www.zeit.deProbe-Abo

Präsidentenporträts

Der Gezeichnete

Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2012

Volker Henze hat Deutschlands Staatsoberhäupter gemalt. Einen Monat lang hingen seine Bilder in der Galerie von Schloss Bellevue. Dann ließ Joachim Gauck sie entfernen. Der Ruf des Malers ist beschädigt. Versuch einer Ehrenrettung

Amin Akhtar

Deutlicher geht’s nicht: „Es hat gar keinen Zweck, lange darum herumzureden: Die Bilder sind scheußlich.“ So schreibt Jens Jessen im ZEIT-Magazin vom 8. November über die Präsidentenporträts des Malers Volker Henze. Die Debatte um Aufgaben und Grenzen der Staatskunst geht also weiter. Im Auftrag des Bundespräsidenten hatte Henze die Altpräsidenten gemalt – von Theodor Heuss bis Christian Wulff. Am 4. September wurden sie an dem Ort gehängt, für den sie konzipiert waren: in der „Galerie“ von Schloss Bellevue, dem Amtssitz des deutschen Staatsoberhaupts.

Einen Tag darauf nahm Joachim Gauck die Galerie in Empfang. Da hingen sie, zehn Altpräsidenten, und blickten hinaus in den Tiergarten. Niemand nannte sie „scheußlich“. Am 6. September erschien mein Artikel, in dem ich den Maler und sein in aller Stille entstandenes Werk vorstellte: als ein Beispiel aktueller Staatskunst.

Von Beginn an behandelte das Amt das Projekt „Präsidentengalerie“ diskret. Ein Zufall hatte mich zu Volker Henze geführt. Henze ist ein zurückhaltender, vorsichtiger Mann. Erst nach längerem Zögern erlaubte er mir, ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen. Ich stand in seinem Atelier und guckte Heinrich Lübke und Walter Scheel in die Augen; an hölzernen Stellagen pappten die Fotos von Gustav Heinemann, Richard von Weizsäcker und Johannes Rau; Karl Carstens und Roman Herzog standen auf Staffeleien. Henze malte am Porträt Horst Köhlers. Sein Theodor Heuss war schon fertig. Von Christian Wulff gab es erst eine Studie – es sollte ja eine Galerie der Ahnen werden, und Wulff war damals noch im Amt.

Am 2. Oktober, vier Wochen nach ihrer Hängung, ließ Joachim Gauck Henzes Porträts entfernen; inzwischen sind sie im „Salon Ehrenhof“, einem Vorzimmer des Präsidenten, das für normale Besucher von Schloss Bellevue nicht zugänglich ist. Auch darüber schrieb ich in dieser Zeitung (siehe Christ & Welt Nr. 43/2012). Bald darauf kamen Kollegen von anderen Medien und bestürmten Henze: Ob er nicht beleidigt sei, fragten sie, was er davon halte? Volker Henze ist kein Malerstar, mit den Medien hat er wenig Erfahrung. Also sagte er, was ihm auf dem Herzen lag. Er war enttäuscht: Ein Jahr lang hatte er an den Porträts gemalt, nun waren sie verschwunden – nicht nur aus seinem Atelier, sondern auch aus der Galerie. Er wurde gefragt, also ließ er sich hinreißen zu sagen, was er sagte.

Klug war das nicht, weiß er heute. „Es war ein Fehler, von ‚Absurdistan‘ zu sprechen“, sagt Henze. Er sitzt in der Küche seines Ateliers im Berliner Osten. „Die Boulevardpresse hat das zu einem Skandal stilisiert, den ich nicht gewollt habe. Ich will nicht als Kämpfer dastehen, der ich gar nicht bin.“ Doch genau so wirkt Henze in der Presse: als Beleidigter, Gekränkter. Die Medien lieben den Streit, den Konflikt. So sah sich Henze als mäkelnder Gauck-Kritiker porträtiert, als eine Mischung aus Michael Kohlhaas und Don Quichotte. Seither steht er als Querulant da. Er hat Fehler gemacht, das weiß er. Dafür muss er Lehrgeld zahlen; auch das weiß er.

Wenn Volker Henze an all die Artikel denkt, die seit dem Sommer über ihn erschienen sind, muss er lachen. Fast könnte er sich als einen Promi betrachten. Seine Galerie der Ahnen jedenfalls geistert durch die Presse. Und da steht manches, was ein Künstler nur ungern liest über sein Werk: Die Bilder seien unbedeutend und zu bunt, sie träfen nicht den Charakter der jeweiligen Präsidenten, sie seien ungeeignet, die Spitze des deutschen Staates angemessen zu repräsentieren. Genüsslich wird Peter Raue zitiert, die graue, quicklebendige Eminenz des Berliner Kulturbetriebs: „Die Bilder sind unzumutbar“, sagte Raue dem „Berliner Kurier“: „Dazu stehe ich, und das habe ich dem Herrn Bundespräsidenten in einem Gespräch?… auch persönlich gesagt.“ Auch in „Bild“ zieht der beliebte Kunstpapst vom Leder: „Die Bilder sind erdrückend und scheußlich.“ Damit musste Henze leben in den letzten Wochen; das konnte er, wenn es auch nicht leichtfiel.

Doch dann, am 8. November, erschien der Text, der Henze bis heute zu schaffen macht. „Jens Jessens Artikel war ein Versuch, mich zu vernichten“, sagt Henze. Er wirkt ganz ruhig, als er das sagt. Aber kalt lässt ihn dann doch nicht, was er im ZEIT-Magazin unter dem Titel „Über Kultiviertheit“ lesen musste: Die Bilder erinnern den Autor, wie er schreibt, an „Pflastermalerei, mit Malkreide“. Er nennt sie „knallbunt“ und beklagt, dass „lumpige hundertzehntausend Euro für zehn Porträts aus der Hand eines Schnellmalers“ ausgegeben wurden. Dem Altpräsidenten Christian Wulff, der Henze den Auftrag erteilte, wird „gutmütiger Überschwang“ bescheinigt – als Zeichen einer Zeit, „die Schnäppchen liebte“. Henze ist erschöpft. „Ich muss sagen, dass es mir nicht gut geht damit“, meint er. „Das hat mich schon verunsichert.“ Besonders irritiert ihn, dass das Entfernen seiner Bilder als „geschmackliche Säuberung des Bundespräsidentensitzes“ gelobt wird. Nur was schmutzig ist, muss gesäubert werden.

Befremdlich wirken solche Worte nicht nur auf den Maler Henze. Auch Eugen Blume, Leiter des Museums „Hamburger Bahnhof“ in Berlin und einer der bekanntesten deutschen Experten für zeitgenössische Kunst, sieht Henze diffamiert: „Volker Henze ist den meisten sicher weitgehend unbekannt“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung: „Nun wird er bekannt und zugleich öffentlich zu einem knallbunten Pflastermaler degradiert, was mit Kritik wenig zu tun hat, sondern eine Grenze berührt, die man nicht überschreiten sollte.“ Blume kennt Henzes Präsidentengalerie wie kein Zweiter. Unter Horst Köhler hatte sich das Präsidialamt an ihn gewandt und ihn gebeten, das Vorhaben einer gemalten Ahnengalerie kunsthistorisch zu betreuen. Volker Henze entschied die Ausschreibung für sich.

„Dieser Auftrag einer Porträtgalerie war von Anbeginn schwierig“, sagt Blume, „er hat im Grunde etwas Anachronistisches. Es sollte etwas geschaffen werden, was über die Form der feudalen Bildergalerie hinausreicht und in unsere moderne Gesellschaft repräsentativ hineinspricht.“ Können Gemälde das heutzutage überhaupt leisten? Wie verträgt sich der serielle Charakter der Galerie mit dem Ziel, jeden Porträtierten als Individuum zu zeigen? Mit reiner künstlerischer Freiheit lässt sich ein solcher Auftrag nicht erfüllen, dazu sind die Vorgaben zu eng, zu konkret. Wohl auch deshalb lehnte es Gerhard Richter ab, die Galerie der Präsidenten zu malen.

Die Bilder sollten informativ sein – und eine zeitgemäße künstlerische Formsprache entwickeln, „die zugleich repräsentativ ist“, sagt Blume: „Diese schwierige Aufgabe hat Volker Henze auf seine Weise gut gelöst. Das zeigt sich, wenn man die Bilder genau betrachtet – und nicht nur ihre Abbildungen.“ Gerade als Abbildungen, betont Blume, funktionieren Henzes Bilder schlecht – dafür seien sie zu diffizil gemalt.

Henze bezweifelt, dass seine Kritiker die Porträts im Original gesehen haben. Peter Raue war in Bellevue gewesen, aber was ist mit den anderen? Haben sie versucht, sich mit eigenen Augen ein Bild von den Bildern zu machen? Auch das kränkt den Maler. Wer weiß, mit welcher Ausdauer Henze forschte, wer sich erklären ließ, wie er die Palette der einzelnen Bilder entwickelte, muss sich wundern über die Härte der gegen Henze gerittenen Attacken. Auch der Vorwurf, die Bilder seien zu bunt, missverstehe Henzes Ansatz, meint Eugen Blume: „Henze hat den ganzen Raum von Anfang an mitgedacht. Er hat jedes Porträt farbig auf den Raum bezogen – und auf das Gesamtbild der zehn Porträts. Farblich hat er gearbeitet, als wäre das Ganze ein Bild. Und er hat aus einer intensiven Recherche heraus gearbeitet. Von Schnellmalerei kann überhaupt keine Rede sein.“

Wie geht es weiter? Volker Henze fischt eine Zigarette aus der Packung. Ausnahmsweise. Auf dem Tisch steht eine Espressokanne, daneben liegt das Handy. Henze sieht müde aus, oft schläft er schlecht, immer wieder wird er nachts wach. Es war kein leichtes Jahr bisher. Er erinnert sich: Als er den Auftrag des Präsidialamtes annahm, war ihm klar, dass das nicht einfach werden würde. Dennoch ging er das Risiko ein, an einer schwierigen künstlerischen Aufgabe zu scheitern. Ein solcher Auftrag fällt halt nicht vom Himmel, wenn man zufällig nicht Neo Rauch oder Michael Triegel heißt.

Manchmal fragt sich Henze, ob das richtig war, mit der Staatskunst. „Ich habe die Stufenleiter des Marktes nicht mitgemacht, ich habe einige Stufen übersprungen. Und bin jetzt mit prominenten Porträts an einem solch prominenten Platz, an dem ich offensichtlich nicht sein kann, sein darf.“ Jetzt muss er versuchen, persönliche Anwürfe nicht als das zu nehmen, was sie sind: persönlich.

Doch Henze kränkt nicht das allein. Schon das Präsidialamt bewies eine erhebliche Unsicherheit im Umgang mit Henzes Kunst, als Joachim Gauck entschied, die Bilder abhängen zu lassen. Von Beginn an waren alle Beteiligten informiert über Palette, Licht, Haltung, Größe und Auffassung der Bilder, mehrfach hatten Vertreter des Amtes die Porträts gesehen, am 7. Dezember 2011 wurde Henze die „vertraglich vereinbarte Abnahme der Porträtgemälde seitens des Bundespräsidialamtes“ offiziell bescheinigt, selbst Christian Wulff und Joachim Gauck hatten die Porträts gesehen und akzeptiert. „Es gab niemals einen Einwand gegen die Bilder“, sagt Henze. Dann knickte das Amt ein.

Darin sieht auch Eugen Blume ein Problem: „Es wäre besser gewesen, wenn das Amt mit dem, was es sich bestellt hat, etwas länger gelebt hätte. Kunst sehen zu lernen hat etwas mit Sehgewohnheiten zu tun.“ Die wenigen Tage, an denen Henzes Galerie öffentlich zu sehen war, reichten nicht hin, um das zu leisten.

Es fällt schwer, den plötzlichen Sinneswandel des Herrn von Schloss Bellevue zu erklären. Sicher aber ist, dass Henze ein Gut fehlte, ohne das ein Künstler kaum überleben kann: der Name. Im zeitgenössischen Kunstbetrieb zählt nicht allein das Werk; auch Image und Personality des Künstlers werden vermarktet. Wer nicht genial ist, muss zumindest exzentrisch wirken. Dem Maler Henze will das nicht gelingen. Im Osten, wo er aufgewachsen ist, spielte die Währung Name kaum eine Rolle. Dafür hat er jetzt die Quittung erhalten; sein Name jedenfalls ist beschädigt. „Dass Henze kaum bekannt ist, hat bei der Kritik sicher eine Rolle gespielt“, glaubt Eugen Blume: „Schließlich hat er als weitgehend unbekannter Künstler einen bedeutenden Auftrag bekommen."

Das heißt: Ein unbekannter Künstler muss das Risiko eingehen, seinen Namen zu verlieren. „Ich erfahre am eigenen Leib, dass nur das, was man kennt, geschätzt wird“, sagt Henze: „Was man nicht kennt, existiert nicht.“ Ein Künstler ohne Name, das geht nicht. Keiner schützt ihn; nur für wenige gibt es offenbar einen Platz an der Sonne. Hier zeigt sich die Logik eines Marktes, der nur zwei Sorten von Künstlern kennt: Stars und solche, die es nicht geschafft haben. Pflastermaler eben. Wer seinen Platz verlässt, wird bestraft. „Klar“, sagt Volker Henze, „wenn man nicht zum Betrieb gehört, ist man nichts.“ Er sei drüber weg, meint er, jedenfalls so ziemlich. Er nimmt noch eine Zigarette. Ausnahmsweise. „Ich lasse mich nicht zerstören. Mein Ruf kann angekratzt werden, aber ich habe etwas auf meine Weise mitzuteilen. Das mache ich weiter.“

Erschienen in:
Ausgabe 48/2012
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Kultur, Innenpolitik