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Parlamentarismus

Der Putin in uns

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

Wie sich unsere Demokratie selbst abschafft.

Jetzt will er also wieder Präsident werden, der Putin. Und der jetzige Präsident, für den der Putin als Regierungschef einige Zeit den Wasserträger gab, wissend, dass der ohne ihn schnell auf dem Trockenen gesessen hätte, sagt dazu Ja und Amen und gesteht gar, dass das Ganze, Wahlen hin oder her, vor Jahren im Hinterzimmer ausgeknobelt wurde, und wird dafür vom Publikum, denn „lupenreine Demokraten“ können ohne Volk, aber nicht ohne Publikum leben, auch noch mit Synchronklatschen gefeiert wie sonst nur Florian Silbereisen beim Hüttenabend in der ARD. Das alles überrascht uns nicht. Wir, das sind die durchschnittsdeutschen Wechselwähler, die zwar mit einer Politikverdrossenheit im Anfangsstadium, aber auch einem typisch deutschen Gefühl für Pflichterfüllung zur Urne gehen – noch! Nicht, dass man glaubt, eine Wahl zu haben. Wenn’s drauf ankommt, sei es bei Euro- oder Bankenrettung, sind die Entscheidungen der Regierenden, glaubt man den Regierenden, so alternativ- wie das Parlament machtlos. Da passiert erst mal nichts, dann wird im Hinterzimmer panisch etwas ausgeklüngelt, das wird in einem Interview mit irgendeiner Qualitätszeitung verkündet, worauf sich alle anderen, die auch im Hinterzimmer dabei waren, in anderen Qualitätszeitungen zu Wort melden und beteuern, dass es wirklich, wirklich keine Alternative gab und wie schade das sei, denn man sei ja Politiker und wolle eigentlich regieren, statt reagieren, aber unter den Umständen: C’est la vie! Wurde das so oft gesagt, bis es der letzte „Bild“-Leser mitsprechen kann, lässt sich Angela Merkel in einer Privataudienz bei Günther Jauch befragen, wie sie sich gefühlt habe im Hinterzimmer mit den ganzen Männern. Dabei sagt ihr Gesicht, wie ernst die Lage ist. Und das von Jauch auch: Beide schauen wie Wum und Wendelin in die Welt, melancholisch, hilflos, mit einem Hauch von Suizidgefahr.

Danach können die im Parlament auch nicht mehr anders, sie müssen einfach zustimmen, allein schon aus Mitleid. Außerdem: Das Volk will es und wenn nicht das Volk, dann das Schicksal oder Europa, was im Grunde dasselbe ist, oder? Erdreistet sich vorher aber einer, anderer Meinung zu sein, irgend so ein ums Überleben polemisierender Jungliberalenchef, bekommt er von einem Hinterzimmerherrn derart den Mund mit rhetorischer Seife gewaschen, dass danach der Rüffel von Merkel fast wie ein Sympathiebeweis einer strengen, aber liebenden Mutter wirkt. Wo soll er auch hin, der Jungliberale? Soll er sich eine neue Familie suchen? Wo denn? Mit den Grünen und den Roten will er nicht und die nicht mit ihm. Die Roten wollen nicht mit den Schwarzen und auch nicht mit den Ganzroten und den Grünen. Die Grünen könnten vielleicht mit den Schwarzen, aber nicht mit den Gelben, und die gibt’s geschenkt dazu. Blieben Neuwahlen: Geht aber nicht, weil man verbummelt hat, das Wahlrecht zu reformieren. Das verstößt mit seinen Überhangmandaten gegen die Verfassung, sagt das Verfassungsgericht. Also bleibt alles, wie es ist: C’est la vie!

Wie schön, dass es da den Putin gibt. Über diesen „lupenreinen Demokraten“, der – was alle Roten gerne vergessen würden – mit Gerhard Schröder, dem „lupenreinen“ Wahlsieger der Berliner Runde von 2005, bereits die ein oder andere Cohiba quarzte, kann man sich richtig aufregen: Wie der das Parlament entmachtet hat und die Medien, wie er die Demokratie von innen aushöhlt, wie er Stimmungen erzeugt und damit regiert und nebenbei halb nackt durch einen sibirischen Fluss reitet, als wäre er Conan, der Barbar – eklig! Und stimmt’s nicht? Doch, stimmt! Da erfreut man sich einen Moment seiner Demokraten. Von denen reitet keiner halb nackt durch einen Fluss, nicht mal der Seehofer. Und dann ist man wieder traurig, weil einem einfällt: Es ist ja alles ganz schön, aber irgendwie ist der Wurm drin in der Demokratie. Und dann erschrickt man, weil man denkt: Vielleicht würde ja alles besser laufen, wenn es da einen gäbe, der sagt: Hier ist das Pferd, da ist der Horizont, alle Klappe halten und mir nach! Gab’s das nicht schon mal? Gab es! Am Anfang sah es auch aus wie Demokratie. Dasselbe war es nie.

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Judentum, Innenpolitik