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Das Fleisch ist schwach

Aus: Christ & Welt Ausgabe 07/2016

Unterstützt der Papst in Mexiko die Reformer? Es sieht so aus. Doch beim sexuellen Missbrauch der Legionäre Christi bleibt er zu mild

Foto: Yuri Gripas/Reuters

Sein Wunsch wurde erhört: Als der mexikanische Bischof Raúl Vera gefragt wurde, welche Orte der Papst bei einem Besuch in Mexiko aufsuchen sollte, ließ er sich nicht lange bitten: »Er sollte die Route der Flüchtlinge kennenlernen, die in die USA auswandern wollen«, erklärte er im Juli 2014 gegenüber der spanischen Zeitung »El País«. Vera empfahl dem Papst auch einen Gefängnisbesuch, einen Abstecher in die vom Drogenhandel gezeichneten Armenviertel und die Begegnung mit Mexikos Indigenen.

Franziskus hält sich an die Vorgaben. Die Route des Papstes quer durch das zweitgrößte katholische Land der Welt gleicht einem Pilgerweg von einem lateinamerikanischen Problem zum anderen: Drogen und Gewalt im Zentrum, Flüchtlingsdrama und Armutsgefälle im Norden, und die mitunter unzugängliche Welt der Mayas im Süden. In der aktuellen angespannten Lage Mexikos birgt seine Reise politischen und theologischen Sprengstoff. Und sie steckt – typisch lateinamerikanisch – voller Gesten.

Eine der wichtigsten ist das Treffen des Papstes mit den Eltern der seit September 2014 verschwundenen Studenten von Iguala. Die 43 vermutlich ermordeten Lehramtsanwärter gelten als vermisst. Das Verbrechen hielt das Land monatelang in Atem. Es ist immer noch nicht aufgeklärt.

»Wenn der Papst diese Gruppe empfängt, macht er deutlich, dass der Staat eine Verpflichtung hat, dieses Verbrechen aufzuklären. Es ist eine Mahnung, den Opfern gerecht zu werden«, sagt Prälat Bernd Klaschka, der Hauptgeschäftsführer des kirchlichen Hilfswerkes Adveniat. Das vertrauliche Gespräch findet aller Voraussicht nach in der Grenzstadt Ciudad Juárez statt.

Klaschka begleitet den Papst auf seiner Reise. Mexiko ist für den Prälaten eine zweite Heimat. Mehrere Jahre arbeitete er dort als Priester und leistete Gemeindearbeit. Er spürt, dass sich in dem Land mit seinem konservativen Klerus gerade eine kirchenpolitische Wende vollzieht. Bis vor Kurzem hatten dort die Anhänger der wegen sexuellen Missbrauchs berüchtigten Legionäre Christi das Sagen. Befreiungstheologische Initiativen wurden abgestraft. Doch seit der Wahl von Franziskus weht ein anderer Wind. »Einige Bischöfe sind ins Nachdenken gekommen«, weiß Klaschka. »Andere fühlen sich vom Papst ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.«

Einer dieser Bischöfe ist Raúl Vera. Als ihn Papst Johannes Paul II. 1995 in die Diözese San Cristóbal de las Casas im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas schickte, tobte dort der Aufstand der Zapatisten. Als Koadjutor sollte Vera den amtierenden Bischof Samuel Ruiz ausbremsen. Der berühmte Befreiungstheologe, ein Vorkämpfer für die Rechte der indigenen Bevölkerung, war Rom zu rebellisch. Doch Vera solidarisierte sich mit Ruiz und fiel deshalb in Ungnade. 1999 wurde er in den Nordosten Mexikos versetzt und zum Bischof von Saltillo ernannt. Mittlerweile haben die Worte des 71-Jährigen wieder Gewicht. Er gilt als Vertrauter des Papstes.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2016
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Papst