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Evangelisch

Der Bischof bin ich

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Christ & Welt eröffnete das Jahr des Papstbesuchs mit der Frage: Was ist katholisch? Was aber ist evangelisch? Der Glaube braucht kein Lehramt, sondern Debatte

Evangelisch, das sind Posaunenchöre, Dritte-Welt-Frauengruppen im Gemeindezentrum, Zweifler und Wiedereingetretene, das ist das Freakstock-Rockfestival im koptischen Kloster in Höxter bei Bischof Anba Damian und die lutherische Hochmesse in der Braunschweiger Brüdernkirche. Evangelisch sind Synoden zu Fluglärm und Wasserpolitik, ein Internetportal mit Fußballergebnissen und die Frage: „Ist uns denn nichts mehr heilig?“ Evangelisch ist Be­thel, die Stadt der Barmherzigkeit, die Herrnhuter Losung, die Lutherbibel, der Undercover-Missionar in Dschidda, die Laienpredigerin im Talar. Und evangelisch ist Deutschland. Evangelisch, das ist Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Wolfgang Gerhardt, Bodo Ramelow, ist Helmuth Rilling und Nina Hagen, ist Jörg Zink, Wolfgang Huber und Margot Käßmann, die an diesem Mittwoch ihre Antrittsvorlesung in Bochum hielt. Evangelisch sind Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Evangelisch ist, wenn der Bibliothekshelfer der Bischöfin ins Gesicht sagt: „Ich bin genauso viel Kirche wie du.“ Protestanten fürchten Gott und sonst niemand, heißt es. Evangelisch ist Kirche der Freiheit.

Das fasziniert einen, und das erschlägt einen. Es klingt verlockend und anstrengend. Denn die Kirche der Freiheit lässt sich leicht beschreiben und schwer definieren. Was evangelisch ist, soll jeder mitformulieren. Es gibt keine Hierarchie, die darüber zu bestimmen hätte. Zugleich soll eine gemeinsame Überzeugung herrschen, eine, die größer ist als ich selber. Sie soll gefunden werden anhand der Bibel, der einzigen Autorität, die evangelische Christen gelten lassen, weil Gott darin redet. Sie müssen also die Heilige Schrift kennen und sie interpretieren können. Das klappt zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gut. „Lassen Sie uns gemeinsam nach Antworten suchen“ lautete die Botschaft der letzten großen Plakataktion der Evangelischen Kirche in Deutschland. An der Telefonhotline, die zur Kampagne gehörte, gaben Anrufer weniger Antworten zu Protokoll, sondern wollten den Termin für den nächsten Gottesdienst wissen und die Nummer, bei der sie sich über ihren politisierenden Pfarrer beschweren könnten.

Eine Bewegung, die von Gott fasziniert ist, weil er jedem Einzelnen unmittelbar begegnet, und die deshalb mächtigen Institutionen misstraut, kann nicht anders. „In Sachen Gottes Ehre und der Seelen Seligkeit belangend muss ein jeglicher selbst vor Gott stehen und Rechenschaft geben“, hieß es in der Erklärung evangelischer Fürsten auf dem Speyerer Reichstag 1529, dem Dokument, das ihnen den Namen „Protestanten“ gegeben hat. Seitdem gehen Protestanten zur Kirche, weil sie einander dort die Bibel auslegen und, wenn sie reformiert sind, die Sakramente spenden, von denen sie nur zwei in der Bibel wiedergefunden haben, die Taufe und die Eucharistie. Die Kirche kann irren, und Synoden, aus denen der Parlamentarismus entstand, schon gar.

Deshalb ist es kein Zeichen von Verfall, sondern von Leben, wenn ehemalige Bischöfe die Entscheidung einer Synode kritisieren, wie es in dieser Ausgabe auf Seite 3 geschieht. Die Wahrheit braucht kein Lehramt, sondern Debatten. Im Konfliktfall müssen „die Meinungen aufeinanderplatzen“, sagte schon Martin Luther. Die Bischöfe wenden sich gegen homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus, und ihre Argumentation ist ein Lehrstück evangelischen Lebens: Sie legen vor allem und zuerst die Bibel aus. Doch ist eine Tendenz erkennbar: Die Mehrheit der evangelischen Kirchen folgt dem gesellschaftlichen Mainstream. Sie verkauft sich an den Zeitgeist, sagen Kritiker. Sie lernt, sagen die anderen. So wie immer. Auch Demokratie und Menschenrechte wurden mit der Bibel in der Hand bekämpft. Doch alle haben dazugelernt, zuletzt auch die katholische Kirche.

Weil für den Protestantismus so viel an der Interpretation der Bibel hängt, wurde er eine Bildungsbewegung. Aufklärung und ein modernes Wissenschaftsverständnis sind die weltlichen Kinder der Reformation. Sie hat auch die Forschung aus der Vormundschaft der Kirche entlassen. Evangelische Theologen haben die Statistik erfunden, den Obstbau revolutioniert und das Sozialwesen reformiert. Bis heute schicken mehr Protestanten ihre Kinder aufs Gymnasium als Katholiken, immer noch leben sie überdurchschnittlich häufig in den besseren Wohnquartieren, und noch immer ist der Protestantismus in den Bildungsschichten überrepräsentiert. Allerdings neigen Protestanten mit wachsender Bildung stärker dazu, aus der Kirche auszutreten. Sie kennen keine Sonntagspflicht außer der, die sie sich selber auferlegen. Ihr Glaube spielt unter der Kanzel und ebenso am Konferenztisch, im Labor und in Koalitionsverhandlungen. Und nicht im Kloster. Johann Wolfgang Goethe hat das „Weltfrömmigkeit“ genannt. 

Und Goethe hat treffend analysiert, dass dem Protestanten die Sakramente dann doch fehlen. Er ist religiös auf sich selbst gestellt. Keine Institution, kein Ritus entlasten ihn mehr. Deshalb ist er moralisch zerknirschter, und deshalb liegen der Verbrauch an Schlafmitteln und die Selbstmordrate unter Protestanten höher als bei Katholiken. Deshalb auch gibt es kaum evangelisches Brauchtum. Und weniger religiösen Humor. Katholisch sind Witze über Priester und Mönche. Evangelisch sind Bücher über das Lachen. Trotzdem wollen Protestanten ihre anstrengende Freiheit gegen keine Eindeutigkeit eintauschen. Sie schmeckt zu süß. In der Regel.

Eine Ahnung davon vermittelt ein Wörterbuch zur Verdeutschung der „unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“. Der Germanist Joachim Heinrich Campe erklärte darin, vor 210 Jahren, den Begriff „Protestant“ so: „Ein Protestant verwahrt sich gegen jede Verpflichtung, etwas zu glauben, was nicht auf einer übereinstimmenden Aussage seiner Vernunft und der Bibel beruht. Man kann die Protestanten deshalb die Freigläubigen nennen, denn sie sind in Bezug auf die kirchliche Gesellschaft, was der freie Bürger im Hinblick auf die politische Gesellschaft ist.“ 

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Evangelisch, Spiritualität, Kirchen