der Himmel mit wem noch … es wird also reichlich Aufklärungsarbeit betrieben, weil ja sehr viel Falsches über unsere Religion kolportiert wird. „Die Wahrheit über den Islam“, „Woran Muslime glauben“, „Wie Muslime beten“ – so oder so ähnlich heißen die Vorträge, zu denen eingeladen wird und die von mehr oder weniger kenntnisreichen Referenten gehalten werden. Moscheegemeinden sind inzwischen so gut organisiert wie Männergesangsvereine. Es gibt den Vorsitzenden, den Kassenwart und den Schriftführer, den Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit und dazu noch den Dialogbeauftragten. Es wird auf Hochtouren daran gearbeitet, Vorurteilen entgegenzuwirken. Es gibt auch Gemeinden, die scheren sich herzlich wenig darum, was Christen, Agnostiker und Atheisten über sie denken. Sie sind konsequent und halten sich fern vom interreligiösen Dialog.

„Für ein gutes Kennenlernen brauchen wir eine Bereitschaft zum Kennenlernen. Und das fordert natürlich eine Offenheit“, erklärte unlängst Bekir Alboga, der Dialogbeauftrage der Ditib-Gemeinden, in einem TV-Beitrag über den Tag der offenen Moschee (TOM). Mit TOM, der immer am 3.?Oktober stattfindet, haben es die Muslime bis in die „Tagesschau“ geschafft; gleich nach dem Bericht über die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit folgte eine Reportage über TOM. Die Funktionäre – etwa vom Zentralrat der Muslime, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), vom Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD) und vom Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) – haben sich sicher riesig gefreut; andere wiederum sehen in der Terminwahl eine Provokation und empören sich.

Empört hatten sich ja auch viele, als Bundespräsident Christian Wulff vor einem Jahr in seiner Ansprache zum Tag Deutschen Einheit erklärte: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Zweifelsohne gehören wir inzwischen dazu. Aber verhalten wir uns auch so? Da wiederum habe ich meine Zweifel. Bekir Albogas Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Mir ist nicht ganz klar, von wessen Bereitschaft die Rede ist. Mein Eindruck ist, dass auf muslimischer Seite die Neugier und das Interesse am Christentum nicht besonders groß sind.

Ich überzeichne jetzt und nehme als Beispiel eine türkische Bekannte. Seit über 20 Jahren lebt sie hier, ist Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern und der deutschen Sprache kaum mächtig. Dafür kann sie den Koran lesen. Und wie! Sie besucht theologische Gesprächskreise in ihrer Gemeinde, und wenn der Tag der offenen Moschee bevorsteht, fängt sie eine Woche vorher an zu kochen und zu backen – wie die anderen aus ihrer Frauengruppe, damit die Gäste an einem reich gedeckten Tisch sitzen können. Wenn’s ums Reden geht, hält sich die Mittvierzigerin aber zurück. Weil sie kaum Deutsch kann. Ihr ist es aber wichtig, dass „die Deutschen“ mehr über „uns“ erfahren. Sie freut sich über die Interessierten und ärgert sich, wenn sie wegen ihres Kopftuchs hier und dort schräg angeguckt oder gar beleidigt wird. Das führt sie auf Unkenntnis zurück.

Neulich beklagte sie sich wieder mal, dass „die“ so wenig über uns und über unsere Religion wüssten. Da platzte mir der Kragen. Mir geht dieses Gerede langsam auf die Nerven. Wir erwarten von „den Deutschen“, dass sie sich für uns und unsere Religion interessieren, sich mit islamischen Geboten und Verboten auskennen und darauf auch Rücksicht nehmen. Mal ehrlich: Wie kennen wir uns mit dem Christentum aus? Interessieren wir uns für diese Religion? Wer von uns hat schon mal eine Kirche von innen gesehen? Oder gar einen Gottesdienst besucht? Wer kennt den Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken?

Als der Rat der Religionen Frankfurt, ein Zusammenschluss von Vertretern unterschiedlicher Religionen, vor gar nicht so langer Zeit für islamische Geistliche einen Besuch im Frankfurter Dom organisierte, stellte sich heraus, dass fast keiner der Imame ihn je betreten hatte. Warum bedurfte es dazu erst einer speziellen Einladung zur Kirchenführung? Apropos Kirchenführung. Es gibt sogar Kirchenführer für Muslime. Nur liest kaum jemand diese Heftchen. Wir wissen wenig oder nichts über Christentum und Christen. Wie denn auch? In den Moscheegemeinden geht es um etwas anderes. Und woanders lernen wir es auch nicht.

Wenn wir mündige Bürger dieses Landes sein wollen, müssen wir uns mehr als bisher für das Leben hier und den Glauben der anderen interessieren. Den Kopf darüber zu schütteln, wie wenig die Vertreter der Mehrheitsgesellschaft über den Islam wissen, hilft nicht weiter! Manch einer trauert den Zeiten nach, als man uns nicht als Muslime wahrnahm. Wir lebten und arbeiteten mit dem Gedanken, in die Heimat zurückzukehren. Wir richteten uns hier ein, ohne es zu bemerken. Wir wussten nichts von unseren Rechten und verhielten uns unauffällig. Wir waren ja nur Gäste, und Gäste nehmen, was sie bekommen, und stellen keine Ansprüche. So kannten wir es aus unserer Kultur.

Ganz ungestört trafen wir uns in unseren Gebetsstätten, die wir nach und nach in Gewerbegebieten und Lagerhallen errichtet hatten. Wir ahnten nicht, dass uns mehr zustand. Das Wort „Hinterhofmoschee“ kannten wir nicht, wir trafen uns aber in diesen Orten, über die neuerdings viel gesprochen, geschrieben und gestritten wird. Wir importierten Imame aus der Heimat, unsere Männer gingen zum Freitagsgebet in die Moschee, plauderten dort bei Tee mit Gleichgesinnten, lasen Tageszeitungen wie „Hürriyet“ und „Milliyet“. Die Moschee wurde für etliche zur Heimat, sie bot Sicherheit und Geborgenheit.

An Wochenenden schickten wir unsere Töchter und Söhne in Korankurse, damit sie nicht gottlos wurden. Wir wollten, dass sie über ihre Religion Bescheid wissen, sich an die Gebote und Verbote des Islam halten, Vater und Mutter ehren und Respekt vor Alten und Gebrechlichen haben. Sie wurden unterrichtet von Imamen, deren Wissen keiner infrage stellte. Dass mancher auch Humbug von sich gab, bekamen wir nicht mit; wir wussten es nicht besser. Etliche unserer Kinder lasen im Koran, noch bevor sie das lateinische Alphabet entschlüsseln konnten.

Uns plagte die Angst, dass unser Nachwuchs unter schlechten Einfluss geraten und sich von uns entfernen würde. Manch einer von uns verbot daher seinen Kindern, Freundschaften mit deutschen Klassenkameraden zu schließen. Wir waren besorgt, dass unsere Söhne und Töchter auf die schiefe Bahn geraten könnten, und sorgten dafür, dass sie unter Aufsicht standen; wir kümmerten uns darum, dass Angebote in unseren Moscheegemeinden ausgebaut wurden – um Ferienfreizeiten, Nachhilfeunterricht und Computerkurse. Unsere Gemeinden boten im Laufe der Jahre weitere Dienstleistungen an: Sie organisierten nunmehr die Überführung unserer Toten in die Heimat und Pilgerreisen nach Mekka.

Als die Folgen der fehlenden Integrationspolitik nicht mehr zu übersehen waren, gerieten wir in den Fokus der Öffentlichkeit. Und als dann der 11.?September über uns alle kam, da drehte sich die Integrationsdebatte plötzlich nur noch um uns. Wir verstanden nicht, was wir mit den islamistischen Attentätern zu tun hatten, und wir begriffen anfangs auch nicht, dass es endgültig vorbei war mit dem ungestörten und unbehelligten Leben.

Weil wir nicht tatenlos hinnehmen wollten, dass unsere Religion mit Terror und Gewalt, mit Frauenverachtung und Missachtung der Menschenrechte in Verbindung gebracht wurde, begannen wir eine Bildungsoffensive. Wir öffneten – auch auf Wunsch unserer Nachbarn – die Türen unserer Moscheen, wir setzten uns an Runde Tische und beteiligen uns am interreligiösen Dialog. Seit dem 11.?September bemühen wir uns, Interesse zu wecken und aufzuklären über unsere Religion. Aber mal ehrlich: Was wissen wir über die Religion derer, die wir aufklären möchten?

Ich habe dazu einige Vorschläge: Wie wäre es mit einem Tag der offenen Kirche? Ebenfalls an einem festen Datum im Jahr, aber an einem anderen Feiertag. Und wie wäre es mit einem Unterrichtsfach Religionskunde, in dem alle Schüler über alle Religionen informiert werden. Bei den nächsten Generationen sorgte das für Gleichstand bei Wissen und Unwissen. Und der interreligiöse Dialog würde sich entweder erübrigen oder auf das konzentrieren, worum es meiner Ansicht nach in der Begegnung von Menschen unterschiedlichen Glaubens vor allem gehen sollte – um Spiritualität und Gotteserfahrung.

Canan Topçu wurde 1965 im türkischen Bursa geboren und lebt seit 1973 in Deutschland. Sie ist Journalistin und Dozentin an der Hochschule Darmstadt. 2007 erschien von ihr „EinBÜRGERung. Lesebuch über das Deutsch-Werden“.

Erschienen in:
Ausgabe 44/2011
Redakteur:
Canan Topçu (Publizistin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
keine