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Talkgeschäft

Der Katholik für gewisse Stunden

Aus: Christ & Welt Ausgabe 07/2013

Katholisch ist im Talkgeschäft keine Konfession, sondern eine Diagnose: Warum die Kirche im telegenen Stuhlkreis so schlecht dasteht

Wer nicht in den Verdacht geraten will, irgendetwas auszusitzen, muss sich in Talkrunden setzen. 73 Prozent der Stuhlkreise tragen das Wort Krise im Titel. Und auch, wenn es nicht ausdrücklich auftaucht, moderieren Frank-Günther Plasberg-Jauch und Anne-Sandra Maischberger-Will einen Krisengipfel nach dem anderen weg. Ein Talk ist kein Streichquartett, in dem man, wie Goethe dereinst lobte, vier gescheite Leute sich unterhalten hört.

Ein Talk ist eine Show, das heißt, die Beteiligten werden eingekauft, um eine Rolle zu übernehmen. Sie müssen kein Violinkonzert kennen, um die erste Geige zu spielen. Sie müssen nicht den „Faust“ gelesen haben, um als Bildungsexperte durchzugehen. Sie müssen nicht sich, sondern die Zuschauer unterhalten. Das gilt für alle Themen zwischen Arbeitsmarkt und Zwangsneurose.

Steht die katholische Kirche auf dem Krisenherd, wenden die Redaktionen offenbar ein Sonderarbeitsrecht an. Des Katholiken Rolle ist es, aus der Rolle zu fallen. Er muss schäumen und überkochen. Protestanten dagegen kommen in der Dramaturgie, wenn überhaupt, eher als präsidiales Versöhnungssoufflee vor.

Früher passten Walter Mixa und Johannes Dyba perfekt ins Beuteschema von Sabine Christiansen, mittlerweile haben Bestsellerautoren Bischöfe beim Sitzen ersetzt. Matthias Matussek wird seit seinem Buch „Das katholische Abenteuer“ gern als Stellvertreter des Stellvertreters Christi engagiert. Der Journalist legt sich je nach Bedarf mal mit einem Salafisten, mal mit Heiner Geißler an. Sandra Maischberger lud im Oktober eine Erfolgsautorin vergangener Jahrzehnte ein, die Gegenpäpstin Uta Ranke-Heinemann. Die Theologin verlor erst schleichend ihren Glauben und dann lautstark ihren Ohrstöpsel.

Katholisch ist im Talkgeschäft keine Konfession, sondern eine Diagnose. Eifrige Zuschauer müssen Katholiken für Wesen mit schweren Verhaltensstörungen halten. Wer argumentiert statt polarisiert, wer einerseits-andererseits sagt, wer mitten im Leben und mitten in der Kirche steht, schafft es nicht in die Top-Runden.

Anders als zu Christiansens Zeiten lassen sich heute kaum Kleriker auf diese Geschäftsbedingungen ein. Sie fühlen sich von Journalisten reingelegt. Zudem hat der Auftritt von Essens Bischof Franz-Josef Overbeck bei Anne Will vor drei Jahren ein Schleudertrauma hinterlassen. Overbeck, ein Mann mit Feinsinnpotenzial, hatte sich im verbalen Sperrfeuer mit Rosa von Praunheim zu dem Satz hinreißen lassen: „Homosexualität ist Sünde.“ Hernach musste er sich entschuldigen. Der Bischof, nicht der Künstler. Immerhin kennen Overbeck seitdem Millionen. Das ist mehr, als die meisten seiner Amtsbrüder von sich behaupten können.

Es sieht so aus, als habe es die Kirche im Fernsehen schwer. Wobei schon ein solch pauschaler Satz für TV-Verhältnisse zu differenziert ist. „Pogromstimmung“ klingt da schon besser. Dieses Wort benutzte der frühere Regensburger Oberhirte Gerhard Ludwig Müller am Wochenende, um die Medien wegen antikatholischer Stimmungsmache zu schelten. Schwebte er nicht als Präfekt der Glaubenskongregation über Gesprächskreisen aller Art, er wäre die Idealbesetzung für den Dyba-Mixa-Gedächtnissessel bei Günther Jauch.

Doch in dessen Runde vom vergangenen Sonntag mit dem Thema „In Gottes Namen – wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?“ blieb der Bischofssitz leer. Man habe sich vergeblich um die hohe Geistlichkeit bemüht, rechtfertigte der Moderator die Politik des leeren Stuhls. Die Bischofskonferenz stellt die Besetzungspolitik etwas anders dar: Die Redaktion habe um einen Gesprächspartner zum Thema Kirche als Arbeitgeber gebeten, nicht explizit um einen Würdenträger. Daraufhin vermittelte ihr die Bischofskonferenz den Präsidenten der Caritas, Peter Neher.

Als Episkopat-Ersatz nahm der Publizist Martin Lohmann Platz. Er vertritt im Namen des Heiligen und des himmlischen Vaters Ansichten, die weder Bischöfe noch Laien mehrheitlich teilen. Die Anfrage von Christ&Welt, warum ausgerechnet er als Gesicht des Katholizismus auserwählt wurde, beantwortet die Jauch-Redaktion mit dem Hinweis auf „verschiedene Aspekte und unterschiedliche Positionen“.

Immerhin ließ Prälat Neher in seinen Wortmeldungen aufblitzen, dass Glauben und Nachdenklichkeit zueinander passen. Aber vermutlich hegen nur Katholikenversteher die Hoffnung, irgendwann möge einer etwas Gescheites zu Gnade und Gnadenlosigkeit sagen dürfen. Zu dieser wohlwollenden Spezies gehört zwar auch Jauch, aber das nützte der Institution nichts: Im Publikum brandete Applaus auf, als die Journalistin Eva Müller erzählte, nach ihren Recherchen zum Buch „Gott hat hohe Nebenkosten“ (siehe unten) sei sie aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die evangelische Seite blieb stumm; aus Diakonie-Kreisen talkte niemand mit. Dabei bergen auch ihre Einrichtungen durchaus Skandalpotenzial, wie ein Film in der ARD am Montag vergangener Woche zeigte. Doch auf eine Ökumene der Blamage mag sich niemand einlassen.


Woran liegt es, dass die katholische Kirche beim Sitzen so schlecht dasteht? An der Einladungspolitik der Redaktionen? Daran, dass sich kirchlicherseits niemand aufdrängt, der gewinnend sprechen kann, wohl aber Leute, die die Kunst der polarisierenden Rede beherrschen? Oder daran, dass die Kirchen der Gesellschaft nichts mehr zu sagen haben? Die typisch katholische Antwort sieht so aus: Öffentlich wird das Talk-Jammertal beklagt, öffentlich-rechtlich wird versucht, über die eigenen Leute im Rundfunkrat der Sender ein besseres Bild einzuklagen.

Nach der Jauch-Sendung wurde vor allem Martin Lohmann heftig gescholten, sogar „Bild“ widmete sich seiner. Dabei könnte er der eigentliche Gewinner sein: Er hat sich mit seinen Ausführungen zur „Pille danach“ als neuer Erzbischof von Köln ins Gespräch gebracht. Keiner ist reiner. Dass der Journalist das Sakrament der Ehe und nicht das der Priesterweihe empfangen hat, dürfte in der katholischen Wunderwelt ein überwindbares Hindernis sein. Dann wäre endlich einer Bischof, der in den Talk-Karteien mit der Bemerkung „Funktioniert immer“ geführt wird.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Ethik, Medien, Papst, Sexualität, Abtreibung, Tod