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Märtyrer

Der Punk gab den Anstoß

Aus: Christ & Welt Ausgabe 20/2011

Eine Eremitin berichtet, was sie von den „vier Aufrichtigen“ gelernt hat.

Der Typ sah phänomenal aus. Lang, hager, zerrissene Jeans und einen Iro in Regenbogenfarben. Vor allem die Punkfrisur, der Irokesenschnitt, zog die Blicke der Menschen auf sich, die in der Großen Straße, der Fußgängerzone in Osnabrück, flanierten. Aschermittwoch 1987 oder 88, wie viele kam ich aus der heiligen Messe. Der Hohe Dom unserer Bischofsstadt liegt am Ende dieser Einkaufsmeile, und der Priester hatte mit der Asche nicht gespart. Durch das Weihwasser besonders haftfähig, prangte auf den Stirnen der Gottesdienstbesucher ein dickes, gut sichtbares schwarzes Kreuz. Peinlich! Schon wenige Meter vom Domportal weg spürte ich die Blicke von Passanten. Mitten in der inneren Diskussion – schnell abwischen wie die meisten oder Kopf hoch und die frechen Blicke noch frecher erwidern – sah ich den Punk. Total gelassen ging er vor mir her, ohne sich um die ablehnenden Blicke zu kümmern.

Beneidenswert! In dem Moment fiel mir das Buch ein, das ich irgendwo antiquarisch gekauft hatte. Es hieß „Der Lübecker Christenprozess 1943“ und handelte von drei katholischen Priestern und einem evangelischen Pfarrer, die von den Nazis umgebracht worden waren. Und die in meiner Erinnerung mit großer Gelassenheit zum Schafott gegangen waren.

1986 war ich katholisch geworden, ich suchte aber noch nach „meiner“ katholischen Identität. Nicht wenige Freunde hatten gelästert: Katholische Kirche? Da geht man raus, aber nicht rein! Das Buch hatte mich stark beschäftigt; die dort beschriebenen Priester Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange und der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink signalisierten eine unbestimmte, nicht klar erkennbare Hilfe.

Ich habe damals am Nachmittag einige Briefe gelesen, vor allem die von Prassek und Lange. Beide kommen mir bis heute von ihrem Charakter, ihrem Naturell entgegen. Und je mehr ich damals die Texte las und darüber nachdachte, umso stärker empfand ich eine Art Botschaft. Prassek war ein sehr offener Mensch, spontan, außerordentlich hilfsbereit, mit der Fähigkeit beschenkt, impulsiv die Schöpfung und alles Gute zu genießen. In seiner Ausgelassenheit machte er oft kleine Streiche und brachte alles zum Lachen. Sympathisch! Und er hatte eine Ausstrahlung, die vor allem junge Menschen anzog. „Er war einer, der Antworten geben konnte“, so ein Mitglied aus der Lübecker Gemeinde von damals. Antworten, die Leben ermöglichten und die Menschen frei ließen. In Prassek spürte ich einen Priester, der bereit war, immer zu geben, was er an Hoffnung und Freude hatte, ohne die Menschen an seine Person zu binden, ohne sie zu vereinnahmen.

In seinen Briefen standen Worte, die ein deutliches Ja in mir als Echo fanden. Am 11. November 1942 schrieb er: „Wenn wir es nur immer erst wagen; nur dieses erste Quäntchen von Vertrauen Gott entgegenbrächten, dann würde es bald klar. Denn darin besteht ja eigentlich das Vertrauen, dass wir ohne Sicherheit aus Eigenem uns nur auf die Autorität des anderen verlassen, und erst recht, wenn das Eigene alles anders sagt.“

Zwischen den von Angst und Unsicherheit getränkten Zellenwänden wartete auf Prassek und seine drei Mithäftlinge eine harte Schule des Glaubens. Hermann Lange, der mir mit seiner unbedingten, aber eher stillen, unauffälligen Leidenschaft, den Menschen zu Erkenntnis und Glauben zu helfen, sehr vertraut schien, beschrieb diese Schule in einem Brief an seine Eltern: „Und das eine kann ich Euch sagen: Hier in dem Alleinsein, in der Einsamkeit der Zelle mache ich die größten Exerzitien, die ich je in meinem Leben gemacht habe! Da lernt man das Leben so einschätzen, wie und was es wirklich ist, da lernt man auf alle äußere Ehre und dergleichen gern Verzicht zu leisten und rückt wirklich in eine Gottesnähe, die stark macht und zu Letztem bereit. Mag kommen, was da will, ich bin bereit zu allem.“

Vielleicht war das eines der Puzzlesteinchen, die meinen Weg im Hintergrund schon früh mitbestimmten? Märtyrer sein heißt Zeuge sein. Die vier Lübecker Märtyrer haben Zeugnis gegeben und es mit ihrem Blut besiegelt. Sie waren Zeugen sicher auch durch ihre Predigten, durch die Verkündigung. Aber viel mehr durch ihre Art, mit den Menschen umzugehen, im alltäglichen, im ganz normalen Leben. Sie wussten sich in der Liebe Christi geborgen und konnten so auch in bitterer ungerechter Haft standhalten. Sie sind für mich ein Vorbild in der alltäglichen Routine, dort Christus als den Herrn meines Lebens zu bekennen und zu bezeugen. Gegen Widerstände, bei Spott und Hohn, wenn alles Nein sagt zum Glauben und zum Vertrauen auf Gott.

Einen Punk mit seinem Iro brauche ich darum nicht um seine Gelassenheit zu beneiden, sondern darf mit erhobenem Kopf der Welt von meiner Hoffnung erzählen.

Maria Anna Leenen, Jahrgang 1956, lebt seit 18 Jahren als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück. Sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin.

Erschienen in:
Ausgabe 20/2011
Redakteur:
Anna Maria Leenen (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Spiritualität, Kirchen, Tod