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Essen mit gutem Gewissen

Das Gelbe vom Ei

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Bio-Hochmut kommt nach dem Dioxin-Fall. Dürfen Öko-Kunden auf arme Allesschlucker herabsehen?

Die Früchte des Paradieses genügten strengsten Öko-Standards. Vergiftet waren sie zwar trotzdem, aber rein pestizidtechnisch betrachtet, dürfte Gott nach den Kriterien von Demeter und Co. als Biobauer durchgehen. Seitdem gedeihen die Bäume der Erkenntnis zum Thema Ernährung, wir wissen mehr, messen mehr – und sehnen uns doch nach dem Zustand der Unschuld. Wir begehren, beim Verzehren nicht schuldig zu werden. Das wäre das wahre Einkaufsparadies.

Während in den Verbrauchermagazinen von Funk und Fernsehen sorgenvoll Experten den Gesundheitsschaden von Gift im Ei abschätzen, redet die Bioladen-Kundschaft abschätzig über alle, die sich als Opfer fühlen. Wer sich mit Eiern aus Massentierhaltung abspeisen lässt, ist halt selbst schuld, lautet ihr schnelles Urteil. Ein Fall von Öko-Hochmut.

Manche Moraltheologen mögen die Bio-Begeisterung zunächst unterfüttern: Die christliche Religion feiert das Abendmahl als zentrales Ereignis des Gottesdienstes, und auch das Alltagsessen – aufgegriffen im „täglich Brot“ des Vaterunsers – ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme. „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast“, sprechen Kinder seit Generationen als erstes Tischgebet. Ein Omelett, das Rückstände von Industriefetten enthält, beleidigt Herrn Jesus, den gebetenen Gast, und die Esser am Tisch. Der Respekt vor der Schöpfung, vor der Arbeit der Bauern und vor dem eigenen Leben gebietet es, Nahrungsmittel wertzuschätzen.

Es stimmt etwas nicht, wenn in den Zeitungsanzeigen der großen Lebensmittelmärkte der Preis des Eis deutlich mehr Platz einnimmt als das Ei selbst. Es stimmt etwas nicht, wenn derjenige als clever gilt, der mit seinem BMW X5 bei Aldi vorrollt, weil dort gerade die Bananen für 99 Cent das Kilo im Angebot sind. Es stimmt etwas nicht, wenn zuerst bei den Nahrungsmitteln gespart wird und dann beim Urlaub.

Doch Essen hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern auch die Gesellschaft. In der Vergangenheit war der Marktplatz ein Treffpunkt für alle. Auf heutigen Biowochenmärkten muss die Kundschaft diskursfest sein, denn hier wird wie im Oberseminar darüber diskutiert, welche CO2-Bilanz ein Reblochon im Vergleich zu einem Rohmilchkäse aus der Eifel hat. Das ethische Futter für dieses Einkaufsparadies wird schnell knapp: Ist es gerecht, wenn sich Respekt vor der Schöpfung vor allem in Geld und Bildung bemessen lässt? Eine Belehrung hat womöglich der BMW-Fahrer verdient, denn er könnte mehr Wertschätzung für Lebensmittel und ihre Produzenten ausdrücken, wenn er nur wollte. Wer aber mit jedem Cent rechnen muss, kommt kaum an Discountware vorbei. Wären die Lebensmittelpreise höher, müsste auch das Existenzminimum höher ausfallen. Aldi, Lidl und Penny subventionieren Hartz IV. Sie sind die wahren Marktplätze der Gegenwart; sie gehören zu den wenigen Orten, an denen sich diejenigen, die sparen müssen, und diejenigen, die sparen wollen, begegnen. „Billige Schoko-Creme-Desserts für alle!“ Diese Verheißung hält eine Konsumgesellschaft zusammen.

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Ethik, Lebensstil