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Das Wesentliche: Führung

Der Held, der die Runde bestellt

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011

In der Eurokrise arbeitet Angela Merkel angeblich an einem deutschen Europa. Das regt viele auf, doch was ist daran heute noch so schlimm?

Die Europäische Union, das ist eine Männergruppe, in der die Staatschefs – meist Herren mittleren oder fortgeschrittenen Alters – über ihre Probleme sprechen und später am Kamin teure Zigaretten rauchen, während sie sich ihrer gegenseitigen Solidarität versichern und sich dabei betrinken. Entscheidungen werden (was selten vorkommt) einvernehmlich oder (was die Regel ist) gar nicht getroffen. Französische Galanterie und englischer Stil prägen die Runde, und in der Ecke steht immer der dicke Deutsche und schaut schuldbewusst auf seine Schuhe. Der wird geduldet, solange er Runden schmeißt und sich nicht danebenbenimmt. So sieht es aus, das gute alte Europa, in dem man es sich bequem gemacht hat und gerne Geschichten von früher erzählt, während die einzige Frau im Raum Getränke reicht.

Ausgerechnet Angela Merkel, nachweisbar eine Frau, und nicht die Eurokrise soll nun dafür verantwortlich sein, dass das Europa der alten Männer vor die Hunde geht. Merkels „schädliche deutschnationale Kraftmeierei“ in den letzten Wochen, so Altkanzler Helmut Schmidt beim SPD-Parteitag in Berlin, widerspreche dem Gedanken der europäischen Integration. Denn wenn alle wichtigen Männer in Europa partout eine Transferunion wollen, in der die Reichen für die Armen aufkommen, könne sich ein Starker nicht dagegen sperren. Oder eine. Das ist nicht gerecht, nicht sozialdemokratisch, nicht europäisch. Denn in Europa hat die Basis recht, da ist man lieber zusammen schwach, als dass einer dem anderen sagt, was er tun soll. Und schwach ist die EU, war es immer, wird es bleiben, wenn jeder sich verschulden kann, wie er will, und es andere gibt, die dafür aufkommen. So sieht wahre Anarchie aus. Sie bedeutet die Abwesenheit von Herrschaft. Alle machen ihr Ding, sind frei und glücklich, helfen einander, kommen sich abgesehen davon nicht ins Gehege, und solange der Himmel blau ist, wird für alle alles gut. Was für eine herrliche Idee, was für eine sympathische Utopie, die einzige sympathische, die das an hässlichen Utopien reiche 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Das Problem aber ist: Utopien funktionieren nur bei Schönwetter. Wird der Wind rau, braucht es wie auf jedem Schiff, das dampft und segelt, einen Dummen, der die Sache regelt. Schön ist das nicht. Führung macht in Europa, wo mehr mit der Geschichte als mit der Zukunft argumentiert wird, keinen Spaß mehr. Der Führer hat das Führen an sich diskreditiert, sein brauner Schatten liegt auf einem Staatengebilde, für das die Nachkriegszeit nie zu Ende ging. Führung ist hier nach wie vor ein Schrecken oder mindestens eine Bürde. Wer sie tragen will, kann sich sicher sein, mit Bismarck, dem Eisernen oder mit dem anderen deutschen Kanzler verglichen zu werden, der noch weit schlimmer war als Bismarck. Kleiner Tipp: Es ist nicht Gerhard Schröder.

Doch es gibt eine Führung des Faktischen. Nehmen wir die Männergruppe, nehmen wir irgendeine: Alle Mitglieder sind gleich, alle reden. Doch wird die Sache verzwickt, schaut im schlimmsten Fall jeder auf den, der einem selbst sagt, was man hören will. Auf den, der von Zukunft redet, aber die eigene meint. Oder aber, was weit besser ist, sie schauen auf den, der das Bier bezahlt, auf den Dicken in der Ecke. Meist unterscheidet sich der kaum von denen, die das Bier trinken. Als so eine Art Gastgeber will er, dass alle zusammen eine gute Zeit haben, er will gemocht werden. Er will einer von ihnen sein, nichts mehr will er als das. Ohne den Dicken gäb’s kein Bier, ohne Bier gäb’s keine Party, deshalb hat sein Wort Gewicht. Gerade wird das Bier von Angela Merkel bezahlt. Die ist nicht dick, die ist nicht still, die ist kein Mann und alt ist sie auch nicht. Die steht nicht in der Ecke, die fordert Abstinenz und Sanktionen für alle, die sich wild auf ihre Kosten betrinken. Ja, das ist Führung! Ist das schlimm? Führung ist die Macht, Sanktionen zu verhängen. Sanktionieren ist schlimm, das macht keiner gerne, kein Demokrat zumindest, vor allem kein deutscher Demokrat. Das sieht nie gut aus, das macht nicht beliebt. Aber es kann notwendig sein, damit die Party weitergeht.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Innenpolitik, Außenpolitik