Notitzen für die Ewigkeit: Vatileaks
Der heilige Stuhl
Aus: Christ & Welt Ausgabe 22/2012
Drei Kardinäle spüren das Datenloch der Kurie auf. Verdacht besteht, Beweise fehlen.Das Klima in den Palästen des Vatikans ist nachhaltig gestört.

Die Kardinäle, die den aufsehenerregendsten Datendiebstahl in der jüngeren Geschichte des Heiligen Stuhls aufklären müssen, sind zusammen 252 Jahre alt: Julián Herranz, 82, Jozef Tomko, 88, und Salvatore De Giorgi, 82, ein Spanier, ein Slowake und ein Italiener. Sie sollen Licht in die von Vatikansprecher Federico Lombardi „Vatileaks“ getauften Indiskretionen bringen: Veröffentlichungen geheimer Briefe, privater Mails, vertraulicher Notizen und Erinnerungen aus den letzten Monaten. Alle wanderten über den Schreibtisch von Benedikt XVI. Eine Fernsehsendung und die italienische Zeitung „Il Fatto Quotidiano“ machten sie bekannt. Jetzt werden sie in einem neuen Buch des Journalisten Gianluigi Nuzzi veröffentlicht. Inzwischen liegen der Drei-Kardinals-Kommission und ihrem Sekretär, dem Kapuzinermönch Luigi Martiniani aus dem Staatssekretariat, erste Ergebnisse vor. Es gibt Verdächtige, aber noch keine Beweise.
Unter den Dokumenten finden sich Briefe des damaligen Sekretärs des Governatorats, Erzbischof Carlo Maria Viganò, an den Papst und an den Staatssekretär Tarcisio Bertone. Er beklagt Korruption innerhalb des Vatikans. Ferner gehört dazu Post, die der ehemalige Chefredakteur der katholischen italienischen Tageszeitung „Avvenire“, Dino Boffo, dem Papstsekretär Georg Gänswein geschickt hatte. Boffo trat 2009 nach Berichten der Zeitung „Il Giornale“ zurück, die ihn als homosexuell diffamierten, was sich später als haltlos erwies. In den bekannt gewordenen Briefen beschuldigt Boffo den Chefredakteur des „Osservatore Romano“ der Intrige gegen ihn. Weitere Notizen betreffen Spannungen innerhalb der Vatikanbank und der Finanzwelt des Vatikans sowie Einschätzungen aus einem Dossier zur Ernennung des Kardinals Angelo Scola zum Erzbischof von Mailand im vergangenen Juni.
Der Heilige Stuhl bebt förmlich vor Empörung. Er sieht eine Verletzung der Privatsphäre und der Würde des Heiligen Vaters, als Person und als höchste Autorität der Kirche und des Vatikanstaates. In einer ersten Reaktion hat er eine strafrechtliche Verfolgung angekündigt, bis zur Möglichkeit, auch Journalisten zur Rechenschaft zu ziehen. Es brauchte einen ausgeklügelten Plan, um die Dokumente auf dem kurzen Weg vom Schreibtisch des Papstes ins Archiv des Staatssekretariats abzufangen. Nur wenige Personen bekommen sie in die Hand. Anders als sein 2005 gestorbener Vorgänger Johannes Paul II. hebt Benedikt XVI. nicht viele Papiere in seiner Wohnung auf.
Das eigentliche Problem sieht auch der Vatikan nicht bei den Journalisten, die die Papiere verbreiteten, sondern bei den „Maulwürfen“, die sie weitergegeben haben. In Nuzzis Buch heißt es, die Urheber des Skandals wollten Transparenz. Tatsächlich will man den Vatikan als löcherige Behörde darstellen und das Pontifikat von Benedikt XVI. in ein schlechtes Licht stellen. Und das Klima in den ehrwürdigen Palästen ist nachhaltig zerstört.





