Das Wesentliche: Eier
Deutsche Hühner an die Legefront!
Aus: Christ & Welt Ausgabe 15/2012
Während der NS-Zeit war der Eierhandel in Berlin fest in jüdischer Hand. Bis die braunen Machthaber die Branche brutal arisierten.

"Wieder arische Ostereier“ hieß die Schlagzeile der nationalsozialistischen Tageszeitung „Der Angriff“ zu Ostern 1936. Sie verkündete die erfolgreiche „Ausschaltung nichtarischer Elemente“ im Eierhandel. Der war unter Hitler ein Politikum, denn er lag in Deutschland bis Mitte der Dreißigerjahre fast ausschließlich in den Händen von „Eierjuden“. Sie boten die Eier bei gleicher Qualität billiger an – und waren deshalb beliebt. Der Eierhandel wurde als eine der ersten Branchen „arisiert“. So gründlich, dass Eier in den Geschäften auszugehen drohten.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Berlin das Zentrum des deutschen Eierhandels gewesen. Doch die Stadt wuchs derart schnell, dass die einheimischen Hühner mit dem Legen nicht mehr nachkamen. 1907 verzehrten die Berliner täglich 1,7 Millionen Eier. Ein Glücksfall für die aus Russland und Galizien eingewanderten Händler: Bei Geflügelbauern in ihrer Heimat kauften sie Tausende Tonnen günstig ein. In Sonderzügen, randvoll mit Holzkisten für jeweils 1440 Stück, importierten sie Hühnereier nach Deutschland. Weiße galizische Eier galten als erstklassig. Die zarte Ware über eintausend Kilometer heil und frisch zu halten war eine Wissenschaft für sich. Im Sommer wurde sie mit Stangeneis gekühlt, im Winter mit Glühstofföfen gewärmt. Jedes Rangieren der Waggons ließ die Händler zittern. Trotz enormer Verluste konnte man mit dem Eierhandel gut verdienen. Bis 1933. Am 20.Dezember trat das Gesetz über den Verkehr mit Eiern in Kraft. Es sollte die inländische Produktion vor dem billigen östlichen Ausland schützen. Die Einfuhr aus Galizien und Russland wurde drastisch zurückgefahren. Weitere Gesetze der braunen Machthaber dienten dazu, jüdische Geschäfte zu schließen und ihre Inhaber vom Markt zu verdrängen, auch wenn das zu Engpässen führte. Die Wut der Erzeuger über Zwangsbewirtschaftung und die der Kunden über leergekaufte Geschäfte war enorm. Wie zuletzt im Ersten Weltkrieg hamsterten die Verbraucher. Der Schwarzhandel blühte.
Einer der verdrängten Händler hieß Simon Adler. Sein Name wäre heute völlig vergessen, hätte nicht das Museum Neukölln fünf winzige Blechbecher aus seiner Sammlung ausstellen wollen. Meine Recherchen dazu brachten ein erschütterndes Schicksal aus den Archiven zutage. Simon Adler war zur Jahrhundertwende aus Galizien nach Berlin gekommen. Neben einem Kolonialwarenladen führte der Kaufmann einen Eiergroßhandel. Er verdiente ordentlich und baute sich ein kleines Wochenendhaus am Stadtrand. Auch samstags, am Schabbat, verkaufte er Eier auf dem Markt. Sein Bruder Isac, ebenfalls Händler in Berlin, schimpfte deshalb mit ihm. 1936, nach der Zerschlagung seines Gewerbes durch die Nazis, wollte Simon Adler mit seiner Frau Rachel nach Palästina auswandern. Zwei der drei Söhne hatten schon Deutschland verlassen. Doch Heinrich, den mittleren, behinderten Sohn, konnten sie nicht mitnehmen. Nach Palästina durften nur körperlich und geistig Gesunde einreisen. 1940 wurde Heinrich als eines der ersten „Euthanasie“-Opfer umgebracht. Simon Adler und seine Frau erlebten Jahre der Demütigung, der Enteignung und der Zwangsarbeit. 1943, knapp 60 Jahre alt, tauchten beide unter, um ihrer Deportation zu entgehen. Ein Jahr lebten sie im Untergrund. Im Frühjahr 1944 erkannten Gestapo-Spitzel Rachel Adler auf der Straße. Beide wurden verhaftet und kurz darauf einem Transport nach Auschwitz zugeteilt. Da enden die Aufzeichnungen. Simons Bruder Adolf, auch er Eierhändler in Berlin, wurde schon 1938 nach Polen abgeschoben. Er starb 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen.
Gab es noch Nachfahren? Auf eine Suchanzeige in einer israelischen Zeitung meldete sich aufgewühlt eine alte Dame aus Jerusalem: „Simon Adler war mein Lieblingsonkel!“ Lotte Atar wusste viel über ihre Kindheit in Berlin zu erzählen und ist eine enge Freundin geworden. Während wir Ostern feiern, stehen bei ihr als gläubiger Jüdin am Pessachfest hartgekochte, in Salzwasser getauchte Eier auf dem Tisch.
Karolin Steinkes Buch „Simon Adler, Eierhändler in Berlin“ (8,90 Euro) erschien
im Berliner Hentrich & Hentrich Verlag.





