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Umfrage unter Katholiken

Der Sinus-Infekt

Aus: Christ & Welt Ausgabe 06/2013

Kein Lob, nirgends: Warum die bischöflichen Auftraggeber verschnupft sind

Foto: Jörg Koch/ddp

Katholiken sind auch nur Menschen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Sinus-Instituts. Die Forscher sind bekannt dafür, die Gesellschaft in Milieus mit verhaltensauffälligen Namen zu unterteilen.

Derzeit gibt es zehn davon: Konservativ-Etablierte, Liberal-Intellektuelle, Performer, Expeditive, Hedonisten, Adaptiv-Pragmatische, Sozialökologische, bürgerliche Mitte, Traditionelle und Prekäre. Als Milieu bezeichnen die Soziologen Gruppen, die sich trotz Individualisierung in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Intensiv befragt wurden zehn Personen pro Milieu, sie sprachen nicht nur über Religion und Kirche, sondern auch über Ziele, Glück und Erfüllung.

Der Katholizismus ist in allen Milieus zu Hause: überdurchschnittlich häufig im konservativen Establishment, also der Oberschicht, und im traditionellen Milieu der unteren Mittelschicht. Durchschnittlich vertreten ist er in der bürgerlichen Mitte, weniger häufig in Expeditiven-Haushalten, aber auch dort sind immerhin noch 30 von 100 Kreativen katholisch.

Verantwortet wird die Studie zwar von der kircheneigenen Unternehmensberatung MDG; der deutsche Episkopat reagiert aber verschnupft auf den Sinus-Infekt. Eine Präsentation mit großem Bischofsbahnhof gab es am vergangenen Donnerstag nicht, das gut 400 Seiten starke Stück wurde auf einer Tagung in Münchens Katholischer Akademie vorgestellt. Das Unwohlsein in der Führungsebene ist angesichts der Befunde und Befindlichkeiten verständlich: Sinus hat festgestellt, was die meisten ohnehin ahnen: Katholiken leben überall, aber sie sind nirgends voll des Lobes für Bischöfe und Papst.

„Anders als zum Zeitpunkt der Vorgängerstudie im Jahr 2005 ist die katholische Kirche heute in einer doppelt prekären Lage“, bilanzieren die Autoren: „Von den Befragten werden die folgenden Probleme immer wieder genannt: Die Glaubwürdigkeit der Institution hat unter der Aufdeckung und dem Umgang mit Missbrauchsfällen durch katholische Geistliche und Mitarbeiter massiv gelitten – gerade auch unter den treuesten Anhängern.“ Zudem verärgere die Zusammenlegung der Gemeinden zu großen Seelsorgebereichen die besonders Engagierten.

Katholizismus sei kein Gemischtwarenladen, schrieb der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp vor zwei Wochen in Christ&Welt. Tatsächlich aber bedienen sich diejenigen, die von der Kirche noch nicht völlig bedient sind, frei aus dem Angebot. Was als sinnvolle Lebenshilfe empfunden wird, kommt in den Warenkorb; Auferstehung und Jungfrauengeburt bleiben als Ladenhüter im Regal.

In fast allen Milieus gibt es Vorstellungen davon, was die Kirche leisten soll: Konservative schätzen die Institution als Hüterin der Werte, zugleich mahnen sie eine sanfte Modernisierung an. Performer dagegen loben an der Kirche gerade das Beständige in einer Welt des Wandels, Hedonisten wie Expeditive lassen sich von prächtiger Liturgie ansprechen, das traditionelle Milieu wünscht sich vor allem eine flächendeckende Grundversorgung mit Gottesdiensten und Gemeindearbeit.

Wandlungsfähig gegen beharrlich, prächtig gegen pragmatisch, Immaterielles gegen Infrastruktur: Der Gemischtwarenladen ist sehr gemischt. Die katholischen Kunden erwarten ein großes Sortiment und durchgehende Öffnungszeiten. Sobald die Kirche Gehorsam erwartet, ist das für sie geschäftsschädigend. Hierarchie darf sein, aber der kritische Religionsverbraucher will sich nicht gegängelt fühlen.

Dass Mutter Kirche weiser entscheidet als der Einzelne, gehört eigentlich zu den allgemeinen Geschäftsbedingungen. Denen stimmt aber nicht einmal mehr die Stammkundschaft zu. Im Konfliktfall zählt das eigene Gewissen mehr als die reine Lehre. Frauenordination, Laienbeteiligung, Aufhebung des Zölibats interessierten einst eher die linke Klientel, heute stehen diese Anliegen auf dem Wunschzettel verschiedener Milieus.

Das bischöfliche „Ham wer nicht, kriegen wir auch nicht rein“ löst mittlerweile eher Kopfschütteln als Kampfeswillen aus. Reformhausstimmung haben die Sinus-Forscher kaum gemessen, dafür viel Resignation. Vor allem die „Prekären“, die Mühseligen und Beladenen, geben Enttäuschung zu Protokoll: „Wenn du montags stirbst, hast du geschissen, weil du keinen Priester kriegst. Weil der hat seinen sogenannten freien Tag“, lautet eine der Antworten.

Am Angebot rund um den Tod sollte die Kirche ohnehin nicht sparen. Die Aussicht auf eine kirchliche Beerdigung ist das zentrale Argument der Kundenbindung. Die Angst davor, ungetröstet von dieser Welt zu gehen, lässt viele vor einem Austritt zurückschrecken. Angesichts der demografischen Entwicklung hat der Tod Zukunft. Für die Kirche reicht das erst einmal zum Überleben.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Katholisch, Medien