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Cees Nooteboom

Der Literaturnomade

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

„Wer Abschied nimmt, ist immer im Vorteil. Der andere ist es, der zurückbleibt.“ Ist diese beiläufige Bemerkung aus Cees Nootebooms Roman „Allerseelen“ (1999) nicht eigentlich der Schlüsselsatz, der sein literarisches Werk erschließt?

Das Werk umspannt Reiseberichte und Romane, Novellen und Gedichte, aber auch journalistische  Beiträge, Essays und literarische Kritiken. Alles erzählt vom Unterwegssein, vom steten Aufbruch des Autors in eine Welt, deren einzige Stetigkeit in ihrem permanenten Wandel besteht. Wer schreibt, der bleibt nicht. Also stürzt sich der niederländische Weltautor auch noch mit 77 Jahren neugierig ins Menschengetümmel, sucht in der Begegnung mit Fremden die Gegenwart, findet in der Vergangenheit mögliche Gangarten der Zukunft.

Mehr bildungsbeflissener Reisender als flanierender Dandy, der nicht die eigene Verschmocktheit spazieren führt, ist er zuallererst am erschütterten Menschen interessiert. Wie geht der mit den gewaltigen Umbrüchen seiner Existenz um? Sich selbst als teilnehmenden Beobachter hat Nooteboom immer auch im Blick. In seiner Novelle „Die folgende Geschichte“ (1991) tritt die dankbare Demut deutlich zutage, von der sein Werk beseelt ist: „Du hattest mich etwas gelehrt über die Unermesslichkeit, dass die kleinste Zeiteinheit einen maßlosen Raum an Erinnerung bergen kann, und während ich so klein und zufällig bleiben durfte, wie ich war, hattest du mich gelehrt, wie groß ich war.“ Spricht hier ein Mensch zu Gott? Ist hier bei aller Weltverwurzeltheit nicht etwas von Cees Nootebooms verborgener spiritueller Sehnsucht zu entdecken? Ruft hier nicht einer, der von sich behauptet, vom Glauben abgefallen zu sein, die höhere Wahrheit an? Hat er nicht längst deren Echo in den Zeugnissen sakraler Baukunst, in den biblischen Gemälden von Rubens und den musikalischen Lobpreisungen von Bach gefunden?

„Manche Menschen“, so heißt es in „Allerseelen“, „stellen nie etwas infrage. Aber aus dieser Bestürzung entsteht alles.“ Wir Menschen reagieren meist in den Grenzen unserer Erfahrungen und unserer Bedürfnisse, Bestürzung kann Menschen zu neuen Sichtweisen führen. Die Mönche, die Nooteboom als Klosterschüler die weltlichen Weisheiten nahebrachten, lehrten ihn auch Hegel: „Man kann nur untersuchen, was man kennt.“ Diese hegelianische, von Nooteboom immer wieder eingeklagte Kenntnisnahme unserer Kultur ist sein geistiges Bekenntnis. Mit biblischen Vornamen reich gesegnet, wurde der Autor als Cornelis Johannes Jacobus Maria Nooteboom 1933 in Den Haag geboren.

Dem Katholizismus hat er schon lange den Rücken gekehrt. Und dennoch eröffnet er seinen Lesern den Blick für die uralte geistliche Berührung, die beim Besuch einer gotischen Kathedrale oder bei der Betrachtung eines Gemäldes von Tizian stattfinden kann. Nootebooms Kulturbegriff bereitet dem entlegenen Himmel den Boden. Hier auf Erden.

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Kultur