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Islam

Der Westen muss aufwachen

Aus: Christ & Welt Ausgabe 22/2011

In der Integrationsdebatte werden Religion, Kultur und Ideologie oft miteinander verwechselt. Dabei ist die Weltreligion freier, als viele ihrer Kritiker denken, meint der Islamwissenschafter Thomas Bauer

Viele Missverständnisse im Wirrwarr der Stimmen, die über den Islam reden, sind darauf zurückzuführen, dass der Begriff „Islam“ mehrdeutiger ist als alle anderen Religions- und Kulturbezeichnungen. Es gilt nämlich zu unterscheiden zwischen Islam als Kultur, als Religion und als Ideologie.

Islam als Kultur. Während die meisten Kulturen der Welt mit einem geografischen Begriff bezeichnet werden (Europa, China, Indien), wird einzig die islamische Kultur nach einer Religion benannt. So kommt es, dass die Literaturen in arabischer, persischer und türkischer Sprache als „islamische“ Literaturen gelten. Dabei stehen über eineinhalb Jahrtausende bis in die Gegenwart säkulare Themen wie Liebe und Wein im Vordergrund. Die Werke arabischer Ärzte laufen unter der Überschrift „islamische Medizin“, obwohl sich nichts im religiösen Sinne Islamisches darin findet und viele ihrer Verfasser Christen oder Juden waren. In Museen für islamische Kunst kann man „islamische Weinkrüge“ besichtigen, obwohl ein Weinkrug ebenso wenig islamisch sein kann wie ein Bordell christlich. Die Bezeichnung „islamisch“ für die gesamte Kultur suggeriert, sie sei stärker religiös geprägt als etwa Europa oder Indien (was nicht stimmt) und lässt alle säkularen Bereiche der Kultur als randständig erscheinen.

Solange man nicht von dieser „Islamisierung des Islam“ Abstand nimmt, verbaut man sich den Zugang zur Vielfalt islamischer Kulturen und stolpert in sinnlose Debatten darüber, ob „der Islam“ historisch zu Deutschland gehöre. Dabei ist die Antwort einfach: Die islamische Kultur hat Europa nachhaltig geprägt. Mathematiker, Philosophen, Ingenieure, Seefahrer und Mediziner aus der islamischen Welt haben Europa dazu verholfen, das zu sein, was es heute ist. Weil aber in Europa nur das Judentum als einzige fremde Religion widerwillig geduldet wurde, war der Einfluss der Religion des Islam bis ins 19. Jahrhundert nur schwach. Aber es gibt keinen Grund, auf diese religiöse Intoleranz stolz zu sein.

Religion der Vielfalt

Islam als Religion. Die Betonung der Vielfalt und Pluralität der Religion ist im Falle des Islam besonders wichtig. Dadurch, dass es zahlreiche Richtungen und Sekten gibt, unterscheidet sich der Islam nicht vom Christentum. Wichtiger ist, dass innerhalb der Tradition des Hauptstroms des sunnitischen Islam Vielfalt bejaht und gepflegt wurde. Gelehrte haben seit dem 8. Jahrhundert zahllose Korankommentare verfasst, in denen sie bestrebt waren, möglichst viele Interpretationen einer Koranstelle zu sammeln. Rechtsgelehrte versuchten, aus kritischer Auslegung des Korans und der Überlieferungen des Propheten rechtliche Normen abzuleiten, was nie widerspruchslos vonstattenging. Doch „Meinungsverschiedenheiten sind eine Gnade für meine Gemeinde“.

Dieser angebliche Ausspruch des Propheten Mohammed bildete die Maxime des klassischen islamischen Rechts. Die Meinungsvielfalt wurde regelrecht institutionalisiert, weil man nicht nur eine, sondern vier verschiedene Rechtsschulen akzeptierte und es innerhalb der Rechtsschulen wiederum mindestens so viele Meinungsverschiedenheiten gibt wie zwischen ihnen.
Meinungsvielfalt und das Eingeständnis, dass eine Welt und eine Religion ohne Widersprüche nicht möglich sind, kennzeichnen den klassischen Islam. Mit einem Begriff aus der Psychologie kann man von einer hohen Ambiguitätstoleranz des klassischen Islam sprechen. Phänomene der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit wurden akzeptiert. In der Literatur und der Kunst erfreute man sich daran, Ambiguität spielerisch zu erzeugen. In jenen Bereichen, die den Alltag regelten, wurde Ambiguität domestiziert, aber es wurde nicht versucht, sie auszulöschen.

Islam als Ideologie. Noch immer gibt es traditionelle Islamgelehrte, die die Pluralität des Islam hochhalten. Doch dies ist nicht der Islam, der die Aufmerksamkeit der Medien findet und in den Islamdebatten unserer Zeit Gegenstand ist. Dieser andere Islam ist eine ideologisierte Form des Islam, die im 19. Jahrhundert festere Konturen annahm und sich im 20. Jahrhundert weiterentwickelte. Viele islamische Fundamentalisten und so gut wie alle „Islamkritiker“ halten diese ideologisierte Form des Islam für den eigentlichen Islam. Dabei übersehen sie, dass dieser Islam weitgehend eine Reaktion auf den Westen ist. Konfrontiert mit dem wirtschaftlich und militärisch übermächtigen Westen, entstanden islamische Ideologien, die Antworten auf die Herausforderungen des Imperialismus und der westlichen Moderne geben wollten. Der Hauptunterschied zum traditionellen Islam ist die Tatsache, dass diese Antworten eindeutig sein mussten. Auf die Frage, was denn diese oder jene Koranstelle bedeute, wollte man nicht mehr hören: Es sind sieben Deutungen möglich, vielleicht noch eine achte.“ Damit kann man
keine Ideologie machen, die den modernen westlichen Ideologien ebenbürtig ist. Dies und ein allgemeines Gefühl der Unterlegenheit führten zu einem Verlust der traditionellen Ambiguitätstoleranz.

Jahrhundert der Ideologisierung


Das 20. Jahrhundert ist der Höhepunkt der Ideologisierung – und damit Verwestlichung – des Islam. In der Öffentlichkeit war der Islam kaum mehr anders vorstellbar denn als salafitischer Islamismus einerseits oder als liberaler, „pro-westlicher“ Islam andererseits. Hinter beiden stehen allerdings gleichermaßen westliche Muster von Ideologie und Weltanschauung, die dem traditionellen Islam der Zeit zwischen 1000 und 1800 fremd waren. Die geistige Erstarrung der islamischen Welt in der Zeit des Kolonialismus und der darauffolgenden Epoche der Diktaturen trugen zur Verfestigung dieser ideologisch aufgeladenen Polarität bei, auch wenn sich die Mehrheit der muslimischen Gläubigen nicht daran orientierte.

Es scheint, dass die Zeit eines dergestalt ideologisierten Islam zu Ende geht. Die Diktatoren haben ebenso Glaubwürdigkeit und Autorität verloren wie die Religionsideologen. Natürlich wird es politische Parteien geben, die sich auf den Islam berufen, doch zeichnet sich eine zunehmende Pluralität ab. Im nachrevolutionären Ägypten etwa reicht das Spektrum von den Islamdemokraten der Partei al-Wasat („die Mitte“) über die Muslimbrüder, deren Jugend sich nicht mehr mit den Positionen der alten Funktionäre abfinden will, hin zu den Salafiten, die sich erstmals in ihrer Geschichte mit Demokratie auseinandersetzen. Es ist unsinnig, all diese Richtungen mit dem Sammelbegriff „Islamisten“ zu versehen, nur weil sie sich irgendwie auf den Islam berufen. Im islamischen Alltag ist eine ähnliche Entwicklung erkennbar.

Fragt man junge Frauen danach, warum sie ein Kopftuch tragen, erhält man nur selten die Antwort, dies sei eben Pflicht. Vielmehr wird das Tragen oder Nichttragen eines Kopftuchs Teil eines ganz individuellen Entwurfs von islamischer Religiosität. Die Ideologisierung des Islam ist gescheitert. Muslime suchen nach individuellen Formen der Religiosität. Ideologien, die beanspruchen, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, stoßen auf immer weniger Resonanz. Es könnte sein, dass der Islam wieder zu einer ambiguitätstoleranten Religion wird.

Vieles deutet darauf hin, dass der Westen heute, wie so oft in seiner Geschichte, einen Teil seiner Identität aus einem Feindbild Islam bezieht. Das verzerrte Bild eines seinem Wesen nach gewalttätigen, demokratiefeindlichen und nicht reformierbaren Islam und schließlich der monströse Popanz eines die westliche Freiheit bedrohenden Islamismus motivieren letztendlich auch politische Handlungen westlicher Akteure gegenüber der islamischen Welt. Damit erschweren sie aber gerade den Abbau ideologischer Konflikte im Nahen Osten.

Denn anders als im Westen vielfach angenommen, ist ein radikaler Islamismus keineswegs die von den Menschen in der islamischen Welt favorisierte politische Richtung. Andererseits wird dort auf absehbare Zeit auch keine politische Richtung eine breite Basis gewinnen können, die sich nicht auf die eine oder andere Weise auf den Islam beruft. Heute sind die Richtungen des politischen Islam vielfältig und die politischen Ziele ihrer Vertreter höchst unterschiedlich. Eine breite öffentliche Debatte, die hier ansetzen könnte, scheitert aber häufig an Zensur und an politischen Verboten. Statt eine solche Debatte zuzulassen, suchen manche Regime ihr Heil in einer Islamisierung von oben. Regierungen, die meist enge Verbündete des Westens sind, fördern einen engstirnigen, dogmatischen Islam, weil sie hoffen, damit islamischen politischen Kräften, die auf demokratischem Wege Einfluss gewinnen wollen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nicht selten können sie dabei auf westliches Einverständnis zählen. Ein solches Vorgehen verhindert aber den unausweichlichen Prozess einer Demokratisierung des Nahen Ostens, die ohne Einbeziehung auch islamistischer Strömungen nun einmal nicht geschehen kann.

Die Kultur Europas hat auf dem Gebiet der Ambiguität nicht allzu viele Leistungen vorzuweisen, sieht man von Kunst und Musik ab, die zu vielen Zeiten das Refugium darstellten, in dem sich die gesellschaftlich geächtete Ambiguität ausleben durfte. Die polyfone Musik und die Oper sind zweifellos Leistungen, die zum ewigen Ruhm des Abendlandes auf dem Gebiet ambiguitätshaltiger Kultur beitragen. Auf gesellschaftlichem Gebiet ist es aber die Demokratie, die die größte westliche Errungenschaft in Sachen Ambiguitätstoleranz darstellt. Ihr Weg ist allerdings von Hekatomben von Opfern gesäumt. Es dauerte ein halbes Jahrtausend, und es benötigte einige der schrecklichsten Kriege der Menschheit, ehe die Unfähigkeit, verschiedene Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, durch die Einführung eines Verfahrens der Wahrheitssuspendierung, wie es die Demokratie darstellt, kompensiert wurde.

Im Nahen Osten, wo man über die längste Zeit eine solche Wahrheitsobsession und Ambiguitätsintoleranz nicht hatte, war der Druck, ein entsprechendes Verfahren einzuführen, lange nicht stark genug. Heute ist das anders, und es ist nur in aller Interesse, diesem Druck nachzugeben. Im Westen sollte man sich dabei der Tatsache bewusst sein, dass die Einführung des wahrheitssuspendierenden Verfahrens der Demokratie keineswegs mit dem mentalen Ende eines ambiguitätsintoleranten Wahrheitsanspruchs einhergehen muss. Ganz im Gegenteil erscheint die unheilvolle westliche Verkettung von Ambiguitätsfurcht, Wahrheitsobsession und Universalisierungsehrgeiz heute noch durchaus lebendig, und dies gerade im Umgang mit dem Islam, mit den Menschen im Nahen Osten, aber auch in der internen Integrationsdebatte.

Alle Umfragen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime der Welt die Demokratie befürwortet. Ein großer Teil dieser Muslime lebt aber in einer Region, die der Westen als eines seiner wichtigsten Interessensgebiete betrachtet. In einer dergestalt globalisierten Welt kann die Demokratisierung der islamischen Welt nicht gelingen, wenn nicht die Mächte des Westens daran mitwirken. Diese Mitwirkung sollte vor allem darin bestehen, dass der Westen in seinem Umgang mit der islamischen Welt seine Trias aus Ambiguitätsfurcht, Wahrheitsobsession und Universalisierungsehrgeiz aufgibt und den Demokratisierungsprozess wohlwollend verfolgt, auch wenn er Richtungen einschlägt, die nicht immer im Sinne des Westens zu sein scheinen. Die anderen werden die eigenen Wahrheiten nicht übernehmen. Dies ist aber nur dann bedrohlich, wenn man glaubt, dass es außer den eigenen Wahrheiten keine anderen gibt.

Unser Autor: Thomas Baier 


Attentäter, Ehrenmörder, Hassprediger: Wenn von Muslimen die Rede ist, sind Stereotype schnell zur Hand. Seit dem 11.?September 2001 hat keine Religion im Westen ein so schlechtes Image wie der Islam. Ein solch verengter Blick auf eine Weltreligion sei ungerecht, meint der 1961 geborene Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer von der Universität Münster. Er gehört zu den Leitern des dortigen Exzellenzclusters „Religion und Politik“. In seinem neuen Buch „Die Kultur der Ambiguität“ zeichnet er eine ungewöhnliche Geschichte des Islam nach. Seine Grundthese lautet: Während der christliche Westen am Konzept der Identität festhält, hat sich der arabisch-islamische Kulturraum über tausend Jahre hinweg als Region der Vielseitigkeit und Mehrdeutigkeit entwickelt. Dort entstand ein Begriff von Toleranz, der über unser Verständnis von Duldung weit hinausging. Wer auf Vielheit setzt statt auf Einheit, wer multiperspektiv statt identitätsorientiert denkt, etabliert einen anderen, offenen Begriff von Wahrheit. Das meint Bauer, wenn er von „Ambiguitätstoleranz“ spricht: Wo viele Deutungen möglich sind, ist eine Wahrheit immer zu wenig.

Bauer argumentiert mit der Geschichte gegen die Gegenwart. Religiöse, kulturelle und politische Ideologen benutzen den Islam, um ihre manichäischen Weltbilder und ihren Hass zu propagieren. Dagegen stellt Bauer die verschüttete, vielstimmige Tradition des Islam. „Wir müssen uns auf die Kultur der Ambiguität besinnen, wollen wir nicht in den Schützengräben des ,Kampfes der Kulturen‘ stecken bleiben“, fordert der Experte. Der Gegenentwurf zum Hass findet sich in der Vielstimmigkeit der Koranauslegung genau so wie im Nebeneinander unterschiedlicher Gelehrtenschulen, er tritt in einer offenen, unprüden Sexualität ebenso ?zutage wie in der großen arabischen Dichtung und Rhetorik. Vor allem aber zeigt er sich in der Möglichkeit, Staat und Religion unverkrampft voneinander zu trennen.? hjn

Buchtipp: Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2011. 463 Seiten, 32,90 Euro. 

Erschienen in:
Ausgabe 22/2011
Redakteur:
Thomas Bauer (Islamwissenschaftler, Universität Münster)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Islam, Kultur