Nothaushalt
Der Sparkommissar
Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2012
Oberhausen droht der Untergang: Die Stadt im Ruhrgebiet ist eine der ärmsten Deutschlands. Ein griechischer Kämmerer will mit einem strikten Sparprogramm den finanziellen Kollaps verhindern. Wie viel Gemeinwesen ist noch möglich?

Apostolos Tsalastras (SPD) steht auf dem Galgenberg und lässt sich fotografieren. Hinter Oberhausens Stadtkämmerer ragt das Rathaus auf, drohend, massig und so dunkel wie der Himmel darüber. Vor langer Zeit soll sich hier eine Richtstätte befunden haben. Man spürt es noch. Tote Blätter geistern durch die eiskalte Luft, trudeln zu Boden, bleiben liegen, seitdem die Stadtverwaltung kaum mehr Geld hat, um die Straßen zu kehren. Apostolos Tsalastras lächelt gequält. Er kann sie nicht mehr sehen, die Journalisten, die wissen wollen, warum ausgerechnet ein Grieche die ärmste Stadt Deutschlands gesundsparen soll.
Ein Grieche, der mit Geld umgehen kann, ist das nicht ein Ding der Unmöglichkeit? Das wurde der Mittvierziger in den letzten Monaten oft gefragt; von den Medien, von den Oberhausenern, von Fremden, aber auch von Menschen, die den Sohn griechischer Gastarbeiter seit Jahren kennen. Immer hat er gelächelt, weh tat es trotzdem.
Wie hat die Krise ihn verändert? Was macht das Sparen mit dem Sparer? Ist Apostolos Tsalastras der Oberhausener Held, als der er sich auf dem Galgenberg ablichten lässt, den Mantelkragen hochgeschlagen, mit Glatze und Designerbrille wie eine Mischung aus Bruce Willis und Investmentbanker? Oder ist auch er hilflos, noch ein Blatt im Wind, fremdgesteuert von einer Macht, die stärker ist als der eigene Wille? Und wenn ja, wie erträgt er das?
In seinem Büro im Rathaus gießt sich Apostolos Tsalastras nach dem Fotoshooting erst mal einen sehr starken Kaffee ein. „Jede größere Ausgabe“, sagt er, „müssen wir von Düsseldorf absegnen lassen.“ Zudem gebe es ein Investitionsverbot. So sieht es aus, das Los vieler Kommunen im Ruhrgebiet: Wer so hohe Schulden hat, dass er per Nothaushalt regieren muss, wird regiert von der Landesregierung und muss seine Souveränität nach oben abgeben. Das ist für jeden Verantwortlichen schwer zu ertragen. Politiker möchten handeln, gestalten und wiedergewählt werden, wenn sie etwas zum Besseren verändert haben. Ein reiner Verwalter des Nichts sein will keiner. Ohne einen Funken Hoffnung geht es nun mal nicht. Bei Apostolos Tsalastras ist der Funken ein Fünkchen. Ja, es gibt eine Chance, sagt er, wenn Land und Bund helfen und Oberhausen gleichzeitig weiter spart, auch wenn es eigentlich nicht mehr geht, weil – Tsalastras Hände sind wie zum Gebet gefaltet – „wir den Gürtel schon lange nicht mehr enger schnallen können. Er schneidet bereits ins eigene Fleisch.“ Aber vielleicht geht es ja doch, ohne dass die Oberhausener sich von Oberhausen abwenden, wegziehen und ohne dass die Stadt stirbt. Möglicherweise lässt sich dann etwas bewegen. Ein ausgeglichener Haushalt, das wäre was, sagt Tsalastras. Keine neuen Schulden, keine Bevormundung. Ein neuer Anfang. Doch wofür?
Die alten Schulden sind dann ja immer noch da. Auf fast zwei Milliarden Euro sind sie in Oberhausen über die Jahre angewachsen, und das bei kaum mehr als 200 000 Einwohnern (Tendenz fallend). Selbst wenn die Stadt alles veräußern würde, was sie noch hat, Straßen, Krankenhäuser, Schulen, den öffentlichen Nahverkehr, wenn nichts mehr bliebe, Schlussverkauf, würde es doch nicht reichen. Wieder lächelt Tsalastras, diesmal wirkt es schneidend kalt. „Wenn man so will“, sagt er, „feiern wir dieses Jahr ein Jubiläum. Wir schauen auf ein Vierteljahrhundert Schulden zurück.“ So lange ist es her, dass Oberhausen letztmals einen ausgeglichenen Haushalt hatte. Doch der Verfall begann viel früher, mit dem schleichenden Tod der Kohleindustrie im Ruhrgebiet seit den Sechzigern.
In jenen Jahren ziehen die Tsalastras aus Griechenland nach Hilden im Kreis Mettmann. „Alexis Sorbas“ läuft in den Kinos und die Deutschen lieben Wein, Oliven und Anthony Quinn. Für sie ist das Griechenland. Kein Wunder, dass sich die Eltern von Apostolos Tsalastras in Deutschland gewollt und gemocht fühlen. Sie werden heimisch. Bald schon arbeiten beide Eltern in der Fabrik und der kleine Apostolos bleibt derweil bei einer Tagesmutter und lernt Deutsch. Während im nahen Ruhrgebiet die ersten Zechen schließen, erschaffen sich die Tsalastras in Hilden ihr eigenes kleines Idyll aus Fleiß, Schweiß und Sparsamkeit, den deutschen Tugenden.
Seit der Griechenland-, die zur Eurokrise wurde, ist es in Deutschland mit der Sorbas-Seligkeit jedoch vorbei. Leicht werde man als Grieche hierzulande heute verdächtigt, ein Bilanzfälscher zu sein, sagt Tsalastras. Vor allem die „Bild“-Zeitung verbreite Ressentiments. Die Griechen, heißt es da, seien faul, korrupt, reformunwillig und undankbar, dabei hätten Deutschland und Europa doch so viel für sie getan.
Der Kämmerer schaut aus dem Fenster: lauter Laub im Wind. Die wenigsten Deutschen, sagt er, könnten heute nachvollziehen, was es heißt, als Gesellschaft vor dem Nichts zu stehen. Machtlos zu sein. Menschen ohne Heimat aber kennen das, Migranten, die alles Vertraute hinter sich ließen. Sie bauen sich eine Identität auf aus dem Unbekannten um sie herum und den paar Habseligkeiten, die sie dorthin mitnahmen. Sie leben ein Leben ohne Sicherheiten, und sie wissen, auch das ist nicht das Ende.
Über Jahrzehnte glaubten die Menschen im Ruhrgebiet, dass die Kohleindustrie ewig währt. Sie war das Herz der Region, ein Wohlstandsgarant, eine Heimat. Doch auch dieses Herz hörte irgendwann auf zu schlagen. Die Region aber lebt weiter, zur Not auch auf Pump, weil die Gewerbesteuereinnahmen zusammenbrechen und die Sozialausgaben explodieren. So überholte auf seinem Weg nach unten das einstmals reiche Ruhrgebiet den traditionell armen Osten und wurde zur „Problemzone Nummer eins in Deutschland“, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem aktuellen Armutsatlas feststellt. Hier wie dort ist Politik Trauerarbeit, hier wie dort gedeiht der Minderwertigkeitskomplex, nicht dazuzugehören zur Wirtschaftsweltmacht Deutschland, fühlen sich viele Menschen abgestempelt, allein gelassen, sehnen sich nach Wohlstand und –
mehr noch – nach Anerkennung. Deshalb ist man stolz auf das wenige, was man hat. Übrigens – Apostolos Tsalastras strahlt plötzlich wie ein Frühlingsmorgen – das mit der ärmsten Stadt Deutschlands, das war einmal. Mittlerweile hätten Kaiserslautern und Ludwigshafen sich derart erfolgreich verschuldet, dass sie an „uns“ vorbeigezogen seien – diesen Triumph lassen sich die Oberhausener nicht nehmen.
Auch nicht vom Nachbarn, auch nicht von Essen. Vor einiger Zeit forderte der dortige Kämmerer, Oberhausen aufzulösen und an die Nachbarstädte zu verteilen. Alleine sei die Stadt schlicht nicht mehr lebensfähig. Jetzt lacht Tsalastras – und zwar laut. „Essen ist doch genauso klamm wie wir. Da würden wir lieber mit Düsseldorf fusioniert, die haben wenigstens Geld.“ Doch dagegen hätte Düsseldorf sicher etwas. Schade eigentlich.
Schade auch, dass sich die Ruhrgebietskommunen gegenseitig oft das Schlechteste wünschen – dabei teilen sie dasselbe Schuldenschicksal. Schade, dass Solidarität im Bund nur eine Richtung kennt: gen Osten. Schade, dass man der Welt während der Ruhr 2010 nur das renovierte Ruhrgebiet gezeigt hat mit Industriedenkmälern und Museen, und nicht die vielen Brachen, den Verfall, die Armut. Auch die gehört zur Wahrheit. Und sich vor der Wahrheit nicht zu fürchten, das hat Apostolos Tsalastras in Oberhausen gelernt.
Die Oberhausener wissen, es steht nicht gut um ihre Stadt. Hier wird nicht im Verborgenen gespart, hier kommt eine Bibliotheks- oder Schwimmbadschließung nicht als unabwendbares Fatum über die Menschen. Hier hat das Sparen ein Gesicht und eine Stimme, die Stimme von Apostolos Tsa?lastras. Der Stadtkämmerer sagt, man muss den Menschen erklären, warum man spart, immer wieder, überall, nur so entsteht mit der Zeit ein Bewusstsein für das gemeinsame Schicksal. Erst dann rücken Menschen zusammen. Erst wenn sie wissen, warum, nehmen sie Opfer in Kauf und kämpfen. Dann ist vieles möglich, was mal unmöglich schien. „Wir haben zwar kein Geld“, sagt Apostolos Tsalastras, „dafür bieten wir Investoren etwas anderes: niedrige bürokratische Hürden.“ Welche andere Stadt wirbt selbstbewusst damit, dass bei ihr (fast) alles geht, solange es nichts kostet? Welche will das eigentlich noch?
Ja, es ist möglich: Man kann lernen, beim Sparen zu lächeln. Alexis Sorbas sagt, Grieche sein heißt, „das Leben zu lieben und den Tod nicht zu fürchten“. Es ist sein Motto. Glücklicherweise gibt es sein Griechenland nicht mehr. Es war rückständig und ungerecht und wer den Film aus den Sechzigern heute sieht, kann kaum glauben, wie sich das je hat ändern können. Nicht einmal der glückliche Alexis ist in der Lage, an die Zukunft zu glauben. Auch für ihn ist das Leben per se zum Verzweifeln. Doch was macht er? Er tanzt.
Apostolos Tsalastras erhebt sich, er hat keine Zeit für Sirtaki. Schade eigentlich. Der Kämmerer ist gefragt, jetzt da es Griechenland schlecht geht und Europa und Oberhausen sowieso. Obwohl es zum Verzweifeln ist, strahlt er, als wolle er sagen: Heute ist ein guter Tag zum Sparen. Das ist seine Botschaft, sie will er unter die Leute bringen, selbst wenn er unterwegs ist, wenn er wieder ein Schwimmbad schließt oder sich fotografieren lässt. Dann klingelt in seinem Büro unentwegt das Telefon, aber nicht Apostolos Tsalastras geht ran, sondern seine Sekretärin, und während sie jeden, der etwas von Oberhausens Griechen will, ins Nirgendwo verbindet, singen die Missfits in Endlosschleife die große Hymne der Stadt: „Wennze mich fragst, wat soll ich noch hier/ dann komm doch ma gucken, dann zeig ich et dir/ kommse auffen Gasometer im Sturmesbrausen/ und alles, watte wills, is: Oberhausen.“





