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Contra

Das darf der nicht!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 08/2013

Rechtlich ist die Sache klar: Ein Papst darf zurücktreten. Ob aus gesundheitlichen Gründen, als Folge eines Skandals oder aus karnevalistischem Jux und Tollerei, spielt kirchenrechtlich keine Rolle. Nach Kanon 332, Absatz zwei muss ein Papst keine Gründe angeben für einen Rücktritt oder gar irgendjemanden um Erlaubnis fragen. Wen auch, er ist der Stellvertreter Jesu Christi. Bei ihm enden nicht nur alle Dienstwege, er steht über ihnen. Das gebietet allein sein Selbstverständnis. Ein Papst ist kein Beamter oder Angestellter. Er ist die Stimme Gottes, dessen Willen trägt er in die Welt.

Aus diesem Grund kann Papst auch niemals Ausbildungsberuf sein. Eine solche Aufgabe kann man sich nicht aussuchen, sie sucht den Menschen aus. Anders geht es nicht, sprechen doch durch diesen Menschen in Glaubensangelegenheiten Gott und die Wahrheit, zumindest in der Theorie. Und nur in diesem Fall ist er unfehlbar, in allen anderen ist er Mensch wie wir alle. Und als Mensch kann er sich irren, und er hat sich geirrt. Denn wenn irgendwo irgendein Kanon sagt, dass ein Papst zurücktreten darf, heißt das noch lange nicht, dass auch zurücktreten sollte – oder dass es gar, wie Benedikt es einmal formulierte, seine „Pflicht“ ist, wenn er den „Auftrag seines Amtes“ nicht mehr bewältigen kann. Weil der Verstand schwindet. Oder die Kraft. Oder beides. Im Amt öffentlich zu sterben wie Johannes Paul II. muss für seinen zurückhaltenden, beinahe scheuen Nachfolger als eine Prüfung erschienen sein, die er glaubte nicht bestehen zu können. Und weil er das glaubte, bestand er sie auch nicht.

So menschlich diese Entscheidung sein mag, muss man sie aus genau diesem Grund auch hinterfragen. Allein die Diktion Benedikts verrät, dass er nie aufgehört hat, zwischen Amt und Person zu unterscheiden. Beide sind für ihn einander fremd und keine Einheit. Der Mensch, so die Argumentation, muss dem Amt genügen, genügt er dem Amt nicht mehr, muss der Mensch gehen. Denn das Amt will es.

Bereits zu Beginn seines Pontifikats sprach Benedikt mal vom „Fallbeil“, das mit dem Amt auf ihn niedergegangen sei. Das ist an sich nicht ungewöhnlich: Nur die wenigsten Auserwählten waren zu Anfang von ihrem neuen Amt, oder sagen wir lieber: ihrer neuen Aufgabe, sonderlich begeistert. Sie alle glaubten, den Ansprüchen nicht genügen zu können, sie alle verzweifelten. Aber akzeptiert mit allen Konsequenzen haben sie die Aufgabe und das Amt dann doch. Man stelle sich vor, Jesus wäre kurz vor der Kreuzigung aus Gesundheitsgründen als Messias und Gottessohn zurückgetreten. Undenkbar, nicht wahr? Denn Jesus hatte nicht nur eine Mission, er hatte auch eine Passion. Die eine gab es für ihn nicht ohne die andere. Wie kann da einer seiner Stellvertreter plötzlich beide voneinander trennen?

In der mehr als zweitausendjährigen Geschichte des Katholizismus hat sich das kaum ein Papst getraut. Der Rücktritt Benedikts ist beispiellos, zumindest beinahe. Im 13. Jahrhundert wurde schon einmal ein 80-Jähriger Papst, um mit dem Verweis auf die „Schwäche des Körpers“ nach einiger Zeit zurückzutreten. Wie Benedikt verkündete auch Coelestin V. seinen Rücktritt per Ansprache an seine Kardinäle. Auch er wollte danach ins Kloster gehen und sehnte sich nach Ruhe. Benedikt XVI. mag, wie er mehrfach bekannte, Coelestin bewundern, für Dante und manche seiner Zeitgenossen war der amtsflüchtige Papst nur ein „Feigling“, der zumindest in der „Göttlichen Komödie“ an der Höllenpforte steht. Am Ende war Coelestin nicht mal die Ruhe des Klosters vergönnt. Er starb im Kerker seines Nachfolgers Bonifaz VIII. Dieses Schicksal dürfte Benedikt mit ziemlicher Sicherheit erspart bleiben. Wie Coelestin will auch er sich nun aus einer Welt entweltlichen, die sich für ihn schnell und schneller zu drehen scheint und die er immer weniger versteht – was natürlich nicht an ihm, sondern am Zeitgeist liegen muss. Ahnt Benedikt denn nicht, dass er die katholische Kirche, seine kleine Welt, die er unbeweglich, ewig und wahr im weiten Universum des globalen Unglaubens verankert sehen wollte, gerade damit ordentlich ins Rotieren versetzt?

Wie kann man wider Zeitgeist und Individualismus predigen, wenn beide an der Spitze der Hierarchie, also quasi im Himmel angekommen sind? Wie Ehepaaren einbläuen, zusammenzubleiben, bis der Tod sie scheidet, wenn ein Papst aus Angst vor dem Tod aus dem Amt scheiden darf? Dabei sollte sein Pontifikat mal für Eindeutigkeit, Klarheit und Demut stehen. Am Ende hat Benedikt das Gegenteil erreicht. Er ist gescheitert in allem, was er erreichen wollte, und hat erreicht, was er geschworen hatte zu verhindern: dass einer nämlich, ein Mensch und kein Amtsträger, sich hinstellt und sich seine Freiheit nimmt. Einfach so.

Hier entscheidet nicht Benedikt XVI., sondern Joseph Ratzinger, der stille, zurückhaltende Bayer, der sich so ungern als öffentliche Person sieht, zumal als gebrechliche Person. Er definiert, was er darf und was nicht, was katholisch ist und was nicht. Doch wenn diesem Menschen, einem Papst ausgerechnet, das erlaubt ist und er nicht nur durch ein schwurbeliges
Kirchenrecht dazu ermächtigt wird, wie unterscheidet sich ein Papst dann von einem Politiker oder Manager?


Heute tritt man aus gesundheitlichen Gründen zurück, morgen wegen Sexismus oder weil man drei Sätze in seiner Doktorarbeit zitierte, ohne sie bei höherer Stelle anzugeben. Und irgendwann landet man schließlich wie Guttenberg mit einem Reuebekenntnis in der „Bunten“.

Erschienen in:
Ausgabe 08/2013
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
keine