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Monarchie

Das wäre die Krönung

Aus: Christ & Welt Ausgabe 12/2012

Als Deutschland eine Monarchie war, gehörten Krone und Altar zusammen. Prinz Philip Kiril von Preußen, Ururenkel des letzten Kaisers, ist evangelischer Pfarrer. Was kann ein König, was ein Bundespräsident nicht kann?

Foto: Karlheinz Schindler/dpa

Christ&Welt: Sie treten für die Einführung der Monarchie ein. Täte Deutschland ein König gut?
Philip Kiril von Preußen:
Ich denke schon. Auch wenn es derzeit eine hypothetische Frage ist. Denn sie ruft reflexartig irrationale Reaktionen hervor. Man schwingt die Wilhelminismuskeule und übernimmt die fatale, ahistorische Formulierung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, Preußen sei ein Hort der Aggression und des Militarismus gewesen.

C&W: Reicht der Bundespräsident nicht?
Preußen:
Präsidenten bleiben mit Worten in Erinnerung: Herzog mit seiner Ruck-Rede, Rau mit „Versöhnen statt spalten“, und Richard von Weizsäcker mit seiner Interpretation des Tags der Befreiung. Diese Ebene der Worte ist nötig, aber sie berührt Menschen nicht im Innersten. Es ging kein Ruck durch Deutschland. Wenn unser Herz angerührt wird, verändern wir uns. Bei den zurückliegenden Fußballweltmeisterschaften kam so viel unkompliziertes Nationalbewusstsein auf, dass naserümpfende Intellektuelle ihr Land nicht mehr verstanden. Emotionen sind das Feld, das eine Königsfamilie bespielen kann. Sie muss sich gar kein Programm ausdenken. Es geht zu Herzen, dass sie da ist.

C&W: Bisher habe ich keinen König vermisst. Fehlt mir etwas?
Preußen: Bei dem, was zu Herzen geht, haben wir wahrscheinlich alle ein Vakuum. Wir erwarten es von Repräsentanten des Staates auch gar nicht. Nur wenn es um Geld geht, sollen sie Vorbild sein; da legen wir die Messlatte sehr hoch. Zusammenleben, Ehe und Familie von Politikern betrachten wir als Privatsache. Bei einer Königsfamilie dagegen schalten alle um auf traditionelle Werte, besonders die Medien, auf die in der heutigen Gesellschaft viel ankommt. Natürlich soll ein König eine glückliche Ehe führen. Natürlich soll der Thronfolger heiraten. Ich wüsste nicht, dass ein britischer Leitartikler je darüber räsoniert hätte, ob Prinz William ledig bleiben sollte.

C&W: Oder sich verpartnert.
Preußen:
(lacht) Das wär’ was! Da hat man konservative Vorstellungen. Wenn die Märchenhochzeit stattfindet, ist die nächste Frage: Wann bekommen sie ein Kind?

C&W: Ist das nicht eher ein Thema für die Regenbogenpresse?
Preußen:
Nein. Wir stecken dabei mitten in dem Problem, das Deutschland am meisten beschäftigt: unsere demografische Zeitbombe, die alle Lebensbereiche bedroht vom Fachkräftemangel und der Binnennachfrage bis zur Rente. Wenn, wie jetzt in Schweden, ein Mitglied der königlichen Familie geboren wird, was für eine Freude geht durchs Land! Selbst der Ministerpräsident spricht von einem Glückstag. Die Herzensebene hat einen viel intensiveren Einfluss als ein Appell der Familienministerin für bessere Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

C&W: Aber auch königliche Ehen gehen auseinander.
Preußen: Selbst dann wirkt die Königsfamilie noch wertestabilisierend. Denn die Presse schaltet bei den Royals immer auf traditionell. Fehlverhalten wird skandalisiert: Wie kann er nur! Scheitert eine Politikerehe, tritt genau das Gegenteil ein: Das wird als Privatsache abgetan oder ihm wird gar ein modernes Familienbild attestiert, wie beim bisherigen Bundespräsidenten Christian Wulff. Vor Kurzem wurde Wulffs Verhalten kritisiert mit der Bemerkung: Man erwartet von ihm schlicht und altmodisch Tadellosigkeit. Tatsächlich erwarten wir sie ja nur eingeschränkt. Er soll seine Konten offenlegen. Ein König ist vor solchen Fallen gefeit. Entweder er hätte alten Familienbesitz oder eine Apanage – und es wäre unter seiner Würde, von Freunden Geschenke anzunehmen. Es begibt sich auch kein Reporter auf die Ebene, bei europäischen Herrscherhäusern nachzu-schnüffeln. Bei einer Königsfamilie wird einfach kein klinisch beruflicher Maßstab angelegt. Ihr Leben gibt Stabilität. Sie werden nicht per Misstrauensvotum oder durch Aufhebung der Immunität aus dem Amt gefegt. Das tut einem Land gut.

C&W: Wie käme Deutschland zu einem König?
Preußen: Organisatorisch wäre das nicht so schwer. Wir hatten schon verfassungsändernde Mehrheiten im Bundestag.

C&W: Ob die SPD da mitmacht?
Preußen: In Schweden treffen Sie überzeugte sozialistische Royalisten. Da erfahren Sie auch, dass ein König ein identitätsstiftender Faktor in einem Land ist, mehr als ein Präsident, der aus dem Machtpoker hervorgegangen ist, bei seiner Wahl die Hälfte der Parteien gegen sich hat und deren Gunst dann – auf Zeit – erwerben muss.

C&W: In den letzten Jahrzehnten haben Länder ihre Könige eher abgesetzt: Ägypten, der Iran…
Preußen: …und diese Länder leiden bis heute daran. Die Monarchien Marokko und Jordanien sind dagegen relativ stabil. Sie schicken ihre Kinder auf westliche Schulen und importieren damit moderne Lebensstile. Und Königshäuser sind konzeptionell nicht fanatisch.

C&W: Außer in Saudi-Arabien.
Preußen: Das ist ein anderer Fall. Zumindest ist auch dort das Land stabil. Die Königsfamilie ist berechenbar, und sie saugt ihr Land nicht aus. Japan hat nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Tenno behalten, und das Land hat keine so großen Probleme mit seiner nationalen Identität wie Deutschland.

C&W: Ist Deutschland reif für einen König?
Preußen: Ob dafür das Land reif ist, das wage ich zu bezweifeln. Immerhin stellen Sie mir die Frage. Vor zehn Jahren hat das noch niemand getan. Vielleicht ticken die Uhren allmählich anders.

C&W: Ein guter, fürstlicher Rat für Joachim Gauck?
Preußen: Ich mag seine unprätentiöse Ehrlichkeit und wünsche ihm, dass er das, was er als Pfarrer verkörpert hat, in einer zu Herzen gehenden Weise auch mit ins Präsidentenamt nimmt: sich vor Gott zu verantworten und eine unkomplizierte Glaubensbeziehung zu pflegen. Denn sie gibt einem Repräsentanten die Unbefangenheit, nach dem Besten fürs Land zu fragen – und den Mut, dafür einzutreten, wenn es eng wird.

C&W: Können Protestanten besser regieren?
Preußen: Wahrscheinlich können Christen besser regieren. Weil sie mit der Unterstützung des Heiligen Geistes rechnen dürfen.

C&W: Sie sind Pfarrer. Worüber haben Sie zuletzt gepredigt?
Preußen: Am vergangenen Sonntag hielt ich eine Bewerbungspredigt über das Symbol der Taube und den Heiligen Geist und was er bewirkt. Er hat aus verschreckten Jüngern Apostel gemacht, mutige Zeugen des Evangeliums, die den Tod nicht fürchten.

C&W: Warum sind Sie Pfarrer geworden?
Preußen: Ich wollte mich mit ganzer Kraft und Zeit als Christ engagieren, als Menschenfischer, wie Jesus sagt. Ich war Lehrer und fühlte einen so starken Ruf in mir, dass ich gar nicht anders konnte, als den Umstieg zu versuchen. Als sich dann auch die finanziellen Türen dazu öffneten, bin ich noch einmal an die Universität zurückgekehrt.

C&W: War bei Ihrer Berufswahl die Tradition Ihrer Familie lebendig?Preußen: Die kam an einem anderen Punkt zum Tragen, nämlich bei meiner Kirchenzugehörigkeit. In einer kirchenkritischen Phase sagte ein Dozent über mich: Dann soll er sich mal auf seine Vorfahren besinnen. Damit meinte er, dass der Landesfürst das weltliche Oberhaupt der Kirche war, so ähnlich wie die Queen von England. Das habe ich mir zu Herzen genommen: Wenn ich mich engagieren will, dann in der Kirche, die traditionell zu unserer Familie gehört und zu der wir den engsten Bezug haben. Unsere Familie trug bis vor wenigen Generationen zudem Verantwortung für das Land und die Menschen. Ich verstehe mich als Diener Gottes, der das geistliche Wohl des Landes im Blick hat.

C&W: Was bedeutet es im Alltag, den Namen Preußen zu tragen
Preußen: Ich habe gelernt, meinen Namen als Aufgabe, als Verantwortung zu sehen. Weil ich Christ bin und einen starken Freund an meiner Seite weiß, bin ich diese Aufgabe gespannten, aber frohen Herzens angegangen. Bei Entscheidungen an biografischen Eckpunkten wird das relevant. Bei der Heirat habe ich überlegt, dem Hausgesetz zu entsprechen. Nicht dem des Hauses Hohenzollern, sondern dem des himmlischen Hauses. Ich habe eine Christin geheiratet. Ihre Herkunft war zweitrangig. Beim Beruf war die Priorität ähnlich: Ich habe mich gefragt, was mein himmlischer Vater will, und erst in zweiter Linie, was meine Herkunft von mir erwartet.

C&W: Wie ist das Verhältnis zur Familie?
Preußen: Mein Großvater hat einen unsäglichen Erbstreit heraufbeschworen, weil er meinen Vater wegen seiner bürgerlichen Heirat enterbte und meinen Vetter auserkor. Mein Vater hat sein Erbteil eingeklagt. Das Bundes-verfassungsgericht gab ihm recht, aber die Familie setzte ihn dennoch nicht zum Chef des Hauses ein. Jetzt ist sie in zwei Lager gespalten. Ich habe meinen Vater auf seine Bitte hin unterstützt, obwohl ich als Christ eigentlich meine, dass man einander unter Christen nicht vor Gericht ziehen soll. Mir will mein Vetter anwaltlich das Wort verbieten. Es ist aber ein Los, das viele Kinder in ihren Familien kennenlernen. Man weiß nicht, in wie vielen despotischen Chefs verletzte Kinderseelen stecken.

Das Gespräch führte Wolfgang Thielmann.


„Gott spielt in meinem Leben keine Rolle, er ist der Regisseur“, steht als Motto auf der Facebook-Seite des Ururenkels des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Gäbe es eine Monarchie, der 43-Jährige wäre Anwärter auf den Thron. Doch weil seine Mutter bürgerlich ist, enterbte sein Großvater seinen Vater, Kronprinz Friedrich Wilhelm. Daher ist Philips Vetter Prinz Georg Friedrich heute Chef des Hauses Hohenzollern. Philip Kiril wuchs bürgerlich auf, studierte Jura, wurde Grundschullehrer und entschloss sich dann, sich zum Pfarrer ausbilden zu lassen. Er ist verheiratet mit Anna-Christine Soltau. Das Paar hat sechs Kinder und lebt in Oranienburg bei Berlin. wt

 

Erschienen in:
Ausgabe 12/2012
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Kultur, Familie, Innenpolitik