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"Das Alte Testament verkündigt nicht Jesus von Nazareth!"

Aus: Christ & Welt Ausgabe 18/2015

In der evangelischen Kirche tobt ein Streit um den ersten Teil der Bibel. Gehört er überhaupt zur Heiligen Schrift? Hannes Leitlein spricht mit Notger Slenczka, dem Initiator der Debatte. Ihm antwortet der Religionswissenschaftler Jan Assmann im Gespräch mit Wolfgang Thielmann

Christ&Welt: Herr Slenczka, wollen Sie das Alte Testament abschaffen?

Notger Slenczka: Das habe ich nirgends geschrieben. Man kann ein Schriftkorpus nicht abschaffen. Das Alte Testament wird weiter Teil der Bibel sein und im Gottesdienst gelesen werden. Es geht mir um eine klare Zuordnung der Texte. Apokryph sind Bücher, die unter dem Vorzeichen kanonischer Texte gelesen und auch gepredigt werden. Kanonisch sind Texte, die als Richtschnur für das Leben und die Lehre der Kirche gelten, Texte also, die das Evangelium von Jesus von Nazareth verkünden. 

C&W: Das Alte Testament verkündet nicht das Evangelium von Jesus Christus? 

Slenczka: Paulus ist der festen Überzeugung, dass im Alten Testament Jesus als der Christus verkündigt wird. Der Glaube des Abraham ist für ihn Glaube an Christus. Das zieht sich durch die Kirchengeschichte, bis hin zu Karl Barth und zur Barmer Theologischen Erklärung. Kanonisch ist das Alte Testament, weil es Jesus von Nazareth verkündigt. Historisch gesprochen verkündigt das Alte Testament aber nicht Jesus.

C&W: Ist das Alte Testament für Christen nicht Wort Gottes? 

Slenczka: Es ist in erster Linie Wort Gottes an Israel. Das ist Ergebnis des jüdisch-christlichen Dialogs. Weil das Alte Testament sich an ein bestimmtes Volk richtet, ist es nicht Rede an jedermann und auch nicht ohne Weiteres an die christliche Kirche. Es ist dem jüdischen Volk Evangelium. Es spricht von der Erwählung dieses Volkes. Der Respekt gebietet, vor dem Selbstverständnis dieses Volkes zurückzutreten und zu sagen: Es ist unsere religionsgeschichtliche Voraussetzung, aber es ist nicht Verkündigung von Jesus. 

C&W: Aber es ist doch der gleiche Gott. 

Slenczka: Christen erfahren Gott ganz zentral in der Person Jesus von Nazareth. Er ist unser Verstehensschlüssel für Gott. Wir erzählen eine andere Geschichte von Gott als das Judentum – für uns gehört die Lebensgeschichte Jesu von Nazareth zur Identität Gottes. Das ist der eigentliche Sinn der Trinitätslehre. Und das bedeutet: Die Rede vom einen Gott der Juden und Christen ist eine komplexe theologische Denkaufgabe, keine Selbstverständlichkeit. 

C&W: Gestehen Christen dem Alten Testament heute einen geringeren Stellenwert zu?

Slenczka: Wir gehen wählend damit um. Im Gesangbuch finden sich nur bestimmte Psalmen. Wir wählen, ob diese Psalmen von einem partikularen Liebeswillen sprechen oder von einem, der die ganze Menschheit meint. Ganz offensichtlich ist das beim Umgang mit Feinden. Dasselbe Problem haben wir auch mit Stellen im Neuen Testament. 

Erschienen in:
Ausgabe 18/2015
Redakteur:
Hannes Leitlein
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Judentum