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Evangelische Akademien

Der Protestantismus gibt den Geist auf

Aus: Christ & Welt Ausgabe 18/2013

Sie waren jahrzehntelang die Denkfabriken der Republik. Heute sind sie als Ideengeber für Politik und Kultur unwichtig. Lockt Loccum noch?

Foto: F1 Online

Wolfgang Hubers Vorlesung über Ethik läuft bestens. Der protestantische Theologe, der zweimal schon als Bundespräsident gehandelt wurde, hat sich international einen Namen gemacht, wenn es um Wirtschaft, Politik und Moral geht. Immer noch ist der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland bekannter als die meisten, die heute in der Führung des deutschen Protestantismus sitzen.

Mit seiner Ethik-Vorlesung ist er an eine privatwirtschaftliche Akademie gegangen. Huber hält die Vorlesung in ihrem Hörsaal, auf DVD und im Internet. Wäre er auf den Gedanken gekommen, in eine evangelische Akademie zu gehen? Einst waren sie die Denkschmieden der Republik, schrieben Gesellschaftsgeschichte und boten die Foren für Egon Bahr und Heinrich Böll.

Wäre eine der 18 Akademien auf den Gedanken gekommen, Wolfgang Huber ins Programm zu nehmen? Sie wollten schon, doch Hubers Honorar hätte ihr Budget gesprengt, sagt eine Studienleiterin. Dass Startheologen weniger in den hauseigenen Bildungseinrichtungen auftreten, hat auch mit dem Stallgeruch zu tun, den Akademien verströmen. Eliten finden sich woanders. „Evangelische Akademie, das klingt beim Publikum wie Fünfzigerjahre“, sagt ein Kuratoriumsmitglied, das, wie viele unserer Gesprächspartner, ungenannt bleiben will.

Viele Referenten kommen dennoch gern. Das Honorar ist mäßig, aber das Publikum hört freundlich zu. Die meisten dieser einstigen Umschlagplätze des gesellschaftlichen Denkens stecken in der Krise. 65 Jahre nach ihrer Gründung sind sie von der Mitte an den Rand der Gesellschaft gewandert. Namen wie Arnoldshain, Hofgeismar oder Loccum strahlen kein intellektuelles Flair mehr aus. Nur Bad Boll und Tutzing sind im öffentlichen Bewusstsein noch als Trutz- und Trotzburgen protestantischen Denkens verankert. Im Dilemma der Akademien spiegeln sich die Krise der Religion, die Marginalisierung der Kirchen und die Pluralisierung der Gesellschaft – die Polit-Unterhaltung einer politischen Haltung vorzieht. Das klassische evangelische Bildungsmilieu ist weggebrochen. Entwicklungspolitik und weltweite Gerechtigkeit werden auf anderen Podien verhandelt.

Die Akademien müssen sich der Konkurrenz aussetzen. Und wer nimmt sich noch Zeit, drei Tage lang für Vorträge und Diskussionen über Albert Schweitzer und die Mystik bei Tee und Plätzchen aufs Land zu reisen? „Es ist sehr schwer geworden, Themen zu finden und Teilnehmer, die sich auf intellektuell herausfordernde Debatten einlassen“, sagt das Kuratoriumsmitglied einer Akademie im Norden. Vielleicht liegt es daran, dass der Besucher den Eindruck gewinnt, für die Brot-und-Butter-Tagungen würden sich vor allem Pfarrer im Ruhestand begeistern, die sich gerne reden hören.

Die interne Vergleichsgröße im Blick auf das Alter, so heißt es, ist das als „Kukidentkanal“ verschriene ZDF mit einem Zuschauer-Altersschnitt von 61 Jahren. Intendant Thomas Bellut will sich in den nächsten drei Jahren anstrengen, ihn um ein Jahr zu verjüngen. Generell erinnern die evangelischen Akademien an die öffentlich-rechtlichen Sender. Die haben einen Bildungsauftrag, kassieren dafür Gebühren, beklagen den Kulturverfall und machen den Privaten in den Unterhaltungsformaten alles nach.

Schlösse der Protestantismus seine Akademien, gäbe er seinen Geist auf. In Hamburg hat er es 2003 getan und musste die Akademie 2007 neu ins Leben rufen. Bad Boll, wo 1945 die evangelische Akademiebewegung ihren Anfang nahm, wirkt wie das letzte intellektuelle Bollwerk gegen eine schwindende Diskurskultur. Doch lässt sich mit Wagenburgmentalität gegen den „Schuh des Manitu“ überdauern? Welcher Akademiedirektor wird von Feuilletons als Autor oder Gesprächspartner angefragt?

Am Konzept liegt es nicht. Es schrieb Erfolgsgeschichte und fand Nachahmer in den USA und in Japan. Und im eigenen Land. Schloss Neuhardenberg und Schloss Elmau funktionieren nach dem evangelischen Konzept. Auch die katholischen Akademien wurden nach ihrem Vorbild konzipiert, sie haben jedoch nie deren gesellschaftliche Bedeutung erreicht.

Neue Akademien entstehen immer noch, doch nur dort, wo Renommee großer Firmen und Marken ihren Start erleichtern. Im Gegenzug erwarten Konzerne, dass der bildungsschicke Glanz auf das Unternehmen zurückstrahlt. Diese Akademien bestechen mit Internetpräsenz und Engagement in den sozialen Netzen. Evangelische Akademien tun sich damit eher schwer. Einige Häuser haben nicht einmal eine Pressestelle.

Manche Akademien leiden darunter, dass die Arbeitsbedingungen in den Kirchen es nicht gerade erleichtern, sie neu aufzustellen. Bei der grassierenden Landflucht allerorten – wie soll da junges Personal dazu bewegt werden, an einen entlegenen Ort zu ziehen? Heftig haben die Akademiechefs jedenfalls schon debattiert, ob die Akademie der Zukunft im Netz stattfindet oder gar in einer aufgeplusterten Talkshowkultur – und sich gegen beides entschieden.

Lange gehörten Journalisten zum Stammpublikum. Das hat sich geändert. Von einer prominenten Frankfurter Redakteurin ist der Satz überliefert, sie fahre nur noch in die Tutzinger Akademie, weil das Haus so herrlich am See liege. Eine Tagungsleiterin in Bad Boll sagt: „Hier im Haus laufen Wetten, ob es jemand schafft, mit einem Tagungsbericht in die Zeitung zu kommen. Das ist in den letzten Jahren immer weniger gelungen.“

Es war ein sanfter Abschied. Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, stellt verwundert fest: „In den Achtzigerjahren waren evangelische Akademien eine prägende Größe in der Kulturlandschaft. Das hat sich verloren; das finde ich sehr bedauerlich.“

Wie kommt das? Die Akademien haben selbst eine Antwort darauf gefunden. Ein Positionspapier des Verbandes der Evangelischen Akademien, kurz EAD, aus dem vergangenen Herbst setzt sich mit der veränderten Diskurskultur in Deutschland auseinander: „Das Engagement kirchentreuer Menschen entpolitisiert sich. Lauerte ehedem die Gefahr einer politischen Überfrachtung christlicher Themen, droht inzwischen die Gefahr übertriebener Verinnerlichung.“

Dass aus Thinktanks nun Feeltanks werden, dass in den Akademien statt geistiger Sinnfindung bald mehr sinnliche Selbstfindung gefragt sein soll, ist ein Klischee. Wenn Akademien sich thematisch auf die neue Empfindsamkeit einließen, lieferten sie sich dem Spott aus. In der Satirevariante hüpft schon mal eine „Gerlinde Maier-Stückle“ im Batikhemd mit Hermann Hesse auf den Lippen samt ihrer munteren Selbsterfahrungsgruppe bei Mondschein um den Akademiebrunnen. Ob der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch immer noch seine Parodie aufführen könnte, ohne nachzubessern, ist fraglich. Seine Persiflage mit der Akademie Sankt Bitter in den Feldern und ihre Tagung über Verwirrung in Händen und Füßen versteht heute wohl niemand mehr so richtig. (Probieren Sie es aus: Seite 4.)

Die große Zeit der Akademien ist vorbei: In Tutzing gewann der Botho-Lucas-Chor mit „Danke für diesen guten Morgen“ einen Wettbewerb für neue Musik in der Kirche. In Arnoldshain im Taunus konzipierten Minister und Kritiker die Afrikapolitik von Bundesregierungen. Und sie legten den Grundstein zur 1973 beschlossenen Kircheneinheit der Protestanten in Europa. Jetzt kämpft das Haus um Gäste. Bad Boll schafft es immerhin, schwarze Zahlen zu schreiben.

Jede Akademie sucht ihren eigenen Ausweg. Aber alle zusammen sind das Problem. Bad Boll etwa gilt, wie eine Mitarbeiterin sagt, immer noch „als ganz roter Laden. Wahrscheinlich hat man uns nie verziehen, dass hier eine Tagung mit Rudi Dutschke und Ernst Bloch stattfand.“ Noch im Mai 2011 sorgte das Haus für Proteste bis hin zur „Jerusalem Post“, weil es Basem Naim einlud, einen Fatah-Funktionär, der im Gazastreifen als Gesundheitsminister agierte.

Auf die alten Gegner kann sich die schwäbische Akademie verlassen: Im Parlament der württembergischen Landeskirche, der Synode, bilden die Pietisten die stärkste Fraktion. Die geistige Nähe der Akademie zur linken Synodalgruppe „Offene Kirche“ ist den Konservativen ein Dorn im Auge. In den letzten Jahren, sagen Mitarbeiter, „hat hier ein Stellenabbau stattgefunden, der unter einer Landeskirche so nicht abgelaufen wäre, die stolz auf ihre Akademie ist. Tutzing und Loccum haben mehr Rückhalt.“

Die Evangelische Akademie im Rheinland hat einen Absturz hinter sich. Hat sie sich gesundgeschrumpft? Die rheinische Landeskirche musste sich vor zehn Jahren darauf einrichten, langfristig die Hälfte ihrer Finanzkraft zu verlieren. Das Haus der Akademie in Mülheim an der Ruhr, eine Industriellenvilla mit Park, war zu unwirtschaftlich. Am neuen Standort Bonn sank die Zahl der Studienleiter von sieben auf vier, das Budget wurde halbiert.

Doch unter dem neuen Leiter Frank Vogelsang hat sie den Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft als Schwerpunkt etabliert. „Wir verstehen uns als Impulsgeber und wollen eine in der Moderne sprachfähige Kirche zeigen, auch in bioethischen Fragen“, sagt Vogelsang. Das Interesse an Tagungen sei bei Themen, die nur die öffentliche Debatte spiegeln, „eher verhalten“. Richtig voll wird es demnächst, wenn sich Fachleute über die Stadt der Zukunft austauschen. „Da kommen auch Leute, die von der Kirche weit weg sind.“

Der neue Schwerpunkt ist von der Kirche gewollt. Und kostet Geld. Die größere Hälfte des Akademiehaushalts kommt aus der Kirche. Ist die rheinische Akademie ein Vorbild? Vogelsang verweist auf die unterschiedlichen Bedingungen in Stadt und Land. Dann sagt er: „Jede Akademie ist ein Einzelfall.“

Zahlen allein spiegeln den Bedeutungsverlust kaum wider. Immer noch gehören Akademien zu den größten Akteuren in der Zivilgesellschaft. So steht es auf ihrer gemeinsamen Homepage: 100000 Besucher im Jahr, 2000 Veranstaltungen. Das ist die Größenordnung des Evangelischen Kirchentags. Nach Bad Boll kommen im Jahr allein 9000 Besucher, das alles schafft kaum ein Konkurrent. Aber der Kirchentag hat sich verändert, die Akademien nicht.

In der Ära der Patchwork-Religionen löst thematische Breite die diskursive Tiefe ab. Das hat der Akademieverband selbstkritisch angemerkt: „Die Veranstaltungen werden prominent besetzt mit möglichst vielen Redner/innen oder Beteiligten. Eine Kommunikation der Teilnehmenden oder mit den Teilnehmenden ist oft nicht beabsichtigt und wird durch die Zahl und Dichte der Frontalkommunikation zielgerichtet verhindert. Der inhaltliche Gewinn solcher Veranstaltungen geht gegen null.“

Inszenierte Diskurse, wie sie in politischen Talkrunden Alltag sind, treiben die Akademien vor sich her. Ihre Stärke liegt in ihrer Tradition. Bad Boll bietet seit seiner Gründung Tagungen für Berufsgruppen an, die zu den ethischen Verantwortungsträgern der Gesellschaft zählen: Ärzte, Juristen, Unternehmer. Andere streifen mit Veranstaltungen für Feuerwehr und Polizei die Grenzen der Fortbildung. Undenkbar ist aber, dass eine Tagung wie in den Gründerjahren zwei Wochen dauert. Die Arbeit lässt das nicht mehr zu. Die Zeit für die Weiterbildung konkurriert mit der Akademie. Und die evangelische Honoratioren-Elite stirbt aus. Das Fachmenschentum tritt an seine Stelle.

Bildungsarbeit mit jungen Migranten, Friedensforschung, Umwelt- und Globalisierungsthemen, Dialog der Religionen, das haben auch Stiftungen im Angebot. Bisweilen erleichtert das den Akademie- Alltag: So arbeitet Bad Boll mit der Robert-Bosch-Stiftung zusammen. Die Akademie bietet den Tagungsraum, der Stuttgarter Elektrokonzern hilft bei der Finanzierung. Dadurch können prominentere Namen gewonnen werden. Ohne Promis läuft gar nichts: „Wenn du eine Tagung zum Stand der Frauenbewegung anbietest, musst du mindestens Alice Schwarzer auffahren“, sagt eine Studienleiterin. Erhard Eppler zum Beispiel, der grüne Pionier in der SPD, zieht mit 86 Jahren immer noch Menschen in Scharen an. Ist sein Auftritt mehr als eine romantische Reminiszenz an die schlechte alte Zeit mit atomarer Hochrüstung, Kernenergie, Frauenunterdrückung und Klassenkämpfen?

Das Positionspapier des Akademieverbandes analysiert den Strukturwandel geistesgegenwärtig. Die Theorien jedoch, mit denen es dem Phänomen zu Leibe rückt, stammen aus den soziologischen Garküchen der 1970er- und 80er-Jahre: Jürgen Habermas und Michel Foucault verstanden den Diskurs als ein Gestaltungsmittel von Gesellschaft, durch das man das Interesse der politischen Macht benennt und bearbeitet. Heute klingt das ein wenig so, als ritte Don Quichotte mit hölzerner Lanze gegen Windmühlen an, die inzwischen 130 Meter über dem Boden Ökostrom erzeugen.

Auf den Vorwurf der Agonie haben die Akademien mit Aktionismus reagiert. Reformeifer lernten sie auf Kirchentagen. Dort wurde nach neuen Veranstaltungsformen gesucht – mit mehr Erfolg. Auch kirchenferne, orientierungssuchende Menschen kamen. Das brachte den Kirchentagen den Vorwurf der Beliebigkeit ein. Doch mit Event-Rezepten kann man die Akademien genauso wenig retten, als wenn man sie zu Pilgerstätten für Einkehr und Besinnung umfunktionieren würde. Eine neue Beseeltheit würde zwar Einzug halten. Der gebildete Geist aber, auf den sich der evangelische Glaube beruft, würde das Weite suchen.

Dabei hat der Protestantismus als Bildungsbewegung stets für sich reklamiert, die Gesellschaft im Diskurs zu schulen. Dieser Impetus hat die evangelischen Akademien begründet. Mit dem Verlust ihrer Deutungshoheit schwindet ihre Bedeutung. Die evangelische Kirche verliert damit mehr als nur eine kostspielige Institution. Geistiges kann sie sonst kaum mit Geistlichem versöhnen.

Lange waren die Akademien eine Kaderschmiede für profilierte Köpfe des Protestantismus. Margot Käßmann war Studienleiterin, ebenso wie Ellen Ueberschär, die Generalsekretärin des Kirchentages. Personalwahlausschüsse sahen sich gern die Liste der Akademiemitarbeiter an. Protestantische Christen lernten das Denken großer Theologen wie Karl Barth und Paul Tillich auf Akademien kennen – und lasen eine Woche danach den Tagungsbericht in „Christ und Welt“ oder der „Frankfurter Allgemeinen“.

Vielleicht erinnert sich Wolfgang Huber daran, wie er in jungen, rebellischen Jahren 1973 als stellvertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg in einem Vortrag zum Thema Rassismus forderte, die Kirche habe nicht „politisch neutral zu sein“, sondern müsse „Partei für die Notleidenden ergreifen“. Der Ort dieses Paukenschlags war keine Business Law School in Hamburg, Berlin oder München. Das war in der evangelischen Akademie. In Hofgeismar.

Mittlerweile gehören die Akademien selbst zu den Notleidenden. Doch wer ergreift für sie Partei?

Erschienen in:
Ausgabe 18/2013
Redakteur:
Andreas Öhler und Wolfgang Thielmann
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Kultur, Innenpolitik, Lebensstil, Wirtschaft