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Vatikan

Der Ausgestoßene

Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2016

Peter Saunders saß als Missbrauchsopfer in der Kinderschutzkommission des Vatikans. Er wollte helfen, die Sexverbrechen aufzuklären. Jetzt wollen die Verantwortlichen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Hat er von der katholischen Kirche zu viel verlangt?

Foto: Toby Melville /Reuters

Christ&Welt: Die päpstliche Kinderschutzkommission, der Sie als Betroffener angehören und die im Zuge der Missbrauchsskandale in der Kirche eingerichtet wurde, hat Sie »freigestellt«. War das ein verkappter Rauswurf?

Peter Saunders: Nein, ich bin weiterhin Mitglied der Kommission. Der Papst hat mich berufen, also kann mich auch nur der Papst aus der Kommission abberufen. Die Mitglieder sagten, sie fühlten sich von mir hintergangen, weil ich wiederholt mit der Presse gesprochen hatte. Ich hätte die Kommission in ein schlechtes Licht gerückt.

C&W: Ihnen wurde vorgeworfen, dass Sie wiederholt öffentlich Kritik übten, obwohl die Kommission nur beratende Funktion hat.
Saunders: Die Kirche hat nie irgendeine Initiative gezeigt, das Thema Missbrauch anzugehen, solange sie nicht dazu gezwungen war. Der Grund, warum die Kinderschutzkommission existiert, ist der Druck der Opferorganisationen, den diese mithilfe der Presse ausübten. Das sagte ich den Mitgliedern. Ich hatte von Anfang an klargemacht, dass ich nie auf mein Recht auf freie Rede verzichten würde.

C&W: Die Einrichtung der Kommission durch den Papst im März 2014 wurde als gutes Zeichen im Kampf gegen den Missbrauch gewertet.
Saunders:
Es gab im Vatikan großen Widerstand gegen die Berufung einer solchen Institution. Ich weiß, dass der Kommissionspräsident, Kardinal Sean O’Malley, maßgeblich daran beteiligt war, den Papst zu überzeugen, diese Kommission einzurichten.

C&W: Jetzt sprach Ihnen die Kommission das Misstrauen aus. Waren Sie überrascht?
Saunders
: 14 oder 15 der anwesenden Mitglieder stimmten gegen mich, es gab eine Enthaltung. Zuvor fand ein beinahe inquisitorisches Verhör statt, eine Art Rufmord. Solange ich Katholik bin, wird meine Loyalität nicht der Institution Kirche gelten. Die Loyalität der meisten Kommissionsmitglieder hingegen gilt dieser Institution. Beim Thema Kinderschutz ist das ein enormer Interessenkonflikt. Ich musste mit eigenen Augen sehen, ob es dem Papst mit der Missbrauchsbekämpfung ernst ist.

C&W: Ist es Franziskus ernst?
Saunders:
Mein Problem ist nicht die Arbeit der Kommission an sich. Ich habe nichts dagegen, wenn man kanonisches Recht verändert, um den Kinderschutz zu verbessern. Ich habe auch nichts gegen die Ausarbeitung von Leitlinien zur Ausbildung von Priestern oder einen Gebetstag für die Opfer, obwohl für sie eigentlich jeden Tag gebetet werden sollte. Aber so viele Sachen können sofort geschehen. Die Kirche ist immer noch voll von Vergewaltigern und Missbrauchstätern, und zwar auf der ganzen Welt. Der Papst muss viel härter und schneller eingreifen.

C&W: Was müsste Franziskus konkret tun?
Saunders:
Er muss als Erstes Bischof Juan Barros aus Osorno in Chile entlassen…

C&W:Barros wurde von Franziskus 2015 nominiert. Missbrauchsopfer in Chile werfen Barros vor, bei sexuellen Misshandlungen durch den vom Vatikan suspendierten Priester Fernando Karadima als Komplize zugegen gewesen zu sein. Der Bischof, der ein Schützling von Karadima war, sowie der Vatikan
bestreiten das.

Saunders: Solange Barros im Amt bleibt, ist Franziskus unglaubwürdig. Letztes Jahr traten drei Bischöfe in den USA wegen Vertuschung von Missbrauch zurück. Zwei von ihnen, Robert Finn und John Nienstedt, sind wieder als Priester in einer Gemeinde tätig. Das ist ein Verbrechen! Der Papst müsste Barros sofort entlassen und die beiden US-Bischöfe laisieren. Als Jesus den Tempel reinigte, setzte er keine Kommission ein, sondern stieß die Tische um und warf die Händler und Geldwechsler einfach raus.

C&W: Wie sieht es aus mit dem vatikanischen Tribunal für Bischöfe, die Missbrauch verschleiern? Der Vatikan gab dessen Einrichtung auf Vorschlag der Kommission im vergangenen Juni bekannt.
Saunders:
Ich fragte jetzt Kardinal O’Malley danach. Er sagte, er wisse nichts. Ich sagte: Sie sind der Präsident der päpstlichen Kinderschutzkommission, Sie sitzen im Kardinalsrat des Papstes, und Sie wissen nicht, was mit diesem Gericht los ist? Das Problem ist: Es existiert nicht, nichts ist passiert! Das bestätigt meine Annahme, dass es sich um Lug und Trug und eine PR-Kampagne handelt.

C&W: Glauben Sie, dass Ihr Rauswurf
von ganz oben eingefädelt wurde?
Saunders:
Ohne Frage gibt es mehrere einflussreiche Figuren im Vatikan, die mich so schnell wie möglich loswerden wollten. Etwa weil ich Kardinal George Pell, den Chef des neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats, als gefährlich bezeichnet und seine Entlassung durch den Papst gefordert habe. Im Kardinalsrat des Papstes sitzt ein weiterer gefährlicher Mann, Kardinal Francisco Javier Errázuriz.

C&W: Das ist der ehemalige Erzbischof von Santiago de Chile, ein enger Vertrauter von Franziskus. Er verhinderte, dass das chilenische Missbrauchsopfer Juan Carlos Cruz, der im Fall Karadima gegen die Erzdiözese Santiago klagt, in die Kinderschutzkommission berufen wurde.
Saunders:
So steht es schwarz auf weiß in den E-Mails zwischen ihm und Ricardo Ezzati, seinem Nachfolger, den Franziskus zum Kardinal erhoben hat. Errázuriz bezeichnet Cruz darin als »Schlange«. Das sind Freunde des Papstes! Die Kirche bedroht diejenigen, die sich gegen sie stellen, und versucht sie zum Schweigen zu bringen.

C&W: Das klingt so, als fühlten Sie sich bedroht?
Saunders:
Nein. Aber ich weiß von anderen Leuten, die sich bedroht fühlen. Priester, die andere Priester wegen Missbrauchs bei ihrem Bischof anzeigen. Das ist ein Sakrileg in der Kirche. Man verpfeift einen Mitbruder nicht, nicht einmal, wenn er Kinder vergewaltigt. Ein Mitglied der Kommission erzählte mir von zwei Priestern aus Süditalien, die einen anderen Priester wegen Missbrauchs beim Bischof anzeigten. Der Bischof forderte sie zum Schweigen auf! Als die beiden zur Polizei gingen, fragten die Polizisten, was denn der Bischof sagen würde.
Das Beispiel rührt an den Grund des Problems. Was auch immer die Kommission macht, sie handelt nicht unverzüglich. Wir brauchen aber eine Institution, die sofort Maßnahmen ergreift. Wir brauchen glaubwürdige Leute von außen. Wir sind nicht im Jahr 1916, es passiert jetzt, dass ein Bischof seine Untergebenen anweist, das Maul zu halten und damit Kinder zu gefährden.

C&W: Wie sinnvoll war es, aus der Kommission
heraus Druck auszuüben, auch unter dem Gesichtspunkt, dass ihr eindeutiges Mandat ist, den Papst zu beraten? Sie forderten Franziskus sogar öffentlich auf, zu einem Gespräch mit der Kommission zu kommen.
Saunders:
Inzwischen weiß ich, dass der Papst niemals Dinge tun wird, die die Leute von ihm fordern. Er wird machen, was er will. Druck auf ihn auszuüben, auch wenn das eigentlich das Richtige ist, hat keine Aussicht auf Erfolg.

C&W: Das klingt verbittert. Hat die Erfahrung
Ihren Glauben beeinträchtigt?
Saunders:
Im Gegenteil, mein Glaube ist stärker als zuvor. Aber mein Vertrauen in die Institution Kirche geht gegen null. Ich bin mir sicher, dass Gott stinksauer ist. Der Umweltschutz, die Armut, das sind alles wichtige Themen in der Kirche. Aber wenn du deinen Angestellten erlaubst, ungestraft zu vergewaltigen, dann sind diese Themen überflüssig.

C&W: Das nächste Treffen der Kommission findet im September statt. Werden Sie kommen?
Saunders:
Ich überdenke meine Position. Aber ich habe schon vor meiner Beurlaubung gesagt: Wenn der Papst in sechs Monaten oder einem Jahr keine konkreten Antworten auf die drängenden Fragen gibt, glaube ich nicht, dass ich in der Kommission bleiben kann.

Peter Saunders war als Missbrauchsbetroffener Mitglied der Päpstlichen Kommission für Kinderschutz. Jetzt klagt er über den mangelnden Aufklärungswillen des Papstes. Im Zuge der Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche richtete Papst Franziskus im März 2014 eine päpstliche Kommission für Kinderschutz ein, die sich zweimal im Jahr trifft. Als eines von 17 Mitgliedern nominierte der Papst auch den Briten Peter Saunders. Saunders, Vorsitzender der britischen Opferorganisation
NAPAC, wurde als Kind von zwei Priestern missbraucht.

Was tut der Vatikan gegen den Missbrauch?

Die katholische Kirche hat ihre eigenen Regeln bei der Verfolgung von Priestern, die des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen verdächtig sind. Das ist einerseits selbstverständlich, weil es um kirchliche Strafen geht und die Kirche die staatliche Strafverfolgung nicht ersetzen kann. Rechtsstaatlichen Grundsätzen können die Verfahren aber nicht genügen. Doch die Kirche ist nun mal kein Rechtsstaat, sie beruft sich auf die göttliche Sendung. Im Zuge der Missbrauchsskandale erließ der Vatikan erstmals im Jahr 2001 kirchliche Normen zur Verfolgung von sexuellem Missbrauch im Klerus. Benedikt XVI. verschärfte diese Normen im Jahr 2010.

Zuständig für die Behandlung von Missbrauchsfällen sind in erster Linie die Bischöfe. Erfahren sie von einem Fall, müssen sie eine Voruntersuchung einleiten und sind damit Chefermittler und Vorgesetzte zugleich. Stellt sich die Anschuldigung als glaubwürdig heraus, muss der Bischof den Fall an die Glaubenskongregation im Vatikan verweisen. Die von Kardinal Gerhard Ludwig Müller geleitete Kongregation weist daraufhin den Bischof an, wie er weiter vorzugehen hat.

Anschließend können verschiedene Arten von Verfahren zur Anwendung kommen, ein kirchlicher Strafprozess oder abgekürzte Verfahren bei eindeutiger Aktenlage. Auch der Papst kann direkt eingreifen. Die Strafen reichen von Gehaltskürzungen über das Verbot, in bestimmten Bereichen tätig zu sein, bis hin zur Entlassung aus dem Klerikerstand. Nach Angaben des Vatikans gab es zwischen 2004 und 2014 3420 »glaubwürdige Anschuldigungen« von Klerikern wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Zwischen 2004 und 2013 seien 848 Geistliche in den Laienstand zurückversetzt worden. 2572 wurden mit anderen Strafen belegt.
Die Verfahren in erster Instanz finden in den Diözesen statt. Dort beruft der Bischof Diözesanrichter, meist kirchenrechtlich ausgebildete Priester. Wird Berufung eingelegt, geht der Fall wieder nach Rom.

Die Glaubenskongregation kann dann selbst über den Fall entscheiden oder ihn erneut an die Diözese abgeben. Dass die Fälle vor allem vor Ort entschieden werden, hat praktische Gründe. Es gibt keine sprachlichen Hürden, Täter und Opfer sind meist zugegen, aufwendige Reisen nach Rom sind überflüssig. Zudem hat die Glaubenskongregation geringe Kapazitäten. In der Disziplinarabteilung sind gerade einmal zwölf Priester, ein Laie und eine Sekretärin für sämtliche Verfahren in der ganzen Welt zuständig, Missbrauch eingeschlossen.

Papst Franziskus benannte 2015 eine Kommission von Kardinälen und Bischöfen, die über Rekurse von wegen Missbrauchs verurteilten Klerikern entscheiden. Damit sollte die Glaubenskongregation entlastet werden. In Verfahren gegen Bischöfe oder gegen Mitglieder der Kurie entscheidet die Vollversammlung der Kardinäle der Glaubenskongregation. Eine Handhabe gegen Bischöfe, die ihrer Anzeigepflicht nicht nachkommen, gibt es nicht. Ein von der päpstlichen Kinderschutzkommission vorgeschlagenes Bischofstribunal ist noch nicht aktiv.

Ein anderes Problem ist die mangelnde Transparenz der Verfahren. Ob Kleriker einen Missbrauch auch den staatlichen Behörden anzeigen müssen, richtet sich nach den staatlichen Normen im jeweiligen Land. In Deutschland gibt es im Hinblick auf den Schutz der Betroffenen keine Anzeigepflicht. Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihren Klerus zur Anzeige verpflichtet, es sei denn, die Betroffenen sind nicht einverstanden.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2016
Redakteur:
Julius Müller-Meiningen ()
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Papst, Sexualität