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Katholische Kirche

Der kurze Frühling der Anarchie

Aus: Christ & Welt Ausgabe 10/2013

Nachdem der Papst seinen Rücktritt angekündigt hat, wirken die deutschen Bischöfe wie befreit. Statt zu schweigen, sagen sie plötzlich, was sie wirklich denken. Und sogar das eine oder andere Reförmchen ist nun möglich. Impressionen von einem zarten Aufbruch

Foto: Martin Ruegner/Radius Images/ mauritius images

Wenn der Winter zu Ende geht und die Tage wärmer werden, drängt es die Menschen auf einmal ins Freie. Das Alte wird verabschiedet, das Neue begrüßt, und wer sich zu dünn anzieht dabei, kann sich nur allzu leicht verkühlen. Ähnlich frisch und frei, wenn auch nach außen weit weniger fröhlich, ist derzeit die Stimmung unter den deutschen Bischöfen. Die Rücktrittsankündigung von Benedikt XVI. hat nach dem ersten Schock vor allem befreiend auf sie gewirkt. Als sei ein Schatten von Deutschland gewichen.

Der katholische Frühling scheint ausgebrochen, die Bischöfe schlagen aus – zumindest ein klein wenig. Denn natürlich ist das weit weniger, als die interessierte, wenn auch kirchenferne Öffentlichkeit erwartet. Ginge es nach ihr, wäre der Zölibat abgeschafft, die Homosexualität als gottgefällig anerkannt und alle vakanten Bischofssitze mit kurzhaarigen Frauen aus dem Kirchenchor besetzt worden. Hat nicht ausgerechnet der deutsche Papst, der seine deutsche Kirche scharf beobachtete, zur „Entweltlichung“ mahnte und wie kaum ein Papst zuvor für Tradition und Kontinuität stand, mit seinem Rücktritt bewiesen, dass selbst im Vatikan mittlerweile nichts mehr unmöglich ist?

Der Theologe Rainer Kampling sprach kürzlich sogar von einer Stimmung in der Kirche wie nach dem Fall der Mauer. Die Äußerung wirft ein bezeichnendes Licht auf das spezifische deutsch-katholische Selbstverständnis. Immerhin war die DDR ein Unrechtsregime, das zu Recht unterging, weil seine Untertanen sich die Freiheit nahmen, davonzulaufen.

Natürlich ist die katholische Kirche kein Unrechtsregime, und Benedikt war auch kein Diktator. Davon abgesehen will wohl auch bei den radikal-liberalen Laien von „Wir sind Kirche“ keiner, dass der Katholizismus alle Grenzen öffnet und es zur Zwangswiedervereinigung der Reste mit dem siegreichen Protestantismus kommt. Der durchschnittliche deutsche katholische Laie wünscht sich einen kirchlichen „Wind of Change“ ohne anschließendes Systemversagen. Wenn schon ein Richtungswechsel möglich ist, so das Kalkül, dann doch jetzt, wo keiner mehr die Richtung vorgibt – richtig?

Falsch! Denn das System ist ja noch, anders als die DDR nach dem Mauerfall, intakt und wird einen neuen starken Mann gebären, und wer weiß, ob das dann ein Frommer, ein Freier oder ein Afrikaner ist, der die belohnt, die sich still verhielten, und die bestraft, die sich aufzumucken trauten. Nicht selten folgt auf den Abgang eines Alleinherrschers eine kurze Phase des politischen Frühlings, gefolgt von einem sehr langen Winter. Umso bemerkenswerter erscheint da die neue Lust der Bischöfe an der eigenen Meinung und mehr noch: am Reförmchen, mit dem man sich seine eigene kleine Kirche ein klein wenig glücklicher zu machen glaubt. Reformobjekt Nummer eins ist die Frau.


Die Entdeckung der Frau

Frauen gibt es, seit es Menschen gibt. Sie kommen in allen politischen Systemen und unter allen klimatischen Bedingungen vor. Den Menschen gibt es, da schwanken die Meinungen, etwa 200000 bis 400000 Jahre. Frauen existieren also mindestens 100-mal länger als das Christentum. Vielleicht war Jesus deshalb freundlich zu ihnen. Er hat sich mit ihren Tränen die Füße waschen lassen, er hat mit ihnen gegessen. Nur das letzte Abendmahl nahm er den amtlichen Überlieferungen zufolge ausschließlich mit Jüngern ein. Die katholische Kirche weiht daher nur Männer zu Priestern. Johannes Paul II. erklärte 1994, das sei endgültig entschieden. Bisher konnte der Heilige Vater seinen Bischofsbrüdern drohen: Solange ihr die Füße unter meinen Tisch stellt, will ich nichts von der Frauenordination hören.

Die deutschen Bischöfe hatten sich fest vorgenommen, sich daran zu halten, als sie vergangene Woche bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Trier zusammensaßen. Vor Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag und 200000 Jahre offenbar auch, also bekamen die Frauen einen eigenen Studientag. Bei Studien kann man von den verschiedenen Charismen erzählen, man kann sagen, dass Hildegard von Bingen weder Priesterin noch Diakonin war und trotzdem schon 800 Jahre nach ihrem Tod eine Karriere als Kirchenlehrerin machen durfte. Die weibliche Weihe war als Thema nicht vorgesehen.

Seit aber klar ist, dass Benedikt XVI. bald der Heilige Vater a.D. ist, feiert der Episkopat ein Frühlingsfest, diskretes Singen und Tischtanzen inklusive. „Wir haben doch gar nichts gegen Frauen, im Gegenteil: Wir hätten da was für sie“, tönte es überraschend aus Trier. Kurienkardinal Walter Kasper argumentierte nicht pragmatisch mit dem Priestermangel, sondern ließ der Damenwelt einen hohen theologischen Begründungsaufwand zuteil werden.

Kurz vor Schluss zückte der Kavalier den Blumenstrauß: Die Frauen sollen ihre Weihe bekommen. Nicht die Priesterweihe, das wäre die duftende Rose unter den Sakramenten, auch nicht die Diakoninnenweihe. Nein, die blühende Fantasie erschuf die Gemeindediakonin. Diese Weihe gleicht zwar genau besehen einer Prilblume, sie sieht künstlich aus, klebrig-verdruckst, aber irgendwie auch liebenswert wie so vieles aus den 1970ern. Damit hätte die fromme Frau jedenfalls etwas Eigenes.

Wird das zarte Pflänzchen namens Diakonia Wurzeln schlagen? Oder ist alles vorbei, wenn ein neuer Heiliger Vater auf den Tisch haut, das Blumengedöns wegwischt und darauf verweist, dass bei Jesu Tafelrunde weder Blüten noch Frauen dabei waren? Selbst wenn es nach ein paar Wochen wieder vorbei sein sollte: Von diesem Hauch pubertärer Verwegenheit werden die Herren lange sprechen. Sie haben sich getraut, im Endgültigen das Vorläufige zu entdecken. „Wir waren nicht mehr ganz jung damals in Trier“, werden sie sagen, „aber wir waren wild und frei.“ Ganz besonders entfesselt zeigte sich der gehorsamste von allen: Joachim Kardinal Meisner.


Der Gehorsam und sein Freund

Bob Dylan, der Theologe unter den Liederdichtern, schrieb einmal sinngemäß in seinem Song „Like a Rolling Stone“: Sag mir, wie es sich anfühlt, auf dich allein gestellt zu sein, ohne Richtung heimwärts, wie ein total Unbekannter. Benedikt hat den Felsen, auf dem Jesus seine Kirche baute, ins Rollen gebracht. Seitdem rollt sein deutscher Fels in der Brandung mit: Die Bischofskollegen erkennen seit einigen Wochen ihren Joachim nicht wieder: Der Kölner Erzbischof entschuldigte sich bei abgewiesenen Vergewaltigungsopfern, räumte den Weg frei für die empfängnisverhütende Pille danach und machte in einer donnernden Predigt die Kirche selbst für ihr desaströses Erscheinungsbild verantwortlich. Früher versteinerte sich beim Thema Frauenordination seine Miene, nun zeigte er Humor: Eine Mitarbeiterin der „Heute-Show“ zückte in der Pressekonferenz der Vollversammlung eine Bewerbungsmappe und bekundete Interesse am Job als Päpstin. Meisner konterte cool: „Da haben Sie nicht die Figur dazu.“

Obwohl der Kardinal eher ein robustes verbales Mandat pflegt, war ihm ausgerechnet der stille, medienscheue Joseph Ratzinger ein Freund auf dem Papstthron. Knockin’ on Heaven’s Door – die beiden hatten eben die gleiche Vorstellung davon, wie der Katholik dem Himmel nahe kommt: mit Gehorsam Gott und der Kirche gegenüber. Alle Wege für den Kölner nach Rom waren kurz.

Aber darf ein Freund so etwas? Einfach zurücktreten, ohne vorher mit seinem Kumpel darüber gesprochen zu haben? Die persönliche Nähe zum Papst machte Meisner stark, jetzt sieht jeder, dass es mit der Nähe doch nicht so weit her war. Zum innersten Kreis der Eingeweihten gehörte er nicht. „Schockiert“ sei er von der Entscheidung, sagte er in seinem ersten Interview nach dem Papstrücktritt. Und schimpfte öffentlich auf den Kardinalstaatssekretär. In der Williamson-Affäre sei er einmal im Auftrag verschiedener Kardinäle zum Papst gegangen und habe gesagt: „Heiliger Vater, Sie müssen Kardinal Bertone entlassen! Er ist der Verantwortliche – ähnlich wie der zuständige Minister in einer weltlichen Regierung.“ Da habe Benedikt gesagt: „Hör mir gut zu! Bertone bleibt! Basta! Basta! Basta!“

So weist ein autoritärer Vater einen aufmüpfigen Sohn zurecht. Meisner erzählte davon wie ein Rockstar, der Lust hat, sein Hotelzimmer zu zerlegen. No direction home. Kein kurzer Weg führt mehr von Köln nach Rom, denn Papa ist ausgezogen. Und der starke Mann der Bischofskonferenz wurde zum Halbstarken.

Das alles sind nur winzige atmosphärische Verschiebungen innerhalb der Kirche in Deutschland. Was hier wie ein Hauch von Frühling aussieht, gilt in anderen Ländern der Weltkirche als Blütentraum, der nur in einer Gottesverwaltungsinstitution mit viel Geld und schwindendem Glauben gedeihen kann. Aber immerhin: Auch wenn der neue Papst die Tür schließlich wieder zuwerfen sollte, die Erinnerung bei allen Beteiligten an den kurzen Moment, als alles möglich schien, bleibt. Wer einmal die Freiheit gefühlt hat, vergisst sie nicht so schnell.


Erneuerung jetzt?

Als Michail Gorbatschow ins höchste Amt gewählt wurde, machte er sich daran, den Kommunismus vom Ballast der Vergangenheit zu befreien, indem er ihn mit seinem Gegenteil, der Marktwirtschaft, versöhnte. Das Ergebnis war das Ende des Kommunismus und der Untergang der Sowjetunion. Vor dem wirtschaftlichen kam der ideologische Zusammenbruch, letztendlich war der Letztere entscheidend.

Jedes System, das auf dem Glauben an eine bessere oder eine jenseitige Welt beruht, verträgt nun mal nur ein gewisses Maß an Erneuerung. Und wie Gorbatschow irgendwann vom eigenen Wind of Change schließlich weggepustet zu werden, das will derzeit noch nicht einmal ein deutscher Bischof. Eine wirklich frische Brise kann sich die katholische Kirche nicht mit Reformpapieren zufächeln. Soll ein neuer Papst eine Agenda 2020 von Punkt eins bis Punkt 118 akribisch abarbeiten? Ist das Christentum wirklich so piefig?

Die reformkritischen Kreise denken unter umgekehrten Vorzeichen genauso: Bei ihnen ist es schick geworden, das Katholischsein an einen Kriterienkatalog zu knüpfen, als sei die Kirche eine K-Gruppe, die streng formiert in den Kampf wider die Welt zieht. Sakramente erscheinen in dieser Deutung als Belohnung eines wahrhaft katholischen Lebenswandels, ihr Entzug gilt als gerechte Strafe. Auch das ist spießig und eng.

Wirklich rebellisch wäre ein Papst, der jedem einzelnen Gläubigen signalisierte: Du bist gut, wie du bist, du bist hier willkommen, du bist Gottes Ebenbild, ganz egal, ob du die alte Messe feierst oder gar keine mehr, ob du aus Versehen „Gott sei Dank“ seufzt oder ob du den schmerzhaften Rosenkranz rückwärts auf Latein beherrschst. Hauptsache, du spürst in dir eine Sehnsucht nach Trost, nach Liebe und nach etwas, das bleibt, wenn alle iPhones der Welt ihren Geist aufgegeben haben.

Das wäre mehr als ein Frühlingsgefühl. Es wäre eine Kirche des Gottvertrauens und des Vertrauens in die Menschen. Aus dieser Haltung heraus könnte sich die Frauenfrage wie von selbst lösen.

Erschienen in:
Ausgabe 10/2013
Redakteur:
Christiane Florin und Raoul Löbbert ()
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Papst